Ein Wort hätte genügt
Essay
Karfreitag. Der Tag, an dem die Welt daran denkt, dass Jesus gekreuzigt wurde. Natürlich wissen wir längst, dass kurz darauf schon Ostern kam und Jesus wieder auferstand. Aber welches Durcheinander mag in den wenigen Tagen dazwischen gewesen sein? Dr. Simone Flad stellt sich vor, sie wäre damals leibhaftig dabei gewesen, und schreibt sich die Trauer von der Seele.
Schon wieder ist es Nacht – schon die zweite, seit alles passiert ist. Aber es ist nicht nur draußen Nacht – auch in mir ist nur Dunkelheit. Alles schwarz, leer. Ich bin total fertig, aber an Schlaf ist auch heute Nacht nicht zu denken. Sie haben ihn gekreuzigt. Ich kann es immer noch nicht glauben. Mein lieber Herr und Rabbi lebt nicht mehr. Es war so furchtbar, einfach nur schrecklich. Es war nicht die erste Kreuzigung, deren Zeuge ich wurde – aber die erste, bei der ich den Hingerichteten kannte. Gut kannte. Und verehrte. Immer wieder in den letzten drei Jahren war ich in seiner Nähe, wenn er in unserer Gegend war. Wir haben ihn und seine Jünger bekocht und beherbergt. Aber vor allem haben wir ihm zugehört – wenn er von Gottes Reich gesprochen hat, dann war alles so lebendig und klar. Jetzt ist nichts mehr klar.
Es kam noch schlimmer
Er hat so viele Wunder getan und so vielen geholfen. Aber sich selbst nicht; das haben die Leute bei der Kreuzigung ihm und uns auch genüsslich unter die Nase gerieben. Er hätte es doch gekonnt – oder? Warum hat er sich nicht gewehrt? Warum ist er nicht einfach vom Kreuz wieder heruntergestiegen? Er hatte doch die Macht dazu – oder? Ich verstehe das nicht. Wir hatten so große Hoffnung, dass mit ihm alles anders wird, dass Gottes Reich endlich anbricht in dieser chaotischen Welt. Dass er der versprochene Messias, unser Retter ist. Die ganze Zeit dachte ich, es kann doch nicht sein. Er wird nicht sterben. Gott wird eingreifen, er muss einfach eingreifen. Eine Legion von Engeln wird kommen und ihn vom Tod erretten. Jesus hat vor ein paar Monaten mal von zukünftigem Leiden gesprochen, das haben jedenfalls die Jünger erzählt, ich war da nicht dabei. Aber ich hatte das nicht verstanden und gedacht, das ist bestimmt nicht wörtlich zu verstehen. Aber jetzt kam es ja noch schlimmer, als ich es mir hätte ausmalen können. Bis zur letzten Minute noch habe ich damit gerechnet, dass er selbst dem ganzen grausamen Spiel ein Ende macht, oder dass Gott eingreift. Aber nichts ist passiert. Jesus ist gestorben.
Alles leer und sinnlos
Wir standen da zusammen, ein paar seiner Jünger und wir Frauen. Von weitem haben wir zugeschaut. Auf der einen Seite konnte ich meine Augen nicht von Jesus lassen und gleichzeitig konnte ich es nicht aushalten, das mit anzusehen. Wie muss es seiner Mutter Maria neben mir erst ergangen sein? Es war einfach furchtbar. Ihn da so leiden zu sehen war schon schrecklich genug. Dann kam noch diese furchtbare Finsternis, alles wurde dunkel. Als ob Gott sich abgewendet hätte. So fühlte es sich an – so fühlt es sich immer noch an. Gott wo bist du in all dem? Wo warst du, als Jesus laut geschrien hat und gestorben ist? Ich denke immer noch, dass wir ihn morgen früh sicher treffen, wie jeden Morgen in den letzten Tagen. Dass wir für ihn und die Jünger Frühstück machen und er uns vom Reich Gottes erzählt. Aber das ist vorbei. Alles ist leer und sinnlos. Ach, Jesus!
„Bis zur letzten Minute noch habe ich damit gerechnet, dass er selbst dem ganzen grausamen Spiel ein Ende macht, oder dass Gott eingreift.“
Das kann doch nicht wahr sein!
Gott sei Dank hat sich wenigstens jemand über seinen Leichnam erbarmt, als alles vorbei war: Joseph von Arimathäa. Ich hätte gar nicht gedacht, dass er zu uns gehört, der vornehme Ratsherr. Er hatte sich bisher bedeckt gehalten. Egal, es war jedenfalls ein starkes Zeugnis, so viel Mut: als Mitglied des Sanhedrins, also der obersten Religionsbehörde, hat er sich um den Leichnam eines offiziell von genau dieser Behörde verurteilten Verbrechers gekümmert. Auch wenn Jesus natürlich kein Verbrecher war! Wir alle sind Joseph sehr dankbar, dass er das gemacht hat.
Ich bin mit ein paar anderen Frauen Joseph und seinen Helfern hinterher gegangen. Sie haben Jesus in ein neues Grab gelegt; es war wohl Josephs eigenes Grab, wie ich inzwischen erfahren habe. Das ist ein guter, respektabler Platz für seinen Leichnam, das gebührt ihm auch! Wir haben wieder nur von weitem zugeschaut, aber so wissen wir wenigstens, wo er liegt, und können an seinem Grab trauern. Wir haben auch gleich ausgemacht, dass wir ihn morgen nach dem Sabbat in aller Frühe noch salben wollen. Joseph und sein Begleiter haben das zwar wie üblich auch schon gemacht, aber wir wollen ihm diesen letzten Liebesbeweis auf alle Fälle auch noch persönlich erweisen. Wir liefen schnell nach Hause, es herrschte kurzzeitig eine fast fieberhafte Aktivität: wir mussten all die nötigen Sachen besorgen, die Salben zusammenrühren und alles herrichten. Wir mussten uns beeilen, denn bald begann der Sabbat. Das Gute daran war, dass wir etwas zu tun hatten. So konnte der Schmerz wenigstens etwas in Schach gehalten werden. Und so kann ich nachher noch etwas für ihn tun, ihm meine Liebe zeigen.
Nichts hast du getan!
Dann kam der Sabbat. Wir haben alles stehen und liegen gelassen und geruht, wie vom Gesetz vorgeschrieben. Aber innerlich war ich alles andere als ruhig. Es hat getobt in mir, wirbelnde Gedanken: wäre, hätte, wie konnte, warum - immer im Kreis. Ich war wie betäubt vor Schmerz, konnte gar nichts denken, war einfach nur leer. Ich denke, den anderen ging es ähnlich. Manchmal versuchten wir darüber zu reden, versuchten zu verstehen. Aber meist endete es in gemeinsamem Schweigen, Weinen und uns gegenseitig festhalten. Warum hast du das zugelassen Gott? Er war doch unsere große Hoffnung. Er hat Licht in unser Leben gebracht. Warum, Gott? Jesus hat dir doch so treu gedient und in deinem Namen so viele Wunder getan. Warum hast du nicht eingegriffen? Ein Wort hätte doch genügt – wie bei Lazarus. Aber nichts hast du getan. Er ist gestorben! Wie soll es nun weitergehen? Gott du musst uns den Weg zeigen.
Vielleicht bin ich doch etwas weggedämmert? Jedenfalls hat gerade schon der Hahn gekräht. Also sollten wir gleich mal aufstehen, uns schnell fertig machen und losgehen, damit wir so bald wie möglich am Grab von Jesus sein können. Oh nein, da fällt mir ein, da ist doch der riesige Stein vor der Öffnung! Wie sollen wir den denn nur wegbewegen können, damit wir zum Leichnam gelangen? Vielleicht haben die anderen eine Idee. Vielleicht können wir sogar die Soldaten überreden uns zu helfen. Es muss einen Weg geben. Gott, bitte hilf uns …
Seite teilen: