Wer fühlen kann, der lebt
Psychologie
Whitney Houston-Fans können was damit anfangen: I am so emotional. Dass Emotionen und Gefühle aber weit über das Empfinden in Liebesbeziehungen hinaus eine wesentliche Rolle spielen, weiß Monika Heß von der IGNIS Akademie in Kitzingen. Und sie weiß es nicht nur als Psychologin, sondern auch als Mensch. Ein Ratgeber für den Umgang mit den Aufs und Abs unserer Gefühle.
Ich bin beim Fußballturnier meines Sohnes. Die ganze Halle tobt, von den Rängen werden Anfeuerungen und Beschimpfungen gebrüllt, gelacht und gestöhnt vor Schmerz über verlorene Torchancen. Die ganze Palette der Gefühle ist vertreten: Ärger über den Schiri, der das Foul nicht gesehen hat, Zorn über Beleidigungen, Mitgefühl für den verletzten Torwart, Siegestaumel und einfach Spaß am Spiel. Es ist betäubend laut, Gefühle wechseln rasend schnell und niemand scheut sich, sie zu zeigen. Und ich bin mittendrin. Jemand sagt, dass es anstrengend ist, neben einer Spielermutter zu stehen. Das bringt mich zum Lachen. Hier ist Platz für die starken und auch die sogenannten negativen Gefühle. Hier sind sie erlaubt.
Leidenschaft pur
An den meisten anderen Orten in unserem Leben sind sie eher weniger willkommen. Gefühle kosten Kraft und stören die Abläufe. Viele Menschen versuchen sie zu unterdrücken und zu vermeiden. Aber sie sind ein ganz zentraler Teil unserer Menschlichkeit, sie gehören zum vollen Leben dazu. Wir haben diese starken Emotionen, weil wir spüren, dass etwas in Gefahr ist, das wir lieben. Gefühle zeigen an, dass wir Menschen sind, verwundbar und liebesfähig, mit Werten und Bedürfnissen. Sie machen sichtbar, wie sehr wir lieben oder geliebt haben. Sie zeigen unsere Leidenschaften. Und damit meine ich nicht nur die Liebe zu Menschen, sondern auch die Liebe zum Leben, zu Aufgaben, zur Freiheit.
Es gibt unendlich viel, was Menschen lieben können, woran wir unser Herz hängen.
Wenn die Dinge oder Personen, die wir lieben, in Gefahr sind oder drohen verlorenzugehen, dann springen starke Emotionen als Alarmgeber an. Denn das bereitet uns Schmerz. Felix hasst es, wenn gut vorbereitete Arbeitsabläufe durch Unvorhergesehenes durcheinanderkommen. Er braucht Planbarkeit und Übersichtlichkeit und liebt das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Simone fühlt sich einsam nach ihrem Umzug in die neue Stadt und ihr fehlen die selbstverständlichen Gespräche mit den Nachbarn im Treppenhaus. Sie merkt jetzt erst, wie wichtig ihr die Erfahrung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit ist. Marianne hat Angst, was das nächste Jahr bringen wird. Wird die diagnostizierte Krankheit gut zu behandeln sein? Sie macht sich Sorgen, weil sie liebt. Sie liebt es, am Leben zu sein, sie liebt ihren Mann und will mit ihm noch gute Tage erleben, Jahre!
Der ist lebendig
Es sind unsere Werte, die durch die starken Gefühle sichtbar werden. Wenn uns etwas egal ist, entwickeln wir dazu keine starken Gefühle. Aber Werte sind es wert, dafür zu kämpfen! Mir gefällt der Gedanke, das nicht als Makel zu verstehen, sondern als Auszeichnung. Wer fühlen kann, der lebt. Wer ein Herz hat und es an etwas hängen kann, der ist lebendig. Mit Hilfe der Emotionen, auch der starken, können wir
lieben und spüren, was Liebe ist – und was keine Liebe ist. Da gehört die Liebe zu Gott genauso dazu, wie die Liebe zu Menschen. Je mehr ich mich Gott gegenüber öffne und meinen Emotionen ehrlich Raum geben kann, umso mehr persönliche Beziehung wird möglich. Gott scheut sich ja auch nicht, starke Emotionen zu haben, und wir sind schließlich
seine Ebenbilder.
Unsere Beziehungsfähigkeit wächst, je differenzierter wir über Emotionen sprechen können. Je mehr Worte mir zur Verfügung stehen, die verschiedenen Abstufungen und Nuancen zu beschreiben, umso mehr Klarheit gewinne ich über meine Innenwelt und werde auch verstehbar für andere. Es macht einen Unterschied, ob ich sage, „es geht mir schlecht“ oder: „ich bin enttäuscht und traurig, weil die Mühe, die es mich gekostet hat, nicht gesehen wurde.“ Das ist auch wichtig für unsere Gespräche mit Gott. Sie sind der Raum – manchmal der einzige – in dem ich meine Gefühle genau benennen und mein Herz vor Gott ausschütten kann. Und Gott geht mit mir durch diese Gefühlschaoswege. Er ist selbst ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden, es ist ihm nichts davon fremd. Und er gibt auch Korrektur, wo ich mein Herz an Unwichtiges hänge, wo Dinge mir zum Überwert geworden sind und ich mein Ego mehr liebe als die mir anvertrauten Menschen. Aber dann sind nicht die Gefühle das Problem, sondern die Richtung meiner Liebe und mein Wertesystem.
„Er gibt Korrektur, wo ich mein Herz an Unwichtiges hänge, wo Dinge mir zum Überwert geworden sind und ich mein Ego mehr liebe als die mir anvertrauten Menschen.“
Die richtige Spur
Trotzdem sprechen wir bei starken Gefühlen meist von negativen Emotionen. Sie sind unangenehm, können unerträglich lange bestehen bleiben und sich verfestigen. Aus Ärger kann gewalttätiger Zorn werden, aus Verletztheit kann Bitterkeit wachsen, aus Trauer kann tiefste Verzweiflung werden. Die Psychologie spricht von seelischer Gesundheit, wenn gewisse Flexibilität und Fluidität in den Gefühlen gegeben sind. Gesund ist, wenn die Gefühle weiter fließen können und sich nicht verhärten. Ihre Botschaft wird gelesen und dann geht es weiter im Leben: mit Konsequenzen, Verhandlungen, mit loslassen, vergeben, weiterkämpfen, Frieden schließen, sich wehren - je nachdem, was die Situation erfordert. Die negativen Emotionen geben uns dafür Kraft. Sie sind ein Motor und sollen uns wieder ins Leben zurückführen und uns für unsere Lebensaufgaben unterstützen.
Manchmal braucht es für die Rückgewinnung dieser emotionalen Beweglichkeit jemanden, der verständnisvoll zuhört oder professionelle Hilfe, weil Gefühlsknoten sehr fest sein können. Gefühle regen unser Wachstum an. Sie warnen davor, wieder die gleichen Fehler zu begehen. Wir können fühlen, was uns erwarten könnte, wenn wir uns nicht verändern. Das motiviert uns dann für nötige Veränderungsprozesse. Gefühle helfen uns, spontane Entscheidungen zu treffen in Situationen, wo es schnell gehen muss. Oft ist unsere Intuition, also das vom Bauchgefühl geleitete Entscheiden, erstaunlich schnell auf der richtigen Spur. Gefühle helfen uns dieses Leben als Mensch zu leben. Durch sie werden wir für unser Gegenüber spürbar, greifbar und authentisch. Sie sind subjektiv, vielfarbig und manchmal rätselhaft - so komplex und einzigartig, wie Gott uns geschaffen hat. Uns alle!
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