Die Zeit der Ungeheuer

Interview

Schon die 2019 erschienene Weltvorhersage „Übermorgenland“ machte von sich reden, jetzt legte Dr. Markus Spieker mit „Crazy World“ nach. Dabei ist der Historiker überhaupt kein Schwarzseher, sondern ein überaus feinsinniger Hinseher. Detlef Eigenbrodt hat sein Buch gelesen, ein paar Passagen extrahiert und sich kurz vor Spiekers Umzug nach Indien mit ihm zum Gespräch getroffen.

Die große Fehleinschätzung

Hinter politischem Pathos und wissenschaftlichem Habitus verbirgt sich oft magisches Denken; nämlich der Glaube, mit den richtigen Überzeugungen ließe sich das Realitätsprinzip aushebeln. Nach 1945 war erst einmal Schluss mit den Fantastereien. Der große Crash der zwei Weltkriege stutzte den ideologischen Fortschrittsgläubigen die Flügel. Aber allmählich wuchsen sie wieder nach, erst an den Universitäten, später in den Parlamenten. Dort grassierte in den letzten Jahren wieder der Irrglaube, dass die richtigen Überzeugungen immun machen gegen die Gesetze der Schwerkraft. Stärke kann man sich nicht wünschen. Man hat sie oder nicht. Man kann sie sich höchstens erarbeiten. Auch wenn man das unfair findet: Die Masse macht’s eben doch. In der Physik wie im alltäglichen Leben.

Was ist mit der Liebe?

Es gibt zur Stärke auch eine komplementäre Wirkungsmacht, die allerdings nach viel schwerer zu berechnenden Regeln funktioniert: Die Liebe. Sie hat ihre eigene Anziehungskraft und Ausstrahlung, ihre eigenen Gesetze. Sie kann mit scheinbar geringer Hebelwirkung die Welt aus den Angeln heben. So wie der gekreuzigte Jesus, die personifizierte Schwäche, nach Tod und Auferstehung das übermächtige Rom von innen umgekrempelt hat. Mit Naturgesetzen unmöglich zu erklären. Ein Wunder. So wie die Liebe. Im kalifornischen Exil während der Nazi-Diktatur sinnierte der deutsche Philosoph Theodor Adorno (1903–1969): Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren. Was zwischen Individuen schon schwierig ist, das kann man bei Beziehungen zwischen Organisationen und Staaten getrost vergessen. In der Politik geht Stärke vor Gnade.

Wir brauchen Veränderung

Derzeit ist kaum etwas so vonnöten wie Vorstellungskraft, die positive Veränderungen in Gang setzt. Wir brauchen Pioniere statt Propagandisten. Damit will ich nicht den freien Unternehmer zum Heilsbringer stilisieren. Ich glaube aber tatsächlich, dass die wichtigsten Zukunftsimpulse nicht von Staats-Insidern kommen werden. Dem Dorf können diejenigen am besten helfen, die zumindest eine Zeit lang auf dem Fluss unterwegs gewesen sind. Sie müssen allerdings vertrauenswürdig sein. Woran sich das festmachen lässt, darum geht 
es im nächsten Schritt.

Die Kirche boomt

Auch in einigen westlichen Staaten scheint sich ein spiritueller Klimawandel abzuzeichnen. In Frankreich meldet die katholische Kirche einen „Tauf-Boom“. Dasselbe höre ich von orthodoxen Kirchen in vielen europäischen Ländern. „Vor allem bei jungen Männern steigt die Nachfrage“, hat mir ein koptischer Priester in London verraten. In den USA und England ist der Mitgliederschwund der Kirchen vorerst gestoppt. Das heißt: Die theologisch progressiven Denominationen bluten weiter aus, die eher konservativen Gemeinden wachsen oder halten zumindest ihr Mitgliederniveau. In London habe ich zuletzt mehrere Kirchen besucht, die innerhalb der anglikanischen Staatskirche mit missionarischen Angeboten großen Zuspruch erzielen. Um der Nachfrage gerecht zu werden, gibt es dort am Sonntag bis zu vier Gottesdienste, und trotzdem sind die Gemeindesäle so voll, dass die Predigten in Nebenräume übertragen 
werden müssen.

Endlich Ethik

Eine kreative, freie, offene Gesellschaft braucht eine Ethik. Dabei stehen drei unterschiedliche Ethik-Konzepte zur Auswahl. Erstens: Die Gesinnungsethik. Hier kommt es auf die richtige Haltung an. Gegen dieses Konzept sprechen nicht zuletzt die Erfahrungen der letzten Jahre. Gesinnungen und Haltungen sind Moden unterworfen und liefern deshalb keine zuverlässigen Richtwerte. Eine pluralistische Gesellschaft braucht zwar Menschen mit Überzeugungen, kann aber nicht verhindern, dass diese Überzeugungen immer weiter auseinanderdriften. Zweitens: Die Verantwortungsethik, auch bekannt als Folgenethik. Hier steht nicht das Motiv, sondern das Resultat einer Handlung im Vordergrund. Und auch dabei besteht die Schwierigkeit darin, dass die Zielvorstellungen in einer Gesellschaft höchst unterschiedlich ausfallen können. Für den einen hat die Bewahrung der Schöpfung Priorität, für den anderen die wirtschaftliche Prosperität; der eine will die Autonomie des Individuums stärken, der andere den Zusammenhalt der Gruppe; der eine fühlt sich der Weltgemeinschaft verpflichtet, der andere nur der eigenen Nation. In einer freiheitlichen Demokratie gibt es zum Glück einen Weg, sich auf vorrangige Ziele zu einigen: Wahlen.  Und schließlich drittens: Die Tugend-ethik. Hier geht es um die verinnerlichten Werte, die mehr oder weniger automatisch Gutes produzieren. Wer klug, maßvoll, gerecht, mutig, glaubensstark, liebevoll und hoffnungsfroh ist, wirkt durch seine schiere Präsenz als Salz der Erde und Licht in der Welt. Nach meinem Dafürhalten ist im aktuellen Meinungs-Wirrwarr und Werte-Clash vor allem eine tugendethische Ausrichtung essenziell. Mehr noch als persönliche Überzeugungen und staatlich vorgegebene Zielsetzungen brauchen wir Charakter. Denn wo Anstand herrscht, wird weniger gepöbelt. Wo Demut regiert, wird besser zugehört. Wo Liebe herrscht, werden alle satt. Die letzte Etappe unseres Countdowns führt uns deshalb in die Schule: die freie Charakterschule. Nichts macht den Kopf klarer als ein reines Herz.

„Mehr noch als persönliche Überzeugungen und staatlich vorgegebene Zielsetzungen brauchen wir Charakter. Denn wo Anstand herrscht, wird weniger gepöbelt. Wo Demut regiert, wird besser zugehört. Wo Liebe herrscht, werden alle satt.“

Markus, du beschreibst in deinem Buch das Verhalten von Menschen und Verantwortungs-trägern und ich frage mich: Wie konnten wir denn so ignorant sein? Hätte man das nicht kommen sehen können, sind wir alle zu blauäugig gewesen? 
Ich glaube, die Fähigkeit zum Selbstbetrug ist allen Menschen zu eigen und kommt einfach daher, dass wir lieber bestätigt werden, als dass wir widerlegt werden wollen. Wenn wir dann noch in einem sozialen Umfeld leben, das uns nicht entsprechend korrigiert, ist es relativ einfach, die Augen zu verschließen. Sich selbst oder Strukturen zu ändern, ist wahnsinnig anstrengend und aufwendig, da macht man doch lieber so weiter und solange die finanziellen Ressourcen da sind, fühlt man ja die unmittelbare Notwendigkeit zur Veränderung auch nicht. Wir hatten uns eingerichtet in einem wohligen, scheinbar funktionierenden System. Das, was man verdrängt, kommt aber irgendwann doppelthart zurück und ich glaube, das erleben wir gerade.

Und das überrascht uns?
Die Frage nach Ordnung ist ja bei uns Deutschen besonders stark ausgeprägt. Wir haben die Hoffnung, dass, solange man sich an bestimmte Regeln hält, dann auch alles gut läuft und funktioniert. Das ging auch lange gut. Jetzt ist das zerbrochen und leider eine nicht so schöne Erfahrung, die uns ziemlich aus dem Tritt zu bringen scheint.

Mit Blick auf die nötigen politischen Entscheidungen schreibst du auch von Liebe und zitierst Theodor Adorno. Gibt es in der Politik gar keinen Platz und Spielraum für Liebe?
Jesus hat deutlich gemacht: sein Reich ist nicht von dieser Welt. In der Bergpredigt wird klar, wer krank ist und nicht fit, wer Schmerzen hat, der ist kein Aktivposten. Wer arm ist, wer keinen Status hat, der wird in der Regel nicht gehört, kann wenig durchsetzen. Das mag uns gefallen oder nicht. In der Politik geht es um Macht, um Mehrheit. Man muss erst ein Mandat haben, um überhaupt regieren zu können. Und das bekommt man in der Regel dadurch, dass man den Menschen verspricht, Wohlstand zu mehren, Wachstum zu schaffen und für materielle Grundlagen zu sorgen. Dass man dann natürlich auch humanistisch-christlich in die Gesellschaft wirken kann, steht außer Frage. Aber eben aufgebaut auf die Position der Stärke. Ich nehme Jimmy Carter als berühmtes Beispiel eines christlich motivierten Politikers, der damit leider nicht sehr erfolgreich war. Bei aller Liebe muss man dem Volk nämlich auch sagen, was es für Opfer bringen muss, damit positive Veränderung möglich wird. Und das hört das Volk nicht gerne.

Du schreibst, die nötigen Zukunftsimpulse können nicht von Staats-Insidern kommen… 
Richtig. Der britische Historiker Arnold Toinbee hat gesagt, am Anfang positiver Veränderung stehe eine kreative Minderheit. Sobald diese aber fest im Sattel der Macht sitzt, verwandelt sie sich oft in eine autoritäre Minderheit. Ich glaube, dass wir das beobachten können und ich glaube, wir brauchen eine kreative Kraft, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Sind unsere Institutionen, unsere Parteien in der Lage, diese Kraft, diese Leute zu fördern, auch junge Leute, auch Leute mit hohem charismatischem Talent? Ich weiß es nicht, manchmal bezweifle ich es, aber ich hoffe. Und ich bete! Um das noch mal zusammenzubinden: Der Ordnungsverfall ist offensichtlich, das wird ja eigentlich mittlerweile auch von allen beschrieben, und dann gilt dieses Zitat von Antonio Gramsci, dass Altes vergangen, dass Neues aber noch nicht da ist. So eine Übergangszeit ist leider oft auch die Zeit der Ungeheuer, der Monster, Sadisten und Hasardeure, die sich fernab von Ordnung relativ wohlfühlen.

Kann Kirche, können Christen dieser Übergangszeit etwas entgegensetzen? 
Es ist keine neue Beobachtung, dass Staats- und Landeskirchen dazu neigen, die säkulare Ordnung, in der sie heimisch sind, zu stabilisieren. Sie hängen sich an die herrschenden Regime an und sind keine Kraft der Erneuerung, auch wenn sie immer so tun. Aber der Mensch braucht auch Ordnung, nicht nur der Deutsche. Irgendwer muss diese Ordnung schaffen, Sinn geben und helfen, auch schwierige Zeiten zu überwinden. Und das ist die große Chance der Kirche. Dafür brauchen wir religiöse Kräfte, die Ordnung schaffen können. Die sinnsuchende Welt da draußen fragt danach.

Was denkst du, haben wir verlernt, diese positive religiöse Kraft zu sein? 
Die Errungenschaften des Individualismus der letzten 60 Jahre haben ohne Zweifel neben allem Positiven auch ihre Schattenseite. Das sogenannte Sozialkapital, also belastbare Beziehungen, die gerade in Krisenzeiten füreinander da sind, einspringen und helfen, ist weniger geworden. Auch unter uns Christen. Jetzt ist wirklich die Frage: Können wir das, zumindest in Stücken, reaktivieren? Den Wert von Zusammenhalt, Verbindlichkeit und Treue? Echte Loyalität? Das Ausharren in Situationen, auch wenn sie mir persönlich nichts bringen, dem anderen aber schon?

Darum geht es in deinem Buch auch im Bereich der unterschiedlichen Ethik-Konzepte, und du scheinst der Tugendethik den Vorzug zu geben. Wie wird man aber zu einem tugendhaften Menschen, dessen Charakter anderen positiv auffällt?
Zum Beispiel dadurch, dass man Respekt lebt. Anderen Menschen gegenüber, auch denen, die nicht die gleiche Meinung haben. In der Gesinnungsethik hat sich das auf allen Seiten so etabliert, dass jeder meint, die richtige Meinung zu haben. Dementsprechend trotzig, von oben herab und arrogant werden Menschen dann auch behandelt. Aber das macht den anderen nur stärker, und das ist Unsinn. Wir sind dazu aufgerufen, auch zuhören zu können. Und freundlich zu sein! Ich sehe dieses Verhalten in jeder Begegnung mit echten Jesusnachfolgern. Die viel fragen, die nicht selbst im Mittelpunkt stehen müssen. Natürlich spielt hier auch die Gemeinschaft mit Gott eine wesentliche Rolle. Ich habe beim Bibellesen noch nie Hassgefühle bekommen. Wenn ich Gott anbete und mit ihm spreche, wirft das immer auch sein Licht auf mein Denken und Handeln.

Sieht es aber nicht so aus, als hätte Gott sich zurückgezogen und betrachte das Weltgeschehen recht unbeteiligt von der Seitenlinie aus?
Ich bin Historiker, und für mich ist der Stachel in meinem Glaubensfleisch das Wissen, dass es immer sehr dunkle Zeiten in der Geschichte gab. Zeiten, in denen auch gute Menschen extrem gelitten haben. Genau da ist die Frage, wo ist Gott? Genau da ist aber auch die Zusicherung seiner Liebe. Gott ist da! Gott leidet mit. Der Gott, der am Kreuz hing, der Schmerz kennt. Aber wir kennen des Rätsels Lösung noch nicht, warum das so sein muss. Warum das der Weg ist, den Gott mit uns gehen will. Wir wissen noch nicht, warum die Erde nicht nur ein toller, sondern auch ein dunkler Ort sein kann. Eines Tages erkennen wir vielleicht, dass die Zeiten, die wir für ganz begeisternd und lustig hielten, in ihrer Wirkung gar nicht so positiv waren. Und dass die, in denen wir durch Schmerz, Leid und Verzweiflung abgelenkt waren, gar nicht als die furchtbaren gelten. Dass es eine Umkehrung gibt. Was wir aber wissen ist dies: Wir gehen nicht in die Finsternis, wir gehen zum Vater.

Danke, lieber Markus, für deine Gedanken. Dir und deiner Frau alles Gute und Gottes Segen für den anstehenden Umzug und die Aufgaben, die vor euch liegen.