Ohne? Nicht mein Ding!
Leitartikel
Was ist wirklich wichtig? Was so wesentlich, dass man ohne nicht will? Was ist uns wertvoll, also voller Wert für uns? Was beeinflusst unser Denken und Handeln, unsere Entscheidungen und Ziele? Es sind unsere Werte, meint Detlef Eigenbrodt, sie setzen Prioritäten und geben unserem Leben eine sinnvolle Richtung. Und sie sind nicht von dem zu lösen, was wir als „ganz mein Ding“ verstehen.
Persönliche Werte prägen und beeinflussen uns. Jeden Tag. Kaum etwas macht so unglücklich wie das Gefühl, dass die eigenen Werte missachtet werden oder sich nicht authentisch verhalten zu haben. Umgekehrt ist es ein wichtiger Faktor zur Echtheit, die eigenen Werte auch zu kennen und ihnen Raum zu geben. Sie zu leben. Aber wie geht das?
Ursache und Wirkung
Werte sind Überzeugungen und Eigenschaften, die man als gut und wichtig erachtet. Die sich wertvoll anfühlen, von großer Bedeutung sind und nach denen man das Leben ausrichten will. Jeder Mensch hat sie, und so individuell eine Person ist, sind es auch ihre Werte. Aber nicht immer wissen wir direkt, was los ist. Wenn jemandem zum Beispiel Harmonie sehr wichtig ist, gibt er in Konfliktsituationen lieber nach, als auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. Weiler den Frieden wahren will. Wir lesen das allerdings oft von der falschen Seite und meinen das devote Verhalten sei das, was uns antreibt. Dabei ist es nur das Vehikel, auf dem wir dem eigentlich Wichtigen entgegensteuern. Der Harmonie. Steht Wachstum weit oben auf der Werteliste, fühlt man sich schneller unzufrieden, wenn man im Alltag nicht die Chance hat, sich weiterzubilden oder zu entwickeln. Wir müssen uns tatsächlich sehr konzentrieren, um Ursache und Wirkung nicht durcheinander zu bringen und es lohnt sich, uns und unsere Werte einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen.
Nur wer seine Werte kennt, kann auch nach ihnen leben. Zugegeben, das klingt schon fast zu banal, als dass man es aufschreiben müsste. Aber ein Blick in die Lebensrealitäten der wohl meisten Menschen zeigt, dass es so simpel eben doch nicht ist. Ich habe im Laufe der Jahre hunderte Studentinnen und Studenten dazu befragt, und in der Regel kam eher ein vages Drumherum. Von Klarheit jedenfalls war da nicht so viel zu spüren. Und das ist bei denen, die schon etwas älter sind, nicht wesentlich anders. Alle haben schon irgendwie etwas, das ihnen wichtig ist, aber da geht es mehr um das Tun, als um das, was dem zugrunde liegt. Aber wir müssen das Zugrundeliegende erkennen und als Kompass nutzen, um durch die oft wirren Wege unseres Lebens zu navigieren.
Der innere Maßstab
So verstehen wir nicht nur uns und unser Verhalten besser, sondern können auch ganz selbstverständlich hinter diesem stehen. Zum Beispiel wenn wir die spontane Einladung zu einem Abendessen ablehnen, weil wir Zeit und Ruhe für uns selbst brauchen. Wir fühlen uns authentisch und mit uns selbst im Reinen, wenn wir uns an unseren persönlichen, inneren Maßstäben orientieren. Zum Beispiel wenn wir refurbished Produkte kaufen, anstelle von neuen. Und wir lassen uns nicht mehr so schnell von der Meinung anderer beeinflussen, wenn wir eine eigene Meinung haben. Wenn wir komplexe Entscheidungen zu treffen haben, geben uns unsere Werte die nötige Orientierung und Sicherheit, um die beste Wahl zu treffen und mutig unseren Weg zu gehen, ohne uns von Scham oder Selbstzweifeln auffressen zu lassen. Zum Beispiel, wenn wir uns entscheiden, uns aus einem Angestelltenverhältnis und dem vermeintlich sicheren Gehalt verabschieden, weil uns die Freiheit und Selbstbestimmtheit wichtig ist. Auch wenn sich damit vielleicht nur weniger Geld zum Leben verdienen lässt. Unsere Werte zu kennen ist eine wichtige Voraussetzung für ein erfülltes Leben. Wenn wir an Glück denken, denken wir oft an angenehme Gefühle. An Glücksmomente, in denen wir uns freuen, unbeschwert sind und das Leben einfach nur genießen. Die Psychologie nennt das Wohlfühlglück. Und ohne Zweifel: Das ist ein wesentlicher Faktor für unser Glücksempfinden und Zufriedenheit, und wir sollten ihm Beachtung schenken. Aber genauso verdient die zweite, weit weniger bekannte Form des Glücks, unsere Aufmerksamkeit: Das Werteglück. Das entsteht immer dann, wenn wir nach unseren Werten leben. Wenn wir für Dinge einstehen, die uns wichtig sind und wenn wir unsere persönlichen Ziele motiviert verfolgen.
„Wir müssen uns tatsächlich sehr konzentrieren, um Ursache und Wirkung nicht durcheinander zu bringen.“
Im Einklang leben
Werteglück zu haben bedeutet nicht, zwangsläufig permanent positives Wohlfühlglück zu empfinden. Aber es fördert die langfristige Zufriedenheit, weil man im Einklang mit dem lebt, was einem wichtig ist und was man für richtig hält. Wenn sich zum Beispiel jemand von seinem Partner oder seiner Partnerin vernachlässigt fühlt, weil man zu wenig Zeit miteinander verbringt, und das Gegenüber offen darauf anspricht, könnte das zunächst zu einem Streit und verletzten Gefühlen führen. Kein Wohlfühlglück. Aber man ist seinem Wert Ehrlichkeit gefolgt, was dauerhaft nicht nur der Beziehung guttut, sondern auch als Werteglück empfunden wird. Soweit zum Grundverständnis. Was jetzt kommt, ist deutlich komplexer und gleicht einem dicken Brett, das gebohrt werden muss. Wir nähern uns nämlich der Frage, welche Werte es überhaupt so gibt und welche davon uns ganz persönlich innewohnen. Machen wir also zunächst eine Bestandsaufnahme, bevor es ans Eingemachte geht, und versuchen hier Antworten zu finden:
• Was ist mir wichtig im Leben, im
Umgang mit anderen Menschen und
auch mit mir selbst?
• Für welche meiner Eigenschaften
möchte ich am ehesten geschätzt,
respektiert und gemocht werden und
welche Eigenschaften schätze ich an
anderen?
• Was würde ich sehr vermissen, wenn
es nicht mehr in meinem Leben wäre?
• Wovon bin ich überzeugt? Nach welchen
Grundsätzen lebe ich?
Es ist wichtig, diese Fragen unabhängig davon zu beantworten, was gesellschaftlich als erstrebenswert angesehen wird. Hier geht es nur um uns selbst, nicht um andere. Nur um Reflektion, nicht um das Erfüllen von Konventionen. Werte, die wir nur leben, um anderen zu gefallen oder bestimmten Normen gerecht zu werden, gehören nicht wirklich zu unserer Identität und haben auf unserer Liste, wenn überhaupt, nur aus einem Grund etwas zu suchen: Um sie zu streichen. Dabei ist wichtig, dass wir uns im Klaren sind: Alle Werte sind gleich wertvoll, und keiner ist besser als ein anderer!
Wer bist du?
Und jetzt geht’s los – mal sehen, ob wir dem, was ganz dein Ding ist, hier nicht ein großes Stückchen näherkommen! Wähle aus der Aufstellung sorgfältig die zwölf Werte aus, die dich tatsächlich amtreffendsten beschreiben. Achte nicht darauf, was dir gut stehen würde oder was als „chic“ gilt, achte auf das, was dich als Person ausmacht. Werte, bei denen du ein gutes Gefühl bekommst. Und jetzt: Wäge deine Auswahl mit Bedacht gegeneinander ab. Starte beim ersten Wert auf deiner Liste. Ist er für dich wesentlicher als der zweite? Wenn ja, machst du einen Strich hinter dem ersten Wert. Wenn der zweite Wert mehr zählt, machst du dort einen Strich. Danach vergleichst du den ersten Wert mit dem dritten, der Strich kommt hinter den von beiden, der am meisten für dich wiegt. Auf dieses Weise vergleichst du jetzt also den ersten mit allen anderen elf Werten. Dann startest du beim zweiten Wert. Mit dem ersten Wert musst du ihn nicht mehr vergleichen, das hast du ja eben schon getan. Du vergleichst ihn also nun mit dem dritten Wert. Dann mit dem vierten und so weiter. Mach das für alle zwölf Werte auf deiner Liste. Die Anzahl der Striche hinter den einzelnen Werten macht deutlich, welche dir am wichtigsten sind. Schreibe deine Top 3 untereinander auf. Vielleicht haben einige Werte die gleiche Anzahl an Strichen, diese teilen sich dann den Platz. Und wenn es dir schwerfällt, abstrakte Werte wie Spiritualität und Kreativität zu vergleichen, stell dir ganz konkrete Situationen vor. Zum Beispiel: Du hast eine Stunde mehr Freizeit am Tag. Würdest du eher deiner spirituellen Findung oder einem kreativen Hobby nachgehen wollen?
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