Das Glück, das in uns wohnt
Ratgeber
Viele meinen, das Glück kommt von außen. Als etwas, das man erwerben kann, oder das einem geschenkt wird. Was, wenn das gar nicht stimmt? Wenn es längst im Menschen angelegt ist, in uns wohnt und nur entdeckt werden will? Dr. Martina Kessler meint: Wer sich um Aufgaben kümmert, für die er kein Geld bekommt und die ihm Spaß machen, entdeckt schnell „das Glück, das in uns wohnt“.
Ein gesundes Kleinkind ist hoch motiviert, etwas zur zwischenmenschlichen Gemeinschaft beizutragen! Wie gerne waren meine dreijährigen Kinder bereit, die Spülmaschine mit auszuräumen oder die Wäsche in die Waschmaschine einzuräumen. Wenn sie dann die AnAus-Knöpfe betätigen durften, waren sie „im 7. Himmel“. Begeistert half mir meine 5-jährige Enkelin das Badezimmer zu putzen. Sie wollte immer weiter „arbeiten“ und bat mich, sie zu holen, wenn das Badezimmer wieder geputzt werden müsse. Der Mensch ist also von sich aus grundsätzlich motiviert. Wenn er sich in seinem Umfeld weiterentwickeln kann, dann bleibt das auch so – mit Unterbrechung in der Teenagerzeit. Der Freiheitsdrang der Teenager und die Arbeitsplanung der Eltern, das passt nicht immer zusammen. Wir hatten so manche Diskussion um die Mithilfe in Haus und Garten. Auffallend war allerdings, dass sich die Laune des jeweiligen Teenagers im Laufe des Tages besserte und wir beim Arbeitsende in gelöster Stimmung miteinander waren. Es war gut, sich durch das Beitragen zum gemeinsamen Leben als wertvoll und wichtig zu erkennen. Oft feierten wir das Vollbrachte dann gemeinsam mit Eis oder einem Filmabend, um die Motivation zu stärken.
Der Selbstwert des Menschen
Das Ehrenamt bietet die gleiche Chance: Menschen können etwas beitragen und erleben sich dabei als wichtig und wertvoll. Damit ist ein Grundbedürfnis gestillt, denn der Selbstwert eines Menschen lebt von der Bestätigung, vom Feedback, weil etwas gelungen ist oder weil andere eine entsprechende Rückmeldung geben. Menschen haben eine innere Motivation, in der sie sich als selbstwirksam erleben und in der sie etwas zur Gemeinschaft beitragen können. Allerdings reicht das alleine nicht aus für den Marathon des Lebens. Daher ist es hilfreich, wenn andere Aspekte hinzukommen, die ehrenamtliches Engagement fördern. Wer Mitarbeitende im Ehrenamt stärken will, sollte ihnen Wertschätzung und Anerkennung in der „Sprache“ geben, die sie besonders gut verstehen können. Dazu gehören Lob und Dank unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse. Ein persönliches Wort, eine Dankeskarte, eine öffentliche Anerkennung, zum Beispiel im Vereinsblatt, oder eine Rückmeldung in einem Gespräch, verstärken die Einsatzbereitschaft und kosten nicht viel. Auch das Eingehen auf persönliche Bedürfnisse lässt Leute am Ball bleiben. Eine Frau zum Beispiel, die von ihrem Verein ohne Rücksprache zu Diensten eingeteilt wurde, und dadurch immer wieder in private und berufliche Terminschwierigkeiten kam, beendete ihre Mitarbeit nach nur kurzer Zeit.
„Wer Mitarbeitende im Ehrenamt stärken will, sollte ihnen Wertschätzung und Anerkennung in der ‚Sprache‘ geben, die sie besonders gut verstehen können.“
Bitte ohne G’schmäckle
Für manche Menschen ist es besonders wichtig, im Team unterwegs zu sein. Den Teamgeist kann man fördern durch gemeinsame Aktivitäten oder Veranstaltungen. Die meisten Leute sind dann wiederum bereit und motiviert, auch etwas einzubringen, finanziell zum Beispiel. Als besonders wertschätzend wird es jedoch erlebt, wenn man auf Kosten eines Vereins eingeladen ist. Der daraus entstehende Zusammenhalt und das positive Arbeitsklima können enorm hoch sein. Menschen, die sich einbringen, wollen aber auch informiert sein über aktuelle Entwicklungen, Entscheidungen und Projekte. Neulich erzählte mir eine Bekannte von einer Schulabschlussveranstaltung. Die Elternvertretungen hatten die Veranstaltung geplant, aber niemanden darüber informiert, was geplant war und wie denn nun im Einzelnen vorgegangen werden sollte. Meine Bekannten hätte gerne gewusst, wie der grobe Ablauf ist, wann sie was machen soll und wozu das vorher eingesammelte Geld verwandt würde. Sie ging also mit entsprechend wenig Vorfreude auf das Fest zu, das dann, trotz gegenteiliger Erwartung, am Ende sehr schön war. Schade, wenn ein Fest nicht einfach nur schön sein kann, sondern ein „G’schmäckle“ zurückbleibt. Es bedarf also einer offenen und ehrlichen Gesprächskultur, in der man informiert wird, aber in der man auch Bedenken, Anliegen und Ideen äußern kann und sich darin ernst genommen weiß. Leitende von Ehrenamtlern sollten gut zuhören können. Aus guter Kommunikation resultiert eine Rollenklarheit bezüglich der Aufgaben, Erwartungen und Verantwortlichkeiten und es hilft dabei, realistische Vorstellungen gegenseitiger Erwartungen zu haben.
In der Tiefe erfüllend
Ein weiterer wichtiger Aspekt, damit Freude und Spaß im Ehrenamt bewahrt bleiben, besteht darin, dass Menschen sich in Tätigkeiten einbringen können, die ihnen sinnvoll erscheinen. Manche empfinden eine bestimmte Art von Ehrenamt erfüllender als andere. Die einen wollen sich in der Kirche oder Gemeinde einbringen, die anderen im Sportverein und wieder andere in einer Suppenküche. Grob kann man die Möglichkeiten nach sozialen, kulturellen, sportlichen, politischen oder gesellschaftlichen Tätigkeiten sortieren. Jeder dieser Begriffe steht wiederum für eine Überschrift, die in Teilbereiche heruntergebrochen werden kann: Politischer Bereich gleich: Kommunalpolitik gleich: Engagement in Parteien oder Bürgerinitiativen. Andere Menschen sind lieber in Umwelt- und Naturengagement, bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk oder im Rettungsdienst aktiv. Manche helfen in der Schule oder im Kindergarten. Wieder andere unterstützen Online- oder IT-Projekte oder übernehmen Gartenpatenschaften. Welche Interessen und Fähigkeiten Menschen auch immer haben, sie wollen sich damit einbringen und sich nicht in einem Korsett von ungeliebten Notwendigkeiten wiederfinden. Motivierend ist es auch, wenn Engagierten die Möglichkeiten zur Weiterbildung oder zur Qualifikation in Fachschulungen angeboten werden, zum Beispiel eine Weiterbildung für Ehrenamtliche in einem Hospiz für die Begleitung Schwerkranker oder Sterbender. Ein besonderes „Bonbon“ ist es, wenn eine Entwicklungsperspektive möglich ist und Menschen in neue Aufgaben und Verantwortlichkeiten hineinwachsen können. Das kann letztlich sogar den Beruf befruchten. Wer sich in einer ehrenamtlichen Leitungstätigkeit bewährt hat, der kann das sicherlich auch im Beruf erfolgreich tun. Zu guter Letzt fördern eine gute Fehlerkultur und ermutigende Feedbacks die Motivation. Fehler können als Lernchancen betrachtet werden – ganz ohne Drama. Dazu braucht es ein ermutigendes Miteinanderumgehen, in dem Leistungen anerkannt und unterstützt werden und gemachte Fehler durch konstruktive Vorschläge zur persönlichen Verbesserung der Performance führen. Insgesamt ist das Engagement im Ehrenamt dann langfristig, wenn es ein Wechselspiel zwischen intrinsischer Motivation und guter Begleitung von außen ist, aber es ist auch ein Wechselspiel von Geben und Nehmen, von Engagement und Wertschätzung – und das ist gut so!
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