Hoffnung in der Weltunordnung

Politik

Wir leben nicht mehr in einer Zeit der „Weltordnung“, sondern der „Weltunordnung“. Zumindest wenn man nach dem Politikwissenschaftler Carlo Masala geht, der ein gleichnamiges Buch geschrieben hat. Nicolai Franz hat sich für uns der Frage gestellt, ob und wie lange der Mensch diese Unordnung eigentlich ertragen kann. Und ob es nicht irgendwo Hoffnung gibt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich ziemlich schnell zwei klare Blöcke gebildet: hier der Westen unter der Führung der USA, da die Sowjetunion und deren Verbündete. Ende der 1980er Jahre öffnete sich die Sowjetunion für Reformen, doch auch die konnten den Abstieg und schließlich den Zusammenbruch der riesigen Staatengemeinschaft nicht aufhalten. Der Westen triumphierte, das Wettrüsten war endlich vorbei, die atomare Bedrohung kaum noch vorhanden – so hieß es schnell, und so wurde es auch lange in unseren Breitengraden geglaubt.

Aufbruchstimmung

1989 schrieb der US-Politologe Francis Fukuyama in einem Artikel für das Magazin „The National Interest“ vom „Ende der Geschichte“, und er meinte damit, dass sich auf Dauer überall die Freiheit durchsetzen würde, will meinen: Demokratie, Menschenrechte, freie Marktwirtschaft. Ein wenig kühn mutete das damals schon an, ähnlich wie der legendäre Satz des damaligen Bundestrainers Franz Beckenbauer, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft inklusive der neu hinzugekommenen Spieler aus dem Osten „auf Dauer nicht zu besiegen“ sein werde. 

Tatsächlich herrschte Aufbruchstimmung in den 1990er Jahren. Eine neue, friedliche Gemeinschaft mit Russland schien möglich, große Kriege in weiter Ferne – von lokalen Konflikten abgesehen. Das täuschte allerdings darüber hinweg, dass es in Wahrheit keine wirklich neue Weltordnung mehr gab. Im Gegenteil: Nach den Anschlägen vom 11. September folgten Kriege im Irak und in Afghanistan, in denen die USA mit Hilfe von Verbündeten unter anderem eben auch jene westlichen Werte in die Länder – militärisch – exportieren wollten, von denen Fukuyama geschrieben hatte. Wenige Jahre später war klar: Sie waren krachend gescheitert.

Während viele schliefen

Während die kriegsmüden USA sich im Anschluss vor allem um sich selbst kümmerten, arbeiteten zwei Mächte unermüdlich daran, ihren Einfluss zu vergrößern: Wladimir Putin begann, seine Vision vom Wiederaufbau des Russischen Reiches voranzutreiben. Und die neue Großmacht China schaffte es erfolgreich, immer mehr Länder durch gnadenlose Wirtschaftspolitik an sich zu binden. Die BRICS-Allianz aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika formierte sich – und versucht, einen Gegenpol zur westlichen Dominanz des Globus zu formen. Doch erst als Russland die Ukraine im Februar 2022 mit einer groß angelegten Invasion überfiel, wachten westliche Politiker aus dem 30 Jahre währenden Dornröschenschlaf auf. Ja, die Welt ist in Unordnung. In Unruhe. 

Das macht auch etwas mit den Menschen in Deutschland. Zumal auch die Pandemie seit 2020 unser aller Leben durcheinandergewirbelt hat. Spätestens ab etwa 2022 lässt sich das auch anhand von Zahlen belegen. So zeichnet der „Weltglücksreport“ der Vereinten Nationen ein deutliches Bild. Darin messen die Forscher Daten wie Lebenserwartung, Bruttoinlandsprodukt und andere objektive Daten, aber auch persönliche Einschätzungen der Befragten. Demnach geht es den Deutschen im weltweiten Vergleich noch sehr gut: Unter den 155 Ländern belegt die Bundesrepublik Rang 16. Allerdings sind die Werte in den vergangenen drei Jahren deutlich gesunken. Der Standard Eurobarometer der Europäischen Kommission kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Dort geben die Befragten neben der Migrationskrise und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auch die erhöhten Lebenshaltungskosten durch die Inflation als großes Problem an. Vom Klima ganz zu schweigen.

„Weltunordnung muss nicht bedeuten, dass erneut finstere Zeiten drohen. Sie kann auch ein reinigender Prozess sein, in dem die Welt eine bessere wird als zuvor. Die Bibel nennt das ‚Läuterung‘.“

Wie Gold im Feuer

Keine Frage – in den kommenden Jahren werden höchstwahrscheinlich Entscheidungen getroffen, die unsere Weltordnung auf Jahrzehnte bestimmen werden. Der Kriegsausgang in der Ukraine, das Verhalten Chinas gegenüber Taiwan, die Ausbreitung des globalen Populismus: All diese Themen haben das Zeug, die Welt ins Chaos zu stürzen. Aber, so sagt es auch Buchautor Carlo Masala: Diese „Weltunordnung“ muss nicht bedeuten, dass erneut finstere Zeiten drohen. Sie kann auch ein reinigender Prozess sein, in dem die Welt eine bessere wird als zuvor. Die Bibel nennt das „Läuterung“. Wenn ein Klumpen Gold im Feuer geläutert wird, ist dafür viel Energie und Hitze nötig. Aber am Ende sind die Unreinheiten entfernt, das Gold erstrahlt in seinem gelben Glanz. 

Die Geschichte hat uns gelehrt , dass der Versuch, ein Paradies auf Erden zu errichten, eher zum Gegenteil führt. Trotzdem sind auch Christen aufgerufen, der Stadt, des Landes, der Erde Bestes zu suchen. Und das geht auch inmitten einer unordentlichen Welt. Generationen von Gläubigen haben vorgelebt, wie selbst in den größten Krisen, im Krieg, in Zerstörung und Trümmern die göttliche Hoffnung auf ein besseres Morgen die Menschen beflügelt. Vielleicht gerade dann. Vor allem sollten solche Zeiten wie die unsere dazu führen, dass gerade Christen nicht in den Chor der Weltuntergangsprediger einstimmen, die den angeblich fortwährenden moralischen Abstieg der Erde und ihrer Bewohner geradezu als Gottesbeweis benötigen. Gott weiß, wann er die Erde zu ihrem Ende führen wird – ihre Bewohner wissen es nicht. Was sie wissen: Dass sie Salz und Licht sein sollen. Auf der großen Bühne der Weltpolitik, am Arbeitsplatz, aber auch in Gesprächen mit Nachbarn und Freunden.

Nicht zu vergessen

Und bei aller Krisenrhetorik, die uns seit Jahren zermürbt, darf man auch den Blick für die Fakten nicht verlieren: Den Deutschen des Jahres 2024 geht es insgesamt so gut, wie es sich Menschen in früheren Jahrhunderten kaum erträumen konnten. Seit beinahe achtzig Jahren herrscht Frieden. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Die medizinische Versorgung liegt auf hohem Niveau – und das weitgehend kostenlos. Kinder bekommen kostenfreie Bildung, alle Menschen genießen ein hohes Maß an Freiheit. Das ist zunächst einmal ein Grund, sich dankbar auf das zu besinnen, was Gott geschenkt hat. Und dann natürlich auch nicht die Augen vor den Problemen zu verschließen, die es zweifelsohne gibt. 

Dann können Christen in einer Welt, die in Unordnung lebt, auch glaubhaft den Gott bezeugen, von dem es im Korintherbrief heißt: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“