Von null auf hundert

Vision

1925. Das ist das Jahr, in dem er das Licht der Welt erblickte. Und dann ging es bald richtig los. Es wurde laut und hässlich, ein Klima, in dem ein Kind schnell untergehen und auf der Strecke bleiben kann. Doch auf Anton Schulte trifft das nicht zu. Er hatte seine Hochs und Tiefs, kein Zweifel, die hatten alle. Aber er hatte auch seinen Gott – und dem hat er sich verschrieben. Dieses Jahr wäre er hundert geworden, und Sabine Langenbach skizziert sein Leben.

Der richtige Mann für Wien 

„Ich war überrascht von der sprühenden Vitalität dieses körperlich kleinen Mannes. Er hatte sich ja selbst karikiert als ‚der kleine Dicke‘. Der aber hatte viel innere Kraft und bewies viel Mut.“, so beschrieb Horst Marquardt, Theologe und langjähriger Direktor des Evangeliums-Rundfunks (heute ERF-Medien), seine erste Begegnung mit Anton Schulte 1960 in Wien. Die örtliche Evangelische Allianz wollte ihn kennenlernen, um auszuloten, ob er der Richtige für eine mehrwöchige Evangelisations-Veranstaltung wäre. In seiner Biografie erinnerte sich Anton Schulte an dieses Ereignis: „Mir schien alles, was ich hier bisher an evangelistischer Arbeit kennengelernt hatte, so klein, zaghaft und ängstlich. Also erklärte ich ihnen, dass ich sehr gerne mitarbeiten würde, aber nicht, wenn man dafür einen kirchlichen oder freikirchlichen Raum auswählen sollte. Dahin würden die Menschen, die es zu erreichen galt, am allerwenigsten kommen.“ Stattdessen wollte er in den größten und schönsten Saal in Wien, getreu seinem Motto: Für das Evangelium, die beste Nachricht dieser Welt, ist die größte Halle gerade gut genug! Die Veranstalter waren mehr als skeptisch. Aber Anton ließ sich nicht abbringen, trotz weicher Knie, die er bei der Besichtigung der Halle mit mehreren Tausend Sitzplätzen bekam. Einziger Haken: Die Evangelisation würde 150.000 DM kosten. Die Wiener Veranstalter konnten das nicht zusammenbringen. Aber Anton war davon überzeugt, dass die Zeit reif war. Deshalb besuchte er in den folgenden Monaten viele Gemeinden, sammelte dort Geld und er gewann auch Gebetsunterstützer, was ihm fast noch wichtiger war. Der Betrag kam tatsächlich zusammen, die Stadthalle wurde gemietet und während der mehrwöchigen Veranstaltung fanden viele Menschen zum Glauben an Jesus.

Er war nicht immer so

Das ist nur eins von vielen Beispielen aus Anton Schultes Leben, die belegen, wie seine Beharrlichkeit sich ausgezahlt hat. Weggefährte Horst Marquardt beschrieb ihn als „treuen Kämpfer, der sich nicht beirren ließ. Er ging seinen Weg, ob er Zustimmung fand oder nicht. Er hatte das Wort Gottes zur Grundlage seines Lebens und Dienstes gemacht.“ 

Dabei hat Anton Schulte nie verschwiegen, dass es auch ganz andere Zeiten in seinem Leben gegeben hat. Viele Jahre war er überzeugt, dass es keinen gerechten und liebenden Gott geben würde. Dabei hatte er von seinen Eltern, die er als fromme, tiefgläubige Menschen beschrieb, das Gegenteil vorgelebt bekommen. Als Teenager distanzierte er sich von der Katholischen Kirche. Er konnte nicht verstehen, dass sie zum himmelschreienden Unrecht der Nationalsozialisten schwieg. Als er nach der Schule seine Geburtsstadt Bottrop verließ und eine Müllerlehre im Münsterland begann, bröckelte auch sein Glauben immer mehr. Seine Kollegen hatten nichts mit Gott am Hut. Sie sahen sich selbst als höchste Instanz an. Das faszinierte Anton. Irgendwann war auch er überzeugt: Es kann keinen Gott geben!

„Herr, ich möchte für dich da sein. Ich möchte dahin gehen, wo du mich hinsendest. Ich möchte tun, was du mir sagst.“

Ich hatte keine Ausrede

Erhärtet wurde diese Sicht durch das, was er im Krieg erlebt, und worüber er kaum gesprochen hat, und durch seine jahrelange Kriegsgefangenschaft in Italien und den USA. Zunächst zumindest. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ließ ihm keine Ruhe. Er suchte nach Antworten, fand aber in den zahlreichen Büchern, die er verschlang, nichts, was ihm half. Immer wieder traf er auf Christen. Aber von ihrem Glauben erhoffte er sich nichts mehr. In Schottland, wohin er im Anschluss an die Kriegsgefangenschaft als Zwangsarbeiter gebracht wurde, luden ihn Freunde zu christlichen Veranstaltungen ein. Auch im September 1948. „Ich hatte an diesem Tag wirklich nichts vor und mir fiel beim besten Willen keine Ausrede ein.“, erinnerte er sich Jahrzehnte später. Er ging mit zum „Tea-Meeting“ und war von dem, was die Menschen dort über die verändernde Kraft des Glaubens an Jesus erzählten, komplett begeistert. Von da an ging er regelmäßig dorthin. 

Einige Wochen später machte er ganze Sache mit Jesus. Er verbrachte viel Zeit mit Bibellesen, ging zu Bibelstunden und Gottesdiensten. Eines Abends betete er in seinem Zimmer: „Herr, ich möchte für dich da sein. Ich möchte dahin gehen, wo du mich hinsendest. Ich möchte tun, was du mir sagst.“ Rückblickend war das für ihn der Moment, in dem er sich von allen seinen eigenen Plänen verabschiedet hat. Zum Beispiel dem, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren. Nun aber war ihm mit einem Schlag klar, dass er in seiner Heimat von Jesus erzählen sollte. Ein paar Tage nach diesem Erlebnis, erzählte er bei einer christlichen Versammlung von seiner Entscheidung für Jesus. Als er vom Podium zurück zu seinem Platz ging, stellte sich ihm ein Mann in den Weg und er sagte „Gott hat dich zum Evangelisten berufen!“ Für Anton war das die Bestätigung seines Gebetes. Zwei Monate später kehrte er zurück nach Deutschland.

Du hast einfach kein Charisma

Es wurde ein langer, oft steiniger Weg, bis er seine Berufung im vollen Maß leben konnte. Wenn er von etwas überzeugt war, weil er es als seinen Auftrag von Gott sah, dann ließ er sich auch von Kritik nicht entmutigen. Nach seinem ersten, ziemlich misslungenen Versuch eine Kinderstunde zu halten, sagte man ihm knallhart: „Als Redner hast du einfach kein Charisma!“, Anton hielt dagegen: „Gott hat mich zum Predigen berufen, und also werde ich es auch tun!“ Bei der Bibel- und Missionsschule Wiedenest wollte er das nötige evangelistische Handwerkszeug lernen, bekam aber eine Absage. Auch davon ließ er sich nicht zurückhalten. Er sprach den damals bekannten Evangelisten Franz Lüllau an und erklärte ihm, dass Gott ihm ganz klar gesagt hatte, dass er nach Wiedenest gehen sollte. Lüllau schickte ihn daraufhin mit bester Empfehlung wieder dorthin. Als Anton beim Hausvater der Bibelschule vorstellig wurde, verwies der ihn auf die Absage. Das wollte Anton nicht akzeptieren. Für ihn war klar, dass Gott ihn genau hier haben wollte. Am nächsten Tag kam der Leiter der Bibelschule, Erich Sauer, von einer Schottlandreise zurück. Dort hatte er von dem jungen Deutschen gehört, der sich für Jesus entschieden hatte. Als der dann zu seiner großen Überraschung plötzlich vor ihm stand, durfte er tatsächlich zum Studium bleiben. Das Lernen fiel Anton schwer. Viel lieber war er als Prediger unterwegs.

„Er nahm sich morgens um fünf Uhr Zeit und erlebte immer wieder ‚betendes Staunen. Das Erkennen von Situationen, Möglichkeiten und Gelegenheiten.‘“

Neue Medien, neue Chancen 

Das war und blieb seine große Leidenschaft: Menschen mit dem Wort Gottes zu erreichen. Dabei war er kreativ und wollte immer alle Möglichkeiten ausschöpfen, die es gab. Als noch keiner in christlichen Kreisen über verkündigende Radiosendungen nachdachte, erkannte Anton die Möglichkeiten. Er betete, dass Gott ihm Wege dafür zeigen würde und suchte Kontakt zu Sendern. Nicht zum letzten Mal lachten viele über ihn, den Visionär. Sie verstummten, als am 4. Dezember 1953 um 23:10 Uhr die erste Rundfunksendung über Radio Monte Carlo ausgestrahlt wurde. Es folgten hier und über andere Sender tausende weitere. Außerdem bot er als erster Telefonandachten an. Als das Fernsehen in Deutschland immer populärer wurde, erkannte Anton sofort, dass auch über dieses Medium die Gute Botschaft von Jesus ihren Weg zu den Menschen finden musste. Aber das war in konservativen, christlichen Kreisen zunächst verpönt. Anton musste nicht nur hier viel Überzeugungsarbeit leisten.

Bittet, so wird euch gegeben 

Er war auch bei so vielen anderen Projekten und Initiativen neben dem Missionswerk „Neues Leben“ der Antreiber: „Evangeliums-Rundfunk“, die sportmissionarische Arbeit „Sportler ruft Sportler“, Kauf der Hotelanlage auf Korsika und „Bibel TV“. Oft stießen seine Vorschläge und Ideen nicht sofort auf das Wohlwollen der Gremien. Mit seiner Hartnäckigkeit – oder besser gesagt mit seiner Glaubensgewissheit – schaffte es Anton immer wieder zu überzeugen und auch die nötigen Spenden zusammenzubekommen. Immer wieder erlebte er, dass Gott der Versorger war. Für ihn und das gesamte Werk „Neues Leben“. Nicht selten wurden in letzter Sekunde fehlende Beträge auf dem Konto verbucht oder es lag ein Umschlag mit der benötigten Summe im Briefkasten. Für Anton waren das ganz klar Gebetserhörungen. Für ihn waren Jesu Worte aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 11,9–10 die Vorlage für all sein Tun und Lassen: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Diese Worte waren für ihn eine beständige Aufforderung, wirklich alles, was ihn beschäftige, vor Gott zu bringen. Dafür nahm er sich morgens um fünf Uhr Zeit und erlebte immer wieder „betendes Staunen. Das Erkennen von Situationen, Möglichkeiten und Gelegenheiten.“, wie er es formulierte. Durch seine vertrauensvollen, innigen Gespräche mit Gott konnte er erst zu dem Visionär und Vordenker werden, der wie kaum ein anderer zu seiner Zeit, die christliche Landschaft im Bereich Evangelisation und Medienarbeit geprägt hat, denn das war genau sein Ding, das er von Gott aufs Herz gelegt bekommen hatte!