Die Frage, die sich stellt
Kolumne
Szenen, die man sonst wohl eher aus düsteren Filmen kennt, stellen Evi Rodemann vor die Entscheidung. Was soll sie tun? Wie sich richtig verhalten? Und was ist aus dem, was da vor ihr liegt, zu lernen? Für sich persönlich und für die Menschen, die mit ihr unterwegs sind?
Es war stockfinster. Ich wachte auf, weil sich alles um mich herum drehte. Wir wurden hin und her geschleudert, bis es mit einem Mal stoppte. Leichte Panik beschlich mich. Nach ein paar Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, schrie jemand von vorne: „Seid ihr alle OK?“. Nacheinander gaben die meisten Teammitglieder Laute von sich. Wir saßen auf der Reise zu zwölft in einem Minivan, der jetzt auf der Seite lag. Zwei der jungen Männer mühten sich, vorne eine Tür aufzumachen, und nach und nach kletterten wir alle einander helfend, müde und verwirrt aus dem Bus. So langsam dämmerte die Morgensonne und wir entdeckten, dass ein Baum das Schleudern unseres Fahrzeugs abgefangen hatte. Wäre er nicht gewesen, wer weiß, wohin wir gestürzt wären.
Ich war sehr dankbar
Während sich das Team vor dem ramponierten Van versammelte, prüften wir, ob wir unversehrt waren. Fehlte etwas? Konnte jeder sich bewegen? Erstaunlich war die Ruhe, die von diesen Menschen ausging. Keine Panik, kein Weinen, sondern ein umsichtiges sich um alle Kümmern. Eine Brille, die verloren ging, wurde unversehrt gefunden. Gepäck wurde zugeordnet und vorsichtig herausgeholt. Tiefe Dankbarkeit ergriff uns; das nächste Krankenhaus wäre 600 km weit entfernt gewesen. Wenn jemand ernsthaft verletzt worden wäre, wäre jede Hilfe zu spät gekommen. Wir kamen im Kreis zusammen und dankten Gott für seine Bewahrung.
Im Nirgendwo gestrandet
Nachdem die zwei weiteren Fahrzeuge, mit denen wir unterwegs waren, langsam auf uns zurollten und beteten, dass wir am Leben wären, hörte man in meinem Team schon wieder Menschen lachen. Ein Zelt wurde aufgebaut, Teewasser gekocht und in der Frühsonne Südafrikas die Gitarre rausgeholt. Die jungen Leute versammelten sich, um Lobpreislieder zu singen. Im Nirgendwo gestrandet. Unsere Missionsreise durch den Süden Afrikas war erstmal gestoppt. Im griechischen heißt das Wort Krise „krisis“ und bedeutet so etwas wie eine Entscheidung, ein Urteil, eine Wahl. Und ohne, dass wir vor unserer Missionsreise explizit darüber gesprochen hätten, hatte nun jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer eine Entscheidung getroffen und wählte, in dieser vermeintlichen Krise Gott zu vertrauen, dass er alles in seiner Hand halten wird, egal, wie das Ende ausschaut.
„Ich war richtig sauer auf den jungen Fahrer, der in der Nacht zuvor noch prahlte, er brauche wenig Schlaf.“
Ganz neu überlegen
Ich war richtig sauer auf den jungen Fahrer, der in der Nacht zuvor noch prahlte, er brauche wenig Schlaf. Und jetzt dieses Chaos! Ich spürte die Verantwortung, mich als Leiterin um mein Team zu kümmern und zu schauen, dass es ihnen gut geht. Aber auch ich musste an diesem Tag Entscheidungen treffen. Eine davon war, zu vergeben (und ich musste mich die nächsten Tage immer wieder vor Gott daran erinnern, dass ich es getan hatte …).
Victor Frankl schrieb mal, dass es müßig wäre, sich ständig zu fragen: „Warum muss mir das passieren?“, sondern sich stattdessen zu überlegen: „Welche Fragen stellt die Krise an mich?“. Dieser Unfall stellte mir und meinem Team so einige, und das war gut so.
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