Wenn Glaube durcheinanderkommt
Ratgeber
Schade, wenn das, was gestern noch zu gelten schien, heute nicht mehr trägt. Wenn selbst der Glaube keinen Halt mehr gibt. Wirklich schade? Dr. Steffen Schulte kennt solche Lebensphasen und spricht von Orientierung, Desorientierung und Neuorientierung. Und er sagt: Alles drei ist Notwendig, damit der Glaube nicht schutzlose Hülle wird, sondern festes Fundament sein kann.
Es gibt sie, die Momente, in denen man morgens aufwacht und das Gefühl hat, die Welt, wie man sie kannte, gerät aus den Fugen. Vielleicht war es ein Anruf vom Arzt, eine Kündigung, die einen völlig unvorbereitet traf, oder das schmerzhafte Ende einer Beziehung. Vielleicht waren es „nur“ die Berichte in den Nachrichten oder ein schleichender Prozess. Plötzlich ist da kein fester Boden mehr unter den Füßen, sondern nur noch ein klaffendes tiefes Loch.
Wenn ich ehrlich bin, dann schreibe ich eigentlich viel lieber über die Freude im Leben und über Gottes Führung. Aber was ist, wenn diese Führung sich wie eine Irrfahrt anfühlt? Wenn das Gebet wie ein Echo in einem leeren Raum klingt? Dann ist man angekommen, würde ich sagen, denn diese Phasen sind Teil jedes gesunden Glaubens. Es beschreibt nicht das Ende des Glaubens, sondern viel mehr einen notwendigen Weg, den schon die Beter der Psalmen kannten. Der Alttestamentler Walter Bruggemann unterteilt die Psalmen in drei Kategorien. Psalmen der Orientierung, der Desorientierung und der Neuorientierung. Und allein zu sehen, dass alle drei Phasen den Psalmisten wohlbekannt waren, zeigt mir, dass sie auch zu meinem Leben gehören dürfen und es zeigt auch, dass wir in der Bibel Worte und Gebete für jede Lebensphase haben.
Die Komfortzone
Wir alle lieben die Phase der Orientierung. Das ist die Zeit, in der das Leben klar und zuverlässig ist. Man geht sonntags in den Gottesdienst, liest seine Bibel und alles scheint logisch: Gott ist gut. Die Welt folgt einer Ordnung. In den Psalmen finden wir das in den Texten über die Schöpfung oder die Weisheit wieder – dort, wo wir Gott für seine wunderbare Ordnung preisen. Es ist ein guter Ort, aber er ist nur ein Ort am Rande eines langen Wegs. Die Gefahr ist, dass wir uns darin so gemütlich einrichten, dass wir vergessen, dass das Leben auch Brüche hat. Wenn dann die Krise kommt, trifft sie einen umso härter.
Die Grube
Dann passiert es: man fällt in die Grube. So beschreibt es Walter Brueggemann. Der vertraute Alltag gerät ins Schwanken. In dieser Phase der Desorientierung fühlt sich vieles dumpf und unsicher an. Wir erleben Verlust, Schmerz oder tiefe Enttäuschung. Ich habe selbst erlebt, wie schwer es ist, in dieser Zeit ehrlich zu sein. Oft versuchen wir, diesen Zustand zu überspringen. Wir wollen so schnell wie möglich von der Grube direkt zur Rettung springen. Wir betäuben den Schmerz, flüchten uns in religiöse Floskeln oder versuchen, das Problem mit einem „10-Schritte-Programm“ zu lösen. Aber wenn wir den Schmerz wegdrücken, halten wir am Ende nicht nur das Leid auf Distanz, sondern auch Gott selbst.
„Wenn wir den Schmerz wegdrücken, halten wir am Ende nicht nur das Leid auf Distanz, sondern auch Gott selbst.“
Die Psalmen der Desorientierung lehren uns die Sprache der Tränen: Das Klagen. Klage ist kein bloßes Jammern; es ist die ehrliche Art und Weise, die eigene Angst und Verzweiflung vor die Füße Gottes zu werfen. Gott hält das aus. Klage verändert selten sofort die Situation, aber sie verändert die Perspektive. Sie schafft eine (neue) Intimität mit Gott, die wir auf einem sonnigen Gipfel nie gefunden hätten. Gott steht mitten im Schmerz bei uns, auch wenn er ihn nicht sofort wegnimmt. Diese Zeiten erleben wir oft auch als einen Ort des Übergangs, an dem das Alte vorbei, aber das Neue noch nicht mal am Horizont zu sehen ist. Es ist das „messy middle“, das chaotische Dazwischen. Eine Zeit zwischen Verheißung und Erfüllung. Eine Zeit des Hoffens und des Wartens.
Ganz ehrlich, ich bin kein geduldiger Mensch. Warten kann so extrem anstrengend sein! Doch wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir ganz viele Menschen, die warten mussten; Menschen wie Abraham, David oder Simeon. Ich habe gelernt: Warten kann sehr aktiv sein. Es ist nicht bloßes Nichtstun, sondern ein Dranbleiben im Gehorsam. Aktives Warten bedeutet, an der Hoffnung festzuhalten und Gott nicht loszulassen. Natürlich fragen wir uns dann oft: Warum lässt Gott mich so lange in diesem Chaos zappeln? Ein Gedanke hierzu hat mich tief bewegt: Was Gott in uns tut, während wir warten, ist mindestens genauso wichtig wie das, worauf wir warten. Diese chaotischen Wartephasen sind Wachstumsphasen. Mit jedem Tag, an dem wir trotz unserer Fragen weitermachen, üben wir Hoffnung ein. Wir lernen, dass Gott uns in der Desorientierung nicht allein lässt.
„Was Gott in uns tut, während wir warten, ist mindestens genauso wichtig wie das, worauf wir warten.“
Neuorientierung
Irgendwann – oft ganz leise und unverhofft – merken wir dann, dass Gott uns aus der Grube gehoben hat. Aber wir kehren nicht zur alten Normalität zurück. Wir befinden uns in einer Neuorientierung. Wir sind wieder am Ufer angekommen, aber wir sind verändert. Wir tragen vielleicht Narben, aber wir tragen auch eine neue Tiefe und Dankbarkeit in uns. Das Wichtigste, was ich über diese Phase gelernt habe: Ich kann mich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen. Gott ist es, der mich, der uns in einen neuen Raum führt. Wir fangen an, neue Lieder des Lobpreises zu singen, die tiefer klingen als alle anderen Lieder vor der Krise.
Hilfestellung
Darf ich ganz direkt fragen: Wie geht es dir zurzeit? Ist dein Glaube gerade chaotisch, sitzt du in der Grube? Dann möchte ich dir drei Dinge ans Herz legen: 1. Suche die Gemeinschaft, bleib nicht allein mit deiner Verzweiflung. Wir alle brauchen Menschen, die uns an Gottes Wahrheit erinnern, wenn wir sie selbst nicht mehr sehen können. Manchmal ist der „Christus im Anderen“ mächtiger als der Christus in mir selbst. 2. Halte an Gottes Charakter fest: Wir warten nicht auf irgend etwas, sondern wir warten auf Gott. Wir warten, weil Er gut ist und sein Zeitplan perfekt ist, auch wenn wir ihn nicht verstehen. Und 3.: Vertraue auf den Heiligen Geist. Er übersetzt unsere Gebete, wenn uns die Worte fehlen, und führt uns in die Wahrheit. Das Chaos ist nicht das Ende – es ist der Ort, an dem Gott etwas Neues in dir vorbereitet.
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