Wenn es kracht
Kommunikation
Das kann in den besten Familien vorkommen. Oder in Freundschaften, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft: Missverständnisse, Streit und Krach. Dr. Martina Kessler meint, das sei an sich noch keine große Sache und im Grunde auch nicht so schlimm, wenn man die Konfliktlösung nicht verbockt. Was ihr dabei wichtig ist, beschreibt sie auch aus eigener Erfahrung.
Ich predigte in einer Gemeinde und wie immer bereitete ich mich gründlich vor. Dabei hatte ich schon den Verdacht, dass meine Ausarbeitung wohl nicht jedem gefallen wird, da es im Wort Gottes auch darum geht, dass wir mit uns selbst konfrontiert werden. Und ich hatte recht. In den Wochen danach hörte ich durch ein Gespräch mit einem Verantwortlichen der Gemeinde, dass sich mehrere Leute verärgert oder verletzt bei der Gemeindeleitung gemeldet hatten.
Große Verunsicherung
Erst beim Nachdenken über dieses Gespräch merkte ich, wie sehr es mich getroffen hatte: Mehrere Leute haben sich über deine Aussagen beschwert, aber da es seelsorglich war, kann ich dir nicht sagen, wer es war. Das fühlte sich an, als hätte ich den Boden unter den Füßen verloren. Ich war nicht nur bezüglich der Gemeinde verunsichert, sondern auch mit Blick auf die Leitung. Denn es war unklar geblieben, wie diese auf die „Beschwerden“ reagiert hatte, und das verunsicherte mich noch mehr. Mein Gefühlschaos war perfekt!
Auch wenn ich schon seit 25 Jahren den konstruktiven Umgang mit Konflikten unterrichte, forderte mich die aktuelle Situation dennoch heraus. So ist das eben auch: In eigener Sache fehlt die zur souveränen Konfliktklärung notwendige Distanz! Man ist mittendrin, emotional involviert und gefangen. Das ist völlig normal, aber ich wollte da wieder raus. Mir hilft es dann, wenn ich eine solche Situation in überschaubare Stücke filetiere. Dazu schaute ich zuerst auf den Inhalt meiner Predigt und die Umsetzung. Was war daran wichtig, richtig und gut? Wo war mein Stil (zu) hart oder (zu) konfrontativ? Was hätte ich besser machen können? Was würde ich beim nächsten
Mal weglassen?
Starke Energieräuber
Da ich ein Beziehungsmensch bin, ist die Klärung der Sachlage in mir selbst aber nur zum Teil hilfreich. Um die Situation noch besser verstehen und lösen zu können, hilft mir ein Tool aus dem Konfliktmanagement. Einen Konflikt auszutragen ist nötig, wenn im Zusammensein unterschiedliche Werte aufeinandertreffen, und die Beziehungen oder Ziele geklärt werden müssen. Unnötig sind Konflikte wegen Missverständnissen, Streitereien um Nebensächliches, Unachtsamkeiten oder auch Scheingefechte. Unnötige Konflikte rauben nur Energie.
„Einen Konflikt zu haben bedeutet erst einmal nur, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt. So gesehen ist jeder Konflikt eine Chance.“
Der Konflikt mit der Person aus der Gemeindeleitung war lösbar, weil ich mit ihr ein weiteres Gespräch führen konnte, bei dem sich manches als Missverständnis und Unachtsamkeit herausstellte. Diese unnötigen Anteile konnten wir schnell klären. Andere Gesprächsinhalte betrafen Werte, Beziehung und Ziele. Das zu klären war notwendig und brauchte mehr Zeit, aber auch das konnte mit einer gewissen Großzügigkeit gut und einvernehmlich gelöst werden. Wer jedes Jota klären will, wird scheitern oder neues Konfliktpotential hervorbringen. Schwierig aber war der Teil, den ich nicht klären konnte, weil ich nicht mit den anonym bleibenden Beschwerdeführern reden konnte, obwohl sie ermutigt worden waren, mich anzusprechen. Auch hier kam ich durch ein Konfliktanalyse-Modell weiter. Dieser Teil des Konflikts war unlösbar. Da es aber (Glaubens-)Werte und Beziehungen betraf, war es ein notwendiger Konflikt. Diese Konfliktart ist die schwierigste! Ich konnte also nur mein inneres Konfliktempfinden lenken. Ich musste lernen, mit der Situation zu leben, und wollte heraus aus der inneren Verunsicherung, weil gerade diese den Menschen Macht über mich gab, die nicht mit mir reden wollten. Die Lösung dieses Konflikts lag also darin anzuerkennen, dass es keine Lösung gab. Dieser Ausgang war nicht meine Wunschoption, war aber unter den gegebenen Umständen der einzig mögliche.
Ich fasse zusammen:
Lösbare, aber unnötig Konflikte
Diese Konflikte schnellstmöglich beenden! Streiten Sie nicht um Nebensächlichkeiten! Missverständnisse können geklärt, Absprachen klarer gefasst und Nörgeln abgestellt werden. Wichtig ist, dass die getroffenen Absprachen eingehalten werden. Was können Sie dazu beitragen?
Lösbare und nötige Konflikte
Der Konflikt sollte zum Nutzen aller mit einem Minimum an Aufwand maximal gelöst werden. Die Klärung soll so lange dauern, wie es braucht, die Unstimmigkeit beizulegen – nicht länger, aber auch nicht kürzer. Welche Schritte braucht es für eine dauerhafte Konfliktklärung?
Unlösbare und unnötige Konflikte
Klären Sie, ob der aktuelle Konflikt auf einen tieferen hindeutet. Gegebenenfalls muss zunächst der tieferliegende Konflikt geklärt werden. Wenn man zu keiner einheitlichen Sicht kommen kann, dann muss man lernen, mit unterschiedlichen Sichten und Verhaltensweisen zu leben. Dabei sollten Wege gefunden werden, die dauerhafte Schäden oder massive Abwehr unnötig machen. Das Problem darf bleiben, aber es bestimmt die Beziehung nicht.
Unlösbare, aber nötige Konflikte
Klären Sie, ob ein Miteinander ohne Konflikt möglich ist. Wie müsste dieses gestaltet werden? Manchmal ist etwas Distanz zueinander hilfreich, in anderen Fällen ist eine Trennung notwendig.
Einen Konflikt mit jemand zu haben bedeutet erst einmal nur, dass es unterschiedliche Sichtweisen in einer Sache gibt. So gesehen ist jeder Konflikt eine Chance, sich und andere besser verstehen zu können. Denn häufig wird erst durch einen Konflikt sichtbar, dass es ungeklärte Sichtweisen, Einstellungen und Ziele gibt; das ist zunächst einmal positiv. Entscheidend sind die weiteren Schritte im Umgang damit. Ein Konflikt als solcher ist also gar nicht schlecht oder schlimm. Schlimm wird es erst, wenn es keine Lösung oder Klärung gibt, und dem können wir mit Hilfe systematischer Modelle entgegenwirken.
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