Ich kümmere mich darum

Ratgeber

Was bewegt Menschen dazu, sich einzusetzen? Sich um andere oder um Dinge zu kümmern, ohne die ihr Alltag vermutlich immer noch voll genug wäre? Was, wenn es mal zu viel wird? Oder unerwünscht ist? Melanie Niehaus hat sich umgehört, auch in der eigenen Seele, und kommt zu einem bemerkenswerten Schluss.

Es ist schon 20 Jahre her, aber ich erinnere mich gut. Bei der Arbeit gab es einen Kollegen, der wurde von vielen nur „der Kümmerer“ genannt. Und wenn er sich nahte, so suchte man besser das Weite. Andernfalls wurde man überhäuft: mit vermeintlich guten Ratschlägen, unsinnigen Aufgaben, teils unangemessenen Fragen. Er wusste vieles, vor allem besser, und schien hartnäckig zu ignorieren, dass man ihm, sobald man ihn sah, aus dem Weg ging. Und noch heute erweckt das Wort „kümmern“ wegen der Erinnerung an diesen Kollegen unangenehme Assoziationen bei mir. Aber schließlich gibt es der umschreibenden Worte viele: sich sorgen und engagieren, helfen und sich einsetzen, unterstützen und sogar kämpfen, etwas ganz dringlich wollen, sich hingeben und begeistern lassen, dienen und sich hineinknien. Oder einfach tun und machen. Auch sein und lassen. 

Die Leichtigkeit fehlte 

Und was machte das Verhalten meines Kollegen so unangenehm? Gut gemeint ist eben nicht gleich gut gemacht. Das traf hier wohl zu. Es war spürbar, dass ihm und seinem Ansinnen die Leichtigkeit fehlte. Da war ein unbedingtes Verlangen und Bemühen, auch aus Unsicherheit gewachsen. Ein selbst auferlegter Anspruch, es sich und vor allem allen anderen zu beweisen und recht zu machen. So resultierte eine angestrengte und anstrengende Atmosphäre. Und wäre man zeitweise nicht so verärgert gewesen, dann hätte man fast Mitleid mit ihm gehabt. Dabei war das Anliegen im Kern grundrichtig. Es war sogar seine Aufgabe, sich zu kümmern. Ähm, hoppala! Das, was ich da beschrieben habe, kommt mir doch nicht unbekannt vor? Bruchstückhaft beschreibt es auch mein Verhalten und ich vermag mich darin wiedererkennen. Äußerst unangenehm kann es also sein, die Sache mit dem Kümmern, mit dem sich Einsetzen.

„Diesen Raum zu gestalten, in Freiheit und Verantwortung, ist Geschenk und Herausforderung zugleich.“

Wenn ich zur Ruhe komme

Und wie beginnt es? Was führt zu: Dinge tun, Pläne schmieden, Projekte starten? Tatsächlich mache ich mir darüber selten im Voraus Gedanken, bin zunächst nicht strukturiert und zielstrebig. Vieles passiert auf dem Weg, begegnet mir, wird angenommen oder abgelehnt, gelebt. So meine ich. Aber ist das wirklich so? Hier eine Momentaufnahme der Überlegungen, die mich gerade beschäftigen: Wenn ich im Auf und Ab des Alltags die Augen schließe und zur Ruhe komme, so öffnet sich mir ein Raum. Diesen Raum zu gestalten, in Freiheit und Verantwortung, ist Geschenk und Herausforderung zugleich. In der Begegnung mit dem immer Wiederkehrenden, aber auch dem Wichtigen und Dringlichen, kann ich täglich üben – und muss es wohl auch: Gelassenheit, Nachsicht und Geduld, nicht zuletzt mit mir selbst. Ausdauer und Beharrlichkeit, Wertschätzung und Respekt („eine Nacht drüber schlafen“ täte manchmal gut), Klarheit und Tragfähigkeit in meinen Entscheidungen, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Ich bin gefordert: Haltungen zu überprüfen, Reaktionen zu überdenken, Gesagtes und Getätigtes zu hinterfragen. Ich möchte mir bewahren: Aufgeschlossenheit und Neugier, Lern- und Kritikfähigkeit, Begeisterung und Humor – gern auch mal den schlechten. In all dem: Bewegung mit einem Ja zu Pausen und einem Nein zu Stillstand, Vielfalt statt Einfalt. So entsteht ein Erfahrungsteppich, der mit der Zeit dichter und robuster wird.

Der Mensch wird zum Menschen

Neulich haben wir uns im Hauskreis mit der Frage beschäftigt, woran wir glauben. Wir kamen zu ganz unterschiedlichen und sehr persönlichen Ergebnissen, bunt wie ein Blumenstrauß. Mir selbst fiel aber gar nicht so viel dazu ein, außer: „Ich glaube, dass ich in Gott wurzeln darf.“ Seitdem trage ich diesen Satz ganz behutsam mit mir herum, als Antwort auf mein Woher und mein Wohin. Viele Warums werden so entbehrlich und unerheblich. In diesem Wissen wächst mein Vertrauen: dass Gott hält, meine Kräfte, aber auch meine Begrenztheit kennt, mir aufhilft, wenn ich falle. Da ist die Zuversicht, dass er Situationen und Menschen zum passenden Zeitpunkt zusammenbringt, Herzen im Fluss der Zeit vorbereitet, so dass sie sich berühren und bewegen lassen.

„Der Mensch wird erst durch andere Menschen zum Menschen.“

Ubuntu: „Ich bin, weil wir sind.“ Bekannt wurde diese vor allem südafrikanische Lebensanschauung durch die Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela (1993) und Desmond Tutu (1984). „Du musst Dich bemühen, alles zu sein, was Du sein kannst, damit ich alles sein kann, was ich sein kann.“ Diese Worte treffen mich in ihrer Schlichtheit und Eindringlichkeit unmittelbar. Ich werde aufgefordert, mich mit all meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten aber auch mit all meiner Bedürftigkeit und Schwäche in das Leben einzubringen. In fragiler wechselseitiger Abhängigkeit sind wir unabdingbar miteinander verwoben: als Bruder, als Schwester, als Familie und Kinder Gottes unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht. Der Mensch wird erst durch andere Menschen zum Menschen. In mitfühlender und dankbarer Verbundenheit finde ich in der geöffneten Hand die Gleichzeitigkeit des Gebens und Empfangens: als Freundin, Nachbarin, Mutter, Reisende, in meinem Beruf – als Mensch. 

Das Strahlen in der Stimme 

„Ich kümmere mich drum, das tu ich wirklich gern.“ Da war es wieder, dieses Wort. Kümmern. Aber diesmal konnte ich das Strahlen in der Stimme der Frau am Telefon förmlich sehen und spüren. Es wurde hell und warm. Seit geraumer Zeit hatte ich vergeblich nach einem Zeitungsartikel gesucht, und nun: „Wenn Sie sich zwei Wochen gedulden würden …“ Klar würde ich das. Bereits nach drei Tagen befand sich das Erbetene in meinem Postfach. Sie hatte sich drum gekümmert.