Das kann schon auch mal dauern

Inspiration

Es finden sich sicher reichlich Menschen, denen es nicht schnell genug geht. Abwarten ist nicht so jedermanns Sache, schon mal gleich gar nicht, wenn man meint auf dem Weg Gottes unterwegs zu sein. Da sollte es doch zügig gehen, oder nicht? Markus Pfeil hat sich das am Beispiel von Mose angeschaut und überträgt einige wesentliche Lektionen von damals ins Heute.

Das Leben von Mose lässt sich in drei gleich lange Abschnitte zu je 40 Jahren einteilen: Die ersten 40 Jahre Ausbildung und Prägung als Sohn der Tochter des Pharaos, danach folgt die Umschulung zum Schafhirten und eine Zeit intensiver Charakterbildung durch seine Rolle als Familienoberhaupt und Hirte in der Wüste Midian. Erst im dritten Abschnitt seines Lebens kommt seine von Gott vorgesehene Berufung zur Erfüllung. Der Schwerpunkt dieses letzten Lebensabschnitts ist Vertrauensbildung. Mose entwickelt eine außergewöhnlich tiefe Beziehung zu Gott, wie sie im Alten Testament selten beschrieben wird. Er stirbt mit 120 Jahren. 

Hochmut 

Mose war hochgebildet. Er besuchte die Eliteschule am Hofe des Pharaos, hatte sich bereits bewährt und seiner steilen Karriere stand nichts mehr im Weg. Doch dann legte Gott ihm die Sehnsucht nach seinem Volk ins Herz. Das veränderte ihn – er konnte das privilegierte Leben nicht länger genießen, während sein Volk versklavt war. Mose war der festen Überzeugung: Das ist jetzt meine Aufgabe, mein Ding! Gott hat mich dazu bestimmt mein Volk zu befreien. Doch die Katastrophe folgte auf den Fuß. Er erschlug einen Ägypter und musste fliehen. Er scheitert an seiner Unbeherrschtheit. Er dachte, seine Landsleute würden erkennen, dass Gott ihn als Retter berufen hatte – aber sie taten es nicht (Apostelgeschichte 8,25). Sie erlebten ihn als Anführer und Richter. Demut? Fehlanzeige. Es sollten weitere 40 Jahre vergehen, bis Gott ihm im brennenden Dornbusch erneut begegnete. 

Stolz 

Inzwischen glaubte Mose nicht mehr an seine Berufung. Gott aber hat Zeit. Kein Weg ist ihm zu weit, um uns vorzubereiten. War es am Anfang seine Selbstüberschätzung, die Mose hinderte, Gottes Auftrag auszuführen, so waren es jetzt seine Selbstzweifel – beides Ausdruck von Stolz. Früher, mit 40, hatte Mose gesagt: Hier bin ich! Später, nach seiner Wüstenzeit: Wer bin ich? Unser Selbstzweifel, der manchmal so demütig rüberkommt, ist wohl eher Stolz, weil wir auf uns schauen und auf das, was wir verlieren können, anstatt auf Gottes Möglichkeiten zu vertrauen. Gottes Antwort? Es ist kein Zuspruch im üblichen Sinne, nach dem Motto: Ich glaube an dich, du schaffst das schon! Sondern: „Vertraue mir! Ich werde mit dir sein.“ 

„Es scheint, und das gilt auch uns heute, dass Gott vor allem an der Transformation des Charakters interessiert ist – erst danach an unserer Aufgabe.“

Ungehorsam 

Erst als Mose gehorsam losging, fand er seine Freiheit. Manchmal dauert es ein halbes Leben, bis Gottes Auftrag zu unserem eigenen Ding wird. In meinem Büro hängt ein Zitat von Paul Tripp: „Im Ruf zum Gehorsam nimmt Gott uns nicht die Freiheit, sondern führt uns an den einzigen Ort, wo wahre Freiheit zu finden ist.“ Dieser Ort ist unsere persönliche Platzanweisung – Gottes Ding wird zu unserem. Und Gott hat Humor: Mose, der wegen eigener Schuld eben mal 40 Jahre nachsitzen musste, führt nun ein Volk, das wegen seines Ungehorsams ebenfalls 40 Jahre durch die Wüste wandern muss. Gott lässt uns Fehler machen, um uns barmherziger mit anderen zu machen – und um uns Vertrauen, Gehorsam und Demut zu lehren. Die Veränderung bei Mose zeigt sich besonders in drei Situationen: 

Vertrauen

Am Schilfmeer schien das Volk verloren – die Ägypter im Rücken, das Meer vor sich. Die Israeliten schrien vor lauter Verzweiflung. Mose sagt: „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird …  Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“ Früher kämpfte Mose selbst – jetzt lässt er Gott handeln. Er nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig, sondern vertraut auf Gott! 

Verantwortung

Als Mose am Sinai die Gesetzestafeln erhält, fällt das Volk von Gott ab und betet das Goldene Kalb an. Gott droht das Volk zu vernichten, doch Mose tritt für das Volk ein: „Es ist dein Volk, das du mit starker Hand aus Ägypten geführt hast! Was sollen die Ägypter über dich denken und was ist mit deinen Verheißungen?“ Gott sieht, wie wichtig ihm das Volk ist: Mose übernimmt Verantwortung – sogar bis zur Selbstaufgabe: „Wenn du ihnen ihre Sünde nicht vergibst, dann streiche mich aus deinem Buch!“ 

Abhängigkeit

Gott sagt zu Mose: „Ich werde einen Engel vor euch herschicken und die Feinde vertreiben. Aber ich werde euch nicht begleiten, denn ihr seid ein so eigensinniges Volk, dass ich euch sonst unterwegs vernichten würde.“ 2. Mose 33,2–3. Mose antwortet: „Wenn du nicht selbst mitgehst, dann führe uns gar nicht erst weiter.“ Ein Engel reichte ihm nicht – Mose wollte keinen Schritt ohne Gott gehen. Wie oft wären wir schon mit einem Engel zufrieden? „Hauptsache wir erreichen das Ziel.“ Mose hingegen sagt: Keinen Schritt ohne dich, Gott! Das ist wahre Demut! Und Gott antwortet: „Ich gehe mit dir und werde dich zur Ruhe führen.“ 

Charakterschule

Mich fasziniert, wie viel Zeit sich Gott für Mose genommen hat, um ihn auf seine Aufgaben vorzubereiten. Aus dem unbeherrschten, zornigen Mann wurde der demütigste Mensch der Erde (4. Mose 12,3) Eine erstaunliche Persönlichkeitsentwicklung. Es scheint, und das gilt auch uns heute, dass Gott vor allem an der Transformation des Charakters interessiert ist – erst danach an unserer Aufgabe oder „unserem Ding“. Das Ziel Gottes ist Demut, weil Stolz unser größtes Problem ist. Jesus sagt: „… lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Auch aus selbstverschuldeten Umwegen kann Gott etwas Gutes hervorbringen. Und das kann dann eben schon auch mal etwas dauern.