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„Mein Vorgesetzter kann nicht führen“

Sprechstunde

„Ich arbeite seit drei Jahren als Kaufmännische Mitarbeiterin in einer großen Firma und bin dort einem Manager unterstellt, der meiner Ansicht nach keinerlei Führungsqualitäten besitzt und sich zudem auch überhaupt nicht durchsetzen kann. Meine Kollegen machen mit ihm, was sie wollen, und innerhalb der gesamten Abteilung herrscht ziemliches Chaos. Niemand hat Respekt vor ihm, da er zudem auch noch stark übergewichtig ist. Vor allem als Christ versuche ich, mich ihm gegenüber anders zu verhalten als die anderen, aber es fällt mir zunehmend schwerer, ihm Achtung entgegenzubringen, weil ich ihm in vielen Bereichen überlegen bin. Außerdem frustriert es mich, dass es nirgendwo vorangeht und ich nichts mit meiner Arbeit bewegen kann. Eigentlich bin ich ein positiver Mensch, aber ich merke, wie mich die schlechte Stimmung im Büro mehr und mehr runterzieht und auf mich abfärbt. Immer öfter bin ich schlecht gelaunt und auch aggressiv. Soll ich den Job wechseln?“

„Currywurst-Pommes“ – für so manchen ist das nicht einfach Fastfood, sondern Ausdruck einer Lebenskultur. „Es gibt Leute, die fahren viele Kilometer für eine gute Pommes“, sagt Michael Zielke. Er muss es wissen, denn er betreibt seit vielen Jahren einen Imbisswagen in Verden an der Aller. Auf einem Parkplatz neben einer Videothek verkauft er Pommes, Currywurst, Cola und Co. Doch es stehen auch noch andere Angebote auf der Preistafel von „Pommes goldgelb“. Zum Beispiel: „Vergebung der Sünden durch Jesus Christus – kostenlos!“

In seiner Heimat ist Michael Zielke als „Pommes-Prediger“ bekannt und seine rollende Imbissbude als eine andere Art von Kirche. Sie hängt voller christlicher Postkarten und Bibelsprüche, vor allem aus den Psalmen. Unter der Preisliste stehen Playmobilfiguren: allerlei Tiere samt Noah und Familie und natürlich die Arche. Neben dem Kühlschrank sind es Maria und Josef mit den Hirten und den drei Königen. Draußen machen Schautafeln und ein Aufsteller auf Zielkes Angebot für das seelische und leibliche Wohl aufmerksam. Dort gibt es auch einen Briefkasten für Gebetsanliegen und kostenlose Bibeln zum Mitnehmen. Viele seiner Kunden halten Michael Zielke deshalb für einen „Jesus-Spinner“. Aber weil die Qualität des Imbisses für sich spricht, kommen sie alle: Skeptiker, Atheisten, Christen. Für manche ist der 48-Jährige aber auch eine Art Seelsorger oder Psychiater, meint Marcus Lacroix, ein Stammkunde von „Pommes goldgelb“: „Wie ein guter Frisör, dem man alles erzählen kann.“ Er kommt mit seinem Motorrad zur Imbissbude. Und auch viele andere Biker halten auf ihrer Tour kurz an und diskutieren mit „dem Michael“ über das Leben und den Glauben.  

Vom Menschenhasser zum Menschenretter

Bevor Michael Zielke allerdings seine erste „evangelistische Pommesbude“ gründet, hat er das Geschäft bereits von der anderen Seite kennengelernt: Der heutige Imbisschef arbeitet als Mitgesellschafter und Geschäftsführer einer Firma, die Sonderfahrzeuge wie Marktbuden und Imbiss-Anhänger herstellt. Ein hartes Geschäft: „In dieser Branche ging es um viel Geld. Aber etliche meiner Kunden zahlten die Rechnungen nicht – und das, obwohl man sich seit Jahren kannte und ein freundschaftliches Verhältnis hatte.“ Auf Dauer hält Zielke dem Druck nicht stand: „Irgendwann kam ich zu dem Schluss: Ich will kein Menschenhasser werden. Ich kann die Menschen nicht ändern, also muss ich eben mein Leben ändern.“

Er beginnt, Pommes zu verkaufen – als Übergangslösung, damit er in Ruhe über sein Leben nachdenken kann. Doch die Wochen gehen ins Land und nach einem Jahr merkt er: „Eigentlich ist das ja ein ganz angenehmer Job. Die Kunden kommen zu mir, statt dass ich zu ihnen gehe. Ich mache ihnen was zu essen, bekomme mein Geld, und am Abend bin ich für diesen Tag versorgt.“ Doch zu dieser Erkenntnis kommt noch eine viel grundlegendere Lebensveränderung hinzu: In dieser Zeit der Suche begegnet Michael Zielke Gott – ganz persönlich und auf eine so überzeugende Weise, dass der Geschäftsmann das nicht für sich behalten kann. Er beginnt, seinen Kunden von Gott zu erzählen, lässt sich Bibelsprüche auf T-Shirts und seinen Imbisswagen drucken. Viele reagieren zunächst mit Unverständnis oder sogar offener Ablehnung. Zielke versteht das: „Wir haben ja vorher auch schon immer miteinander gesprochen: über Motorräder, Fußball, politische Themen. Eine Pommesbude ist wie ein Friseursalon, da wird viel kommuniziert und nicht nur eine Wurst gegessen. Und plötzlich fängt der Pommesverkäufer an, von Jesus zu erzählen. Das kann einen schon abschrecken.“

„Bleib mir weg mit deinem Jesus!“

Nicht wenige Kunden ergreifen regelrecht die Flucht. Der allgemeine Tenor lautet: „Hey, willst du mich jetzt hier bekehren, oder was? Nee, dann komm ich nicht mehr!“ Sogar Christen reagieren ablehnend, erzählt Zielke: „Die sagten: ,Das kannst du so nicht machen, das ist nicht Gottes Wille!‘ Sie waren der Meinung, an so einem Ort wie einer Pommesbude von Gott zu reden, das dürfe man nicht.“

Die Folgen sind hart: Der Umsatz bricht zusammen. Hinzu kommen Forderungen vom Finanzamt aus Zielkes Zeit als Gesellschafter. Alles scheint dagegen zu sprechen, so weiterzumachen wie bisher. Doch eine Stimme in seinem Herz sagt dem Pommesmann: „Hab keine Angst, vertraue mir! Ich bin der Herr, dein Gott, ich bin mit dir.“ Zielke erinnert sich: „Ich musste wissen, ob ich ernsthaft Gott mein Leben anvertrauen konnte. Alles schrie danach aufzuhören. Aber wenn ich das getan hätte, hätte ich nie gewusst, ob Gott mein Fundament ist.“ Also macht er weiter.

„Eine Pommesbude ist wie ein Friseursalon, da wird viel kommuniziert und nicht nur eine Wurst gegessen.“

Mit einem Mal kehren die meisten seiner Kunden zurück und murmeln dabei Sätze wie: „Soll doch jeder glauben, was er will ... Und jetzt mach mir mal ’ne Pommes!“ Zielke fühlt sich in seiner Entscheidung bestätigt und es dauert nicht lange, da haben sich die Qualität seines Essens und die Originalität seiner Person herumgesprochen. Die Stammkunden bringen weitere mit. Irgendwann werden die Zeitungen auf ihn aufmerksam, dann das Fernsehen: „Dadurch, dass die Leute mich in den Medien sahen, nahmen sie mich plötzlich ernst.“

Mit Pommes-Currywurst zum Seelenheil

Auch Marcus Lacroix hört auf diesem Weg von Pommes goldgelb. Er ist He-rausgeber des norddeutschen Motorradmagazins „Kradblatt“: „Darin wollte Michael jeden Monat einen Denkanstoß aus der Bibel drucken“, erinnert sich Lacroix. Er besucht Zielke und schreibt einen Artikel über den Pommes-Prediger. Eigentlich hält er so gar nichts von Gott, lässt sich aber trotzdem darauf ein, mit dem Imbissbuden-Betreiber über den Glauben zu reden. „Es war beeindruckend, wie überzeugt er von Gott war.“ Die beiden Männer führen die Diskussion fort, an der Bude und per E-Mail. Lacroix fehlt der Sinn im Leben, er quält sich mit Todesgedanken. Es dauert über ein Jahr, bis er sich schließlich darauf einlässt, gemeinsam mit Michael Zielke zu beten. Seitdem fühlt sich Lacroix frei von jeder Sehnsucht nach dem Tod, er ist zurück im Leben.

Inzwischen läuft das Geschäft des Pommes-Predigers richtig gut. „Pommes goldgelb“ ist – sicher auch Dank des besonderen Besitzers – zu einer echten Marke geworden. Vor wenigen Monaten hat Michael Zielke deshalb gemeinsam mit seiner Frau Kerstin eine zweite Filiale in Walsrode eröffnet. Dieses Mal allerdings einen Stehimbiss, den zwar keine Playmobilfiguren schmücken, dafür aber ein großes Plakat: Darauf ist Martin Luther zu sehen und der Spruch: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Michael Zielke versteckt seinen Glauben auch hier nicht. Er trägt weiterhin T-Shirts mit Sätzen wie „Jesus – Medizin Deines Lebens“ und unter der Theke steht gut lesbar „Walsrodes evangelistische Pommesbude“, darunter der Slogan: „Komm zu Jesus, er sättigt dich.“  

Das Ehepaar träumt von weiteren evangelistischen Pommesbuden: „Für Menschen, deren Geist und Seele nicht ernährt werden, die außerhalb der Kirche stehen und die hungrig sind“, erklärt Zielke sein Anliegen. Durch Erlebnisse wie die mit Marcus Lacroix fühlt er sich bestärkt: „Viele Menschen gehen vielleicht nicht mehr in die Kirche, aber dafür kommen sie zur Pommesbude.“