Mit Gott im Sand
Persönlich
Die Glut verglimmt, der Ofen ist aus. Maren von Guérard hätte sich das nie wirklich vorstellen können, aber jetzt erlebt sie wie es ist, wenn nichts mehr ist. Aber sie spürt sich, noch, oder wieder. Sie ringt, mit sich und mit Gott. Sie ist am Ende, und doch gerade erst am Anfang. Wieder einmal.
Und ich mach’ mein Ding …“ tönt Udo Lindenberg aus dem Radio. Ich stehe im Stau. Nichts geht mehr vorwärts. Ein Sinnbild für meine aktuelle Situation? Mein Auto bewegt sich nicht, aber meine Gedanken haben freie Fahrt. Mache ich mein Ding? Leidenschaft, Spaß, Berufung, Mission, unermüdliche Hingabe, Einsatz zeigen, tatkräftig anpacken, für etwas brennen?
Ich bin ausgebrannt
Bei mir ist der Ofen aus. Statt Feuer nur noch kalter Rauch. Zu wenig Holz nachgelegt. In der Welt stehen Begeisterung, Leidenschaft, Zielstrebigkeit und Energie hoch im Kurs. Ein Leben ohne inneres Feuer, ohne Hingabe für ein Thema, einen Traum oder eine Berufung? Wie langweilig, leer und oberflächlich! Wenn ich darauf schaue, was Freunde, Bekannte, andere Christen so alles erfolgreich auf die Beine stellen und mich mit ihnen vergleiche, kommt mir mein Leben bedeutungs-, ziel- und ergebnislos vor. Gerne würde ich wieder Leidenschaft für eine Aufgabe, ein Ziel spüren, mich einsetzen, tatkräftige Nächstenliebe praktizieren. Aber ich habe keine Energie mehr. Die schlichte Alltagsbewältigung von Tag zu Tag war und ist mir Herausforderung genug.
Dabei war mein Ding über viele Jahre hinweg die Fürsorge für andere Menschen – und nicht die Fürsorge für mich. Es fiel mir schwer, das zu erkennen. Im Laufe der Zeit brannte mein inneres Feuer herunter. Ich begann Abstriche zu machen, mich zurückzuziehen, konnte kein Brennholz mehr nachlegen. Doch jedes Feuer braucht Sauerstoff. Ohne eine frische Brise, die die Glut anheizt, bleibt vom Feuer nur ein Häufchen Asche übrig. Energie, Begeisterungsfähigkeit, Kraft und Nerven verkohlten. Damit muss ich mir nun eingestehen: Ich bin, nach menschlicher Sichtweise, ausgebrannt. Mein inneres Feuer ringt nach Atem, sehnt sich nach einem offenen Fenster, nach einem tiefen Atemzug voll frischer Energie. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung? Gibt es nicht auch eine andere, subtilere Art des Seins, die jenseits von tatkräftigem Einsatz ihre Erfüllung findet? Denn das wäre jetzt wohl eher mein Ding.
„Was, wenn Leben leise werden darf, ganz ohne die großen Gesten und sichtbaren Erfolge?“
Schau, was du hast
Als kleines Häufchen lauwarme Asche bin ich nun nach einer krassen Gebetserhörung auf der Autobahn, auf dem 1200 Kilometer langen Weg in Richtung Norden. Hier hat Gott ein besonderes Brennstofflager für mich aufgestellt. Aus ihm lässt er mich immer wieder neue Kraft tanken. Zwei Tage später sitze ich mit Gott im Sand. Um uns nur Sonne, Wolken, Meer und Wind. Ich frage ihn: „Wie komme ich vom Minus ins Plus?“ Er fragt mich: „Was verstehst du unter Minus?“ Ich halte ihm meine Kraftlosigkeit, das Bedürfnis nach Rückzug, Versagensgefühle, meine fehlende Energie für Aufgaben und die wachsenden Erwartungen hin. „Schau, was du hast!“ antwortet er. Ich überlege, höre in mich hinein. In mir herrscht Stille. Und so warte ich eine Weile regungslos.
Dann strahlt die Sonne plötzlich hinter einer Wolke hervor. Mein Blick fällt auf das blaugrüne Meer mit weißen Schaumkronen, auf bizarr geformte Steine, den Flug einer Möwe. Ja, ich kann sehen! Und ganz tief in mir spüre ich zart wieder diese Begeisterung für die Farben der Natur, das Leuchten der Hybenrosen, den sich im Wind wiegenden Strandhafer, die Sandstrukturen, die bewachsenen Dünen, ein seegangerprobtes Fischerboot weit draußen. Die Wellen rollen laut mit unbezwingbarer Macht an den Strand, unaufhörlich. Ja, ich kann hören! Und ganz tief in mir spüre ich Freude über den Klang des Nordens, über das Klappern der unzähligen Steine in den Fluten, über den brausenden Wind in sturmgebückten Kiefern. Seevögel kreischen, wehender Sand raschelt, ab und zu ruft ein Fasan.
Ich atme lange ein und aus. Die klare frische Luft ist voller Düfte, die ich am liebsten in einer Flasche einfangen und mitnehmen möchte. Vorrat, wenn ich mal wieder mit „dicker Luft“ in meiner Umgebung zu kämpfen habe. Ja, ich kann riechen! Und ganz tief in mir spüre ich den Drang zum Inhalieren von salziger Seeluft, Torfgeruch und Kiefernduft. Meine Zunge fährt über die salzigen, sandigen Lippen. Ja, ich kann schmecken! Und ganz tief in mir entdecke ich deutlich wieder Appetit nach neuem Geschmack. Auf das etwas zerdrückte Roggenbrot mit Leverpostej, die Zimtschnecke mit Kaffee aus meinem Rucksack. Etwas Lakritz für den Heimweg. Am Abend wird Dorsch mit Petersilienbutter auf mich warten. Die Sonne wärmt mein Gesicht, der Wind streichelt darüber. Ja, ich kann fühlen! Meine Finger ertasten die Oberfläche einer zerbrochenen Muschel, die Füße vergraben sich im warmen Sand und erschrecken vor der Kälte des Wassers, der Rücken entspannt sich beim Anlehnen an den alten Bunker, der von Jahr zu Jahr tiefer im Strand versinkt.
„Zwei Tage später sitze ich mit Gott im Sand. Um uns nur Sonne, Wolken, Meer und Wind. Ich frage ihn: ‚Wie komme ich vom Minus ins Plus?‘ Er fragt mich: ‚Was verstehst du unter Minus?‘“
Nicht dürfen
Führung bietet unglaublich schöne und wunderbare Chancen. Leiter können Menschen, Projekte und Organisationen entwickeln. Man darf Ideen verfolgen, Entscheidungen treffen und sie umsetzen. Eltern dürfen ihre Kinder prägen. Ich persönlich blühe auf, wenn ich sehe, wie Menschen wachsen und sich mutig an größere Aufgaben wagen. Aber was ist, wenn ich nicht darf? Wenn mein Chef mir eine Aufgabe nicht zutraut? Wenn ich übergangen werde? Wenn mir Führungsverantwortung entzogen wird? Wie gehe ich damit um, wenn mir nicht vertraut wird? Das sind harte Momente. Ich habe solch eine Situation selbst Anfang 2025 erlebt, und es tut weh. Realistischerweise dürfen wir nicht immer die Verantwortung oder Führung übernehmen, die wir gerne möchten. Nicht jeder kann Bundeskanzler werden oder zum Mond fliegen. Diese Grenzen können uns blockieren. Oder sie können uns in eine neue Richtung lenken. Das fordert heraus. Mit solch schmerzhaften Zurückweisungen umzugehen, benötigt aktive Selbstführung.
Stehen wir also am besten wieder auf und verarbeiten den Schmerz. Seien wir weiterhin im Kleinen treu und tragen unsere Verantwortung. Reflektieren wir in aller Ruhe die eigenen Motive.
Ja, man kann sich darüber beschweren, dass niemand leiten will. Oder man macht es wie mein größtes Vorbild und sammelt ein Dutzend (es können auch weniger sein) Jünger um sich, vertraut ihnen, lässt sie Verantwortung übernehmen, üben und in größere Aufgaben hineinwachsen.
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