Ich brauche nicht zu glänzen
Persönlich
„Von Gott berufen – welch ein Segen! Gott ruft und will dein Herz bewegen. Ruft dich heraus, reicht dir die Hand, schließt mit dir seinen Segensbund, schenkt dir voll ein bis an den Rand und deine Seele wird gesund.“ Angelika Marsch über ein Lied und das Leben, und über die Entdeckung des richtigen Weges.
Dieses wunderbare Lied wurde von dem christlichen Sänger Siegfried Fietz komponiert. Der Text stammt aus der Feder von Helwig Wegner-Nord. Immer wenn ich es höre, berührt es mein Herz. Ich denke zurück …
Du musst was aus dir machen
In meinem Elternhaus traf eine von der Kriegszeit geprägte Dorfidylle (meine Mutter) auf einen aus dem Sudetenland Vertriebenen (meinen Vater). In unserer Familie gab es viele schöne, aber auch recht anstrengende Zeiten. Schwierig wurde es, wenn unterschiedliche Welten und Werte aufeinanderprallten. In einem aber waren die Eltern sich einig: Man musste nach außen hin funktionieren. Mein Vater sprach nur selten über das Verlassen seiner Heimat, und wenn, dann eher in einem scherzhaften Ton, gespickt mit witzigen Begebenheiten. Meiner Mutter war es sehr wichtig, im Dorf gut angesehen zu sein. Gut aussehen, gut gekleidet sein, sich zu benehmen wissen – all das war wichtig. Meine jüngere Schwester hatte eine kleine Lücke zwischen den Zähnen. Wie oft wurde sie von unserer Mutter gefragt: Willst du da nicht mal etwas machen? Meinem Vater war es wichtig, etwas darzustellen und vor allem auf andere Menschen zu wirken. Ich erinnere mich gut an ein Osterfest. Mein damaliger Freund hatte sich gerade von mir getrennt; ich war völlig fertig und sah dementsprechend schlecht aus. Für den Nachmittag hatte sich Besuch angesagt. Beide Eltern meinten, so wolle ich doch wohl nicht unter die Leute gehen, ich solle mich mal etwas zurechtmachen!
Dann kam die Katastrophe
In der Jugendzeit gründeten wir eine christliche Band, und das gefiel meinen Eltern natürlich sehr gut: Ihr Kind war auf der Bühne. Nach dem Studium ging ich nach Norddeutschland und arbeitete dort als Lehrerin. Während eines Schulfestes sagte der Rektor zu meinem Vater mit Blick auf mich: „Sie kann das hier mal übernehmen.“ Mein Vater war stolz: Seine Tochter als Schulleiterin! Doch dann kam die Katastrophe: Meine Berufung. In die Mission. Weg von Deutschland ins Ausland. Weg von Familie und Freunden. Weg von meiner schönen Wohnung in ein mobiles Dasein. Weg vom Beamtenstatus in ein spendenfinanziertes Leben. Meine Eltern waren entsetzt: Wofür hatten sie sich ihr Leben lang krummgelegt? Schließlich waren sie es, die mir eine gute Ausbildung ermöglicht hatten! Und jetzt diese „Allüren“. Mein Vater dachte, ich sei einem religiösen Wahn verfallen. Nach monatelangem Ringen stimmten beide schließlich zu, dass ich mich bei der christlichen Organisation Wycliff bewarb. Sie waren beeindruckt, dass es Wycliff offenbar wichtig war, die Eltern bei einer solchen Entscheidung nicht außen vor zu lassen, obwohl ich bereits 30 Jahre alt war.
„Im Nachhinein wird mir klar, was mir diese Zeit – neben vielen anderen guten Dingen – gegeben hat: Ich musste nichts darstellen, brauchte keine Wirkung zu erzielen.“
Ich wurde einfach angenommen
Während der sprachwissenschaftlichen Ausbildung bei Wycliff wusste ich gleich zu Beginn: Das ist es, was Gott von mir möchte. Eine ungeschriebene Sprache erforschen und mich für den Bereich Alphabetisierung stark machen. Die christliche Gemeinde, die ich damals in Norddeutschland besuchte, bestätigte meinen Weg und sagte mir ihre Unterstützung zu. Verrückterweise erlebte ich in dieser Zeit zum ersten Mal einen massiven satanischen Angriff: Eine eiserne Hand drückte mir die Kehle zu. Ich konnte nichts mehr sagen, nur noch denken: Jesus, Jesus, Jesus. Sofort musste die Hand von mir ablassen. In diesem Moment entschied ich: Jetzt erst recht! Dann ging es nach Peru. Dort konnte ich dazu beitragen, ein zweisprachiges Bildungsprojekt auf den Weg zu bringen und Laienprediger im Gebrauch der übersetzten Bibelteile auszubilden. Im Nachhinein wird mir klar, was mir diese Zeit – neben vielen anderen guten Dingen – gegeben hat: Ich musste nichts darstellen, brauchte keine Wirkung zu erzielen. Offen gestanden konnte ich es auch gar nicht. Weder Sprache noch Kultur waren vertraut – ich war zum Embryo geschrumpft und musste sehr langsam in die Welt der Quechua eintauchen. Da war es schön zu erleben: Ich bin angenommen, wie ich bin. Ich brauche nicht zu glänzen. Ich werde einfach mit in das Leben hineingenommen. Es war, als ob die Quechua Freunde meine Seele „riechen“ würden. Und das genügte ihnen.
Gott will dein Herz bewegen
In den zwölf Jahren in Peru hat mich neben den kostbaren Beziehungen am meisten beschenkt, mitzuerleben wie Quechua-Christen auf die frisch übersetzten Bibelteile reagierten. So wurde ich beispielweise gefragt, ob ich jemals die Apostelgeschichte gelesen hätte. Na klar! Ihre Reaktion: Was für ein Buch! Die spontanen Reaktionen dieser Christen bewegten und beschenkten mich, veränderten und erweiterten meinen Blick auf die Bibel. Genauso beeindruckt war ich von ihren Gebeten. Immer wieder drückten sie ihren Dank an „Vater Gott“ aus: Für das Essen, für die Kleidung, für Vergebung der Schuld und ein neues befreites Leben. Das eindrückliche Vorbild der Quechua Freunde begleitete mich in die nächste Phase der Berufung, zurück nach Deutschland in eine Leitungsaufgabe. Während dieser Zeit konnte ich ebenfalls erleben, was Siegfried Fietz besingt: Von Gott berufen, welch ein Segen. Gott ruft und will dein Herz bewegen. Ruft dich heraus, reicht dir die Hand. Schließt mit dir seinen Segensbund, schenkt dir voll ein – bis an den Rand – und deine Seele wird gesund.
Befreiung und Heilung
Rückblickend kann ich nur sagen: Gott hat mir voll eingeschenkt – bis an den Rand. Neue Erkenntnisse, interkulturelle Einsichten, belebende Freundschaften und tiefgründige Begegnungen – nicht zuletzt mit Gott selbst! Der finale Satz aus dem Refrain „und deine Seele wird gesund“ spricht mir aus der Seele. Durch Gottes Berufung konnte ich schrittweise Befreiung und Heilung erleben. Heute weiß ich: Wenn Gott uns beruft, dann geht es nicht in erster Linie darum, was er durch uns bewirken will, sondern vielmehr darum, was er in uns bewirken möchte. Dafür werde ich ihm mein Leben lang danken!
Seite teilen: