Das mache ich nicht!

Essay

Was, wenn Jona Tagebuch geschrieben hat? Wenn wir, basierend auf den Erkenntnissen, die aus dem Buch selbst hervorgehen, erkennen könnten, wie der Prophet auf das konkrete Reden und Handeln Gottes reagiert? Wenn seine Worte die ganze Bandbreite seiner Emotionen und seiner geistlichen Kämpfe mit dem Gott widerspiegeln würden, der gnädiger ist, als ihm lieb ist? Eva Dittmann über eine fiktive Lesung.

Tagebucheintrag 1

Jona 1,1–3: nachdem Jona den Auftrag von Gott bekommen hatte, als Prophet nach Ninive zu gehen

Nein! Einfach nein! Ich kann es nicht glauben, dass Gott mich ausgerechnet nach Ninive schickt. Nach Ninive, in diese gottverlassene, grausame und machthungrige Stadt. Hinein in dieses Land der Tyrannen, das für uns, für das erwählte Volk Gottes, eine ständige militärische Bedrohung darstellt. Wieso? Ich verstehe Gott hier einfach nicht! Was will er damit erreichen? Und vor allem: Wieso sendet er gerade mich? 
Aber ganz ehrlich: Auftrag hin oder her – mich kriegen da keine zehn Pferde hin. So viel steht fest!
Die Frage ist nur: Was mache ich jetzt? Hierbleiben kann ich nicht mehr. Das halte ich nicht aus. Wie ich Gott kenne, wird er nicht lockerlassen. Also muss ich erst mal weg hier. Egal wohin! Hauptsache so weit weg von hier, von Ninive, ja, so weit weg von Gott wie irgend möglich. Und dann schaue ich, wohin der Weg mich führt. 

Tagebucheintrag 2

Jona 2,1–11: nachdem Gott Jona durch den großen Fisch gerettet hatte und Jona im Bauch des Fisches betet

Ich hätte sterben sollen, aber ich lebe. Als die Männer mich mit größtem Widerwillen in das tosende Wasser geworfen 
hatten, hatte ich schon mit meinem Leben abgeschlossen. Ich war mir sicher: Jetzt ist es vorbei! Und ehrlich gesagt: Verdient hätte ich es ja! Aber Gott hat mein Schreien gehört. Inmitten tiefster Dunkelheit und absolutem Chaos, inmitten meiner Verzweiflung und Angst hat Gott mein Flehen wahrgenommen. Sich meiner angenommen.
Sich meiner erbarmt. Und seine Gnade erreicht uns manchmal in den absurdesten Formen. Ein Fisch als Mittler der Gnade Gottes: Was soll man hierzu sagen?! Wie soll ich das irgendjemandem glaubhaft erzählen? Und jetzt? Jetzt hocke ich hier im Bauch der Gnade und bin einfach dankbar. Dankbar, dass Gott „mich lebendig aus der Grube gezogen“ hat (2,7). Dankbar, dass dieser Ort des Todes zu einem Ort der Errettung wurde. 

Tagebucheintrag 3

Jona 1,4–16; 3,1–3: nachdem Gott Jona wieder ans Land gebracht und ihm erneut den Auftrag gegeben hatte, nach Ninive zu gehen

Ich hätte es wissen müssen! Vor Gott kann man nicht einfach fliehen. Selbst am äußersten Ende des Meeres konnte ich mich vor diesem ehrfurchteinflößenden, souveränen und über alles erhabenen Gott nicht verstecken. Er ist wahrlich der „Gott des Himmels, der Land und Meer geschaffen hat“ (1,9). Fast leichtfertig hatte ich diese Worte gesprochen, als die Seeleute mich konfrontiert hatten. Aber jetzt habe ich es selbst erfahren – am eigenen Leib konnte ich die Wucht dieser Wahrheit spüren. Gottes Macht ist unübertrefflich, unergründlich. Selbst Wind und Wellen, ja, selbst die Tiere des Meeres sind ihm untertan. Und mal ehrlich: wenn er sogar diese Naturgewalten für seine Zwecke nutzen kann, wie soll ich ihm da widerstehen? Ich muss dann wohl doch nach Ninive gehen – auch wenn sich innerlich noch alles in mir dagegen sträubt. 

Tagebucheintrag 4 

Jonah 3,4–4,4: nachdem Jona in Ninive das Wort Gottes verkündigt hatte, die Menschen Buße tun und Gott Erbarmen mit ihnen hat

„Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!“ Das ist alles, was ich gesagt hatte. Noch minimalistischer und feindseliger hätte ich den Auftrag Gottes nicht ausführen können. Wie kann es da sein, dass sich die Menschen in Ninive jetzt bekehren? Buße tun? Sich in Sack und Asche hüllen? Nach all den Jahren als Prophet im Namen Gottes ist mir das noch nicht passiert. Meine eigenen Leute sind da immer viel reservierter, ja, ablehnender, wenn ich ihnen eine Warnung oder ein Gerichtswort von Gott übermittle. Und innerlich hatte ich doch so gehofft, dass sie meine Worte ignorieren. Mich einfach hinausschmeißen. Oder sogar töten. Denn ich wusste: Gott ist „ein gnädiger und barmherziger Gott, langsam zum Zorn und groß an Güte, und einer, der sich das Unheil gereuen lässt“ (4,2). Und wie konnte es anders kommen? Natürlich erweist er ihnen jetzt seine Gnade! Ich bin fassungslos. Empört. Am liebsten möchte ich sterben. Genau deswegen wollte ich ja gar nicht erst gehen. Genau das wollte ich doch verhindern. Die haben die Gnade doch gar nicht verdient. Es ist absolut ungerecht, dass sie für ihre Untaten jetzt nicht bestraft werden. Diese Heiden! Diese Götzendiener! Diese Gnadenlosen. Und ich schäme mich, ja, ich bin wütend auf mich selbst, dass ich zu einem Mittler dieser ungerechtfertigten Gnade geworden bin. 

Tagebucheintrag 5

Jona 4,5–11: nach dem Gespräch zwischen Gott und Jona über seinen Verdruss über die Rizinus-Staude

Irgendwie wäre ich ja gerne einsichtig. Denn die Worte Gottes treffen mich schon. Wie er mich knallhart mit meiner Selbstgefälligkeit, meinen Vorurteilen und meinem hasserfüllten Herz konfrontiert und sagt: Die Staude „ist in der Nacht gewachsen und in der anderen abgestorben. Trotzdem tut sie dir leid. Und mir sollte nicht diese große Stadt Ninive leidtun, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können?“ (4,10b–11). Ich selbst habe in den letzten Wochen doch so oft die Gnade Gottes erlebt. Wieso habe ich mehr Mitleid mit meinem Schatten als mit tausenden von Menschen? Wieso ringe ich so sehr mit Gottes gnädigem Handeln? Habe ich ihn vielleicht falsch verstanden? Habe ich seinen Bund mit dem Volk Israel falsch eingeordnet? Habe ich seine Verheißungen falsch eingeschätzt? In meinem Herzen bewegt sich etwas, aber da liegt wohl noch ein langer Weg vor mir. Und auch hier bin ich voll und ganz auf die Gnade Gottes angewiesen.