Wenn aus Lieb sein Liebe wird

Vom Selbstschutz zu echter Nähe: Auf dem Weg zu authentischen Beziehungen

Welcher „Beziehungs-Typ“ sind Sie? Sind Sie immer und zu allen nett? Eher distanziert und unabhängig? Oder sind Sie gar ein leidenschaftlicher „Kämpfer“? Finden Sie es heraus – und erfahren Sie, was Ihre Beziehungen stark macht, was sie blockiert und was Liebe mit Mut zu tun hat.

Britta ist herzlich und nett. Sie kann sich gut auf andere einstellen und wird von fast jedem gemocht. Doch sie leidet auch darunter, dass ihre Wünsche viel zu oft unter die Räder geraten. Manchmal fühlt sie sich ausgenutzt.

Martin reagiert immer gelassen und souverän – egal, wie schwierig sich ein Problem darstellt. Er braucht nicht lange nachzudenken, um eine sachliche Lösung zu finden. Dafür wird er von anderen geschätzt – gilt aber als unnahbar.

Alissa besticht durch ihre Führungsqualitäten. Schon als Mädchen war sie Klassensprecherin, heute ist sie Stationsleiterin in einem Krankenhaus. Viele orientieren sich an ihren Vorschlägen. Doch in letzter Zeit beklagen sich auch immer wieder mal Kollegen, sie sei dominant und stülpe anderen ihre Ansichten über.

Drei Menschen, drei „Beziehungstypen“: Was wir unter Liebe verstehen, wie wir sie weitergeben, aber auch, mit welchen Strategien wir uns vor Verletzungen schützen, haben wir schon früh gelernt. Denn auf dem Terrain menschlicher Beziehungen machen wir von Kindesbeinen an nicht nur schöne, sondern eben auch verstörende Erfahrungen. So haben uns zum Beispiel unsere Eltern, die uns einerseits ihre Liebe beteuerten, andererseits auch manches zugemutet, das uns wehgetan, enttäuscht oder wütend gemacht hat. Aber auch außerhalb der Familie begegnen uns immer wieder Ungerechtigkeit und unangenehme Menschen. Und selbst unsere Freunde, die uns aufrichtig mögen, sind zu Verhaltensweisen fähig, die uns verletzen. Schnell lernen wir: Ein „liebes Kind“ übersteht die Härten des Lebens nicht – und eignen uns Schutzmechanismen an.

Wann immer wir einer unangenehmen Situation ausgesetzt sind, haben wir drei grundlegende Möglichkeiten, uns zu schützen: Anpassung, Flucht oder Kampf. Welchen Weg ein Mensch wählt, ist eng mit seiner Persönlichkeit und seinem Temperament verknüpft, aber auch mit seiner Prägung. Doch leider schützen uns diese Mechanismen nicht nur, sondern wirken sich auch darauf aus, in welche Richtung sich unser Liebesvermögen entwickelt, indem sie es einerseits ausrichten, andererseits aber auch begrenzen. Es gibt drei ganz typische Begrenzungen: 1. Liebe, die sich verbiegt, 2. Liebe, die sich entzieht, und 3. Liebe, die sich verkämpft. So entdecken wir zum Beispiel, dass wir der Aggression anderer entgehen, wenn wir uns anpassen. Oder wir lernen, wie wir Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können, indem wir uns entziehen. Oder wie wir uns „hart“ machen und im Kampf durchsetzen.

Doch auf diesem Weg geraten wir bald in eine emotionale Zwickmühle: Denn all diese Mechanismen schützen uns zwar, aber nun quält das Gewissen – haben wir uns doch von dem Idealbild des lieben Mädchens oder lieben Jungen entfernt. Und dazu wächst die Überzeugung, dass unsere Sehnsucht nach einer Liebe, die uns so annimmt, wie wir sind, niemals gestillt wird. Dieses Dilemma, das früh beginnt, prägt bei Vielen fortan ihr Beziehungsleben – ob in Partnerschaft und Familie, Freundeskreis oder Berufsleben.

In der Liebe reifen und beziehungsfähiger werden – kann das gelingen? Ja, es kann. Doch auf dem Weg dorthin stehen wir alle vor Aufgaben, denen sich reifende Liebe stellen muss. So müssen wir unser ganz persönliches „Gepäck“ genauer in Augenschein nehmen und uns mit den Mechanismen auseinandersetzen, die unsere Liebesfähigkeit einschränken. Doch der Einsatz lohnt sich: Am Ende stehen gesündere und liebevollere Beziehungen, die in einer erwachsenen und authentischen Liebe wurzeln.

Die nette Britta: Liebe, die sich verbiegt

Zurück zu Britta: Wenn sie trotz all ihrer Bemühungen, es allen recht zu machen, doch einmal hinter den Erwartungen eines andern zurückbleibt, beschäftigen sie Schuldgefühle. Schwierige Menschen bringen sie in Not. Unangenehme Begegnungen gehen ihr lange nach, sie fühlt sich verletzt und grübelt, was sie falsch gemacht hat, dass andere ihr so mitspielen. Trotzdem zwingt sie sich weiterhin zur Freundlichkeit. Zum Glück hat Britta viele gute Freundschaften, in denen sie sich wohlfühlt. Sie ist auch eine unkomplizierte Freundin, weil sie bescheiden ist, keine Ansprüche stellt und nachgeben kann, bevor es Spannungen gibt.

So manche Predigt zum Thema Liebe hinterlässt bei mir den Eindruck, als wären Menschen wie Britta die idealen Christen: Leuchttürme der Liebe Gottes. Als Therapeut aber weiß ich, dass dieser Liebesstil oft mit psychosomatischen und depressiven Beschwerden einhergeht. Die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen ist für die seelische Gesundheit nicht immer gut, genauso wenig, wie sich den Schwächen anderer auszuliefern oder die eigenen Wesenszüge so lange zu verändern, bis sie zu den Erwartungen anderer Menschen passen.

Wenn ich unter diesem Gesichtspunkt den christlichen Glauben betrachte, fällt mir auf: Gott zeigt sich ganz anders. Er mutet uns auch Seiten von sich zu, die uns nicht gefallen. Er ist nicht bloß der „liebe Gott“, stets sanft und duldsam. Vielmehr stellt seine Liebe auch Forderungen und setzt gesunde Grenzen. Gottes Liebe ist weit davon entfernt, sich zu verbiegen und erschöpft sich schon gar nicht darin, unsere Erwartungen zu erfüllen.

Davon können wir lernen. Menschen, die sich für andere verbiegen, können in ihrer Liebesfähigkeit reifen, wenn sie sich auch authentische und konfrontierende Formen der Liebe aneignen. Was ist das auch für eine Liebe, wenn ich mich anderen mit meinem Wesen, meinen Empfindungen und Gedanken nicht zumuten darf? Natürlich sollte dies taktvoll geschehen, aber nur so kann die Begegnung zweier Menschen authentisch werden. Wenn ich dadurch bei anderen Erwartungen enttäusche oder Ängste wecke, beginnt eine wesentliche Aufgabe der Liebe: Sie begegnet Unterschieden wertschätzend und gleicht diese in fantasievoller Weise aus. Sie gibt und empfängt dankbar, was möglich ist, bejaht aber auch die eigenen und fremden Grenzen.

Dabei helfen von psychologischer Seite vor allem gute Kommunikationsmittel und gute Strategien der Konfliktbewältigung. Zum Beispiel lässt sich mit der berühmten „Ich-Botschaft“ der eigene Standpunkt auf sanfte Weise mitteilen: Zunächst beschreibt man möglichst neutral die Situation, zu der man Stellung nehmen will. Dann beschreibt man die Folgen, die die Situation für einen mit sich bringt, und die Gefühle, die sie auslöst. So lernt Britta die Ich-Botschaft zum Beispiel gegenüber einem Bekannten einzusetzen, der ihr mit seinem Mitteilungsdrang viel Zeit gestohlen hat: „Wolfgang, wenn du so lange erzählst, fühle ich mich irgendwann wie erschlagen. Außerdem finde ich es nicht schön, wenn ich gar nicht zu Wort komme.“ Die Ich-Botschaft kritisiert den anderen nicht, bewertet ihn nicht und lässt ihn in seiner Reaktion ganz frei. Deshalb wird sie meist gut angenommen. Natürlich hat Britta nach dieser Äußerung erst einmal Schuldgefühle, denn besonders „lieb“ war sie ja nicht. Doch mit der Zeit gewannen die Gespräche mit Wolfgang dadurch eine ganz andere Qualität.

Auf dem Weg zu einer reiferen Liebe hat Britta aber noch mehr gelernt: Nein zu sagen und Grenzen zu setzen zum Beispiel. Wenn andere ihre Schwächen nicht ungehindert auf unsere Kosten ausleben dürfen, gedeiht eine Beziehung einfach besser. Britta ist heute oft überrascht, wie gut es ihr gelingt, andere liebevoll zu korrigieren und wie viel angenehmer Begegnungen dann werden. Sie kann andere auch leichter wertschätzen und gernhaben, wenn sie sich gelegentlich einmal wehrt.

„Gottes Liebe ist weit davon entfernt, sich zu verbiegen und erschöpft sich schon gar nicht darin, unsere Erwartungen zu erfüllen.“

Der souveräne Martin: Liebe, die sich entzieht

Wie schon erwähnt, hat Martin immer alles im Griff. Unweigerlich fragt man sich: Wie kann er nur so viel leisten? Vielleicht, weil er sich mit Zwischenmenschlichem nicht so sehr aufhält? Wenn man an ihm überhaupt eine Schwäche findet, dann die, dass er manchmal Taktgefühl vermissen lässt. Ihm fällt nicht auf, wo andere ihre wunden Punkte haben und wie es ihnen in kritischen Situationen geht. Martin ist nicht der Typ, bei dem man sich aussprechen würde. Kollegen haben sich schon beklagt, dass er sich zurückzieht, wenn es im Team Konflikte gibt. Martins distanzierter Selbstschutz erlaubt ihm ein engagiertes, hilfsbereites Leben – jedoch ohne sich auf Nähe einlassen zu müssen. Konflikte, Verletzungen und Enttäuschungen bleiben ihm erspart. Außerdem wähnt Martin sich so unabhängig, dass er andere mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen nicht belasten muss. Doch dabei bemerkt er nicht, dass ihm etwas entgeht und auch den anderen etwas fehlt.

Wenn sich ein distanziert liebender Typ wie Martin mit dem christlichen Glauben auseinandersetzt, entdeckt er: Jesus schätzt engagierte Liebe durchaus, aber er ergänzt sie um intime Elemente. Der Gott, der sich in der Bibel offenbart, zeigt sich auch emotional und streitbar. Er kann eifersüchtig sein und wird zornig über Ungerechtigkeit, Zerstörerisches und Böses. Er bleibt nicht gleichgültig, sondern er dringt in das Leben von Menschen ein, ist engagiert und manchmal ringt er sogar mit ihnen (1. Mose 32,25). Dabei zielt er immer auf echte Verbundenheit und sucht die Beziehung zu Menschen wie Liebende es tun.

Distanzierte Liebe reift, indem sie sich reiben lernt und Nähe zulässt. Psychologisch braucht es dazu einerseits Einfühlungsvermögen und zum anderen die Fähigkeit, nahe Beziehungen zu regulieren. Einfühlungsvermögen ist schlicht die Kunst, Gefühle und Gedanken anderer zu erspüren und da-rauf angemessen zu reagieren. Aber wie wird man einfühlsam? Vor allem durch Aufmerksamkeit für die Worte, Körpersprache und Reaktionen eines anderen Menschen. Wer die eigene Wahrnehmung dafür schärft, spürt und ahnt, wie es anderen geht und was sie brauchen. Seinen Eindruck kann man überprüfen, indem man nachfragt oder beobachtet, wie die eigenen Worte und Gesten bei anderen ankommen. Keine Frage: So etwas braucht Übung. Doch mit der Zeit erschließen Versuch und Irrtum einem immer genauer, wie ein Freund, der Partner oder das Kind auf unterschiedliche Situationen reagiert. So entsteht langsam eine Landkarte des Verstehens, die einen immer treffsicherer macht.

Um in nahen Beziehungen zu bestehen, brauchen wir jedoch auch eine Einfühlung für uns selbst. Unsere Gefühle reagieren empfindsam, wenn wir jemandem nahekommen und dabei vereinnahmt, verletzt oder enttäuscht werden. Meist genügt eine kleine Beschwerde oder eine Veränderung der Situation, um die Störung zu beseitigen. Wenn das nicht hilft, kann man sich dort distanzieren, wo man mit einer Schwäche des anderen konfrontiert ist, und im Übrigen trotzdem mit ihm verbunden bleiben. Wenn distanzierte Menschen einen flexiblen Selbstschutz erlernen, werden sie nahbar. Sie bewegen dann nicht nur Dinge, sondern prägen auch Beziehungen. Außerdem empfangen sie endlich die Liebe, die sie mit ihrem Einsatz bei anderen längst wecken.

Die starke Alissa: Liebe, die sich verkämpft

Und die starke Alissa? Weil sie stets zur Stelle ist, wenn es irgendwo brennt, kommt es ihr wie Undank vor, als sich die Kollegen plötzlich darüber beklagen, sie sei zu dominant. Solche Rückmeldungen hat sie bisher eher selten bekommen. Doch als ihr kürzlich eine gute Freundin im Streit etwas ganz Ähnliches vorwirft, wird sie nachdenklich. Denn insgeheim leidet sie selbst oft darunter, immer die Starke sein zu müssen.

Auch Einfluss auszuüben ist ein Schutzmechanismus. Durch Kritisieren, Motivieren und Führen hält man andere davon ab, sich unangenehm zu verhalten oder bringt sie dazu, so zu handeln, dass die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Dabei ist jedoch die Grenze zur Manipulation schnell überschritten. Außerdem verbauen sich kämpferisch Liebende auch die Erfahrung, dass die Zuwendung anderer auch von selbst kommt – ein wenig später vielleicht und nicht immer exakt wunschgemäß, dafür aber von Herzen.

Hat der christliche Glaube das Potenzial, auch kämpferisch Liebende weiterzuführen? Ja, insofern sie verstehen, dass Glaube auch eine Kunst des Vertrauens und Loslassens ist. Wenn Gott um die Liebe des Menschen wirbt, legt er bewusst alle Macht aus der Hand. Vermeintlich starke Menschen ermutigt er im Gegenzug, in kindlichem Vertrauen und großer Erwartung zu bitten, statt alles aus eigener Kraft zu tun.

Hier können kämpferisch Liebende von Gott lernen: Sie zeigen anderen ihre Wünsche und Gefühle – lassen sie dann in ihrer Reaktion darauf aber ganz frei! Sie rücken von ihren eigenen Wünschen ab, um sich von der Zuwendung eines anderen – oft ganz anders als erwartet – überraschen zu lassen. Sie geben Impulse, lassen den anderen dann aber seinen eigenen Weg gehen. Auf diese Weise kann man zwar nicht alle in seine Richtung „biegen“, gewinnt aber die echte und freiwillige Zuwendung einiger.

Kämpferische Menschen können vor allem im Umgang mit der eigenen Seele etwas lernen: Impulskontrolle und Gefühlsregulation. Impulskontrolle meint die Fähigkeit, die eigenen Gefühle nicht sofort in Handlungen umzusetzen. Mit etwas Übung kann man einen „seelischen Binnenraum“ entwickeln, eine Art Vorzimmer, in dem sich die eigenen Impulse erst einmal aufhalten, bevor sie nach draußen dürfen. Dann beobachtet man sich selbst: „Ich würde meinen Standpunkt jetzt gerne klarmachen! Ob das allerdings gut wäre, kann ich ja einen Moment lang überlegen.“

Dazu müssen Kämpfer lernen, ihre Impulse besser zu kontrollieren. Dabei allerdings stauen sich besonders am Anfang häufig starke Gefühle wie Ohnmacht oder Angst an. Diese können im Gespräch mit einem Dritten ein Ventil finden. Oder man kann lernen, sich selbst beruhigend zuzureden: „Ich weiß, wenn ich jetzt energisch auftrete, kriege ich meinen Willen. Und wenn ich nichts tun darf, bekomme ich Panik. Aber ich bleibe trotzdem ruhig: Wenn die Aufgaben eine Weile liegenbleiben, passiert nicht wirklich etwas Schlimmes. Ich will erst einmal auf die Freiwilligkeit der anderen und auf gute Zusammenarbeit vertrauen. Meine Vorstellungen werden dabei schon nicht ganz untergehen!“ Manche Situationen erfordern eine vertrauensvolle Zurückhaltung. Doch Menschen wie Alissa werden erleben, dass sie mehr Liebe empfangen, wenn sie dem Handeln anderer nicht immer zuvorkommen.

Wenn Liebe erwachsen wird

Das Wachstum der eigenen Liebesfähigkeit fordert uns immer in doppelter Weise heraus: Zum einen müssen wir dabei genau jene Fähigkeiten erlernen, die wir durch unsere Prägung meist nicht so gut entwickeln konnten. Zum anderen müssen wir uns von dem entfernen, was wir als Kinder oft fälschlicherweise mit „Liebsein“ verbunden haben.

„Als ich noch ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, ich fühlte und dachte wie ein Kind. Als ich dann aber erwachsen war, habe ich die kindlichen Vorstellungen abgelegt“, schreibt der Apostel Paulus am Ende seines berühmten „Hohen Liedes der Liebe“ (1. Korintherbrief, Kapitel 13). Auch unsere Vorstellung von Liebe muss erwachsen werden – und manchmal auch unser Bild von Gott. Denn der wünscht sich nicht bloß „brave Kinder“, „unempfindliche Kinder“, oder solche, die meinen, für alles selbst die Verantwortung übernehmen zu müssen. Vielmehr will er, der der Ursprung aller Liebe ist (1. Johannes 4,16), uns dabei helfen, gelingende Beziehungen zu leben, indem wir immer mehr zu wahrhaftig Liebenden werden. Zu mutig Liebenden, die, wenn nötig, Unrecht beim Namen nennen, statt sich stets um des lieben Friedens willen zu verbiegen. Zu zärtlich Liebenden, die zu echter Nähe fähig sind, ohne die Angst, verletzt zu werden. Zu starken Liebenden, die auch in dunklen Beziehungstälern durchhalten. Und zu realistisch Liebenden, die sich selbst und andere mit ihren Schwächen annehmen und tragen können.