Das schaffst du

Leitartikel

Hier geht es um mehr als um Parole. Es geht um Kraft, die innen wohnt, Entschlossenheit und Überzeugung. Darum, Reserven zu aktivieren und für möglich zu halten, was unmöglich scheint. Selbstoptimierung? Nein, wirklich nicht! Detlef Eigenbrodt über seinen Buddy Phil, das Gym und den Glauben an Gott. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, lesen Sie besser selbst.

Ich sitze schwitzend auf der Bank, die Füße fest auf dem Boden und den Rücken an die Lehne gepresst. Mit den Händen umklammere ich die Griffe von je einer 26 Kilo-Kurz-Hantel, die noch auf meinen Schenkeln sitzen. Aber nicht mehr lange. Mit einem Ruck stemme ich sie seitlich vom Körper hoch und führe meine Übung aus, mit jeder Wiederholung brennen die Muskeln mehr und ich habe größte Lust aufzuhören. Das bemerkt auch Phil, der links von mir intensiv mit Yannik trainiert. Innerhalb von Sekunden steht er vor mir, leicht vorgebeugt, seine Hände schweben nur wenige Zentimeter unter meinen, machen jede meiner Bewegungen mit, ohne mich zu berühren. Dann sagt er: „Komm“, und schaut mich an. Seine Augen fest an meine geheftet sagt er wieder: „Komm, Det, noch eine. Ja. Das schaffst du!“ Dann spüre ich seine Hände leicht aber bestimmt unter meinen, wie sie mich daran hindern, die Gewichte abzulegen. „Komm. Shooo, ein Mal noch, ja, komm!“. Und ich tue es. Presse die Hanteln ein letztes Mal nach oben und lasse sie dann ab auf den Boden. Ich schnaufe wie blöd, Phil grinst und meint: „Na siehst du. Geht doch!“ Ich denke: Ja. Ging doch. Weil du da warst und mich angeschrien hast. Die letzten drei Wiederholungen hätte ich sonst nicht mehr gemacht.

Na, siehst du!

Als ich später in der Sauna liege, geht mir der Moment noch einmal durch den Kopf und ich denke darüber nach, wie gut es ist, Buddys wie Phil zu haben, die an einen glauben. Und die das nicht nur still tun, sondern die ihre eigene Sache unterbrechen, in Hilfestellung gehen, aufmerksam beobachten, die da sind und doch nicht zu früh eingreifen – und die schon auch mal schreien, wenn das sein muss. Phil ist so einer, Mitte zwanzig und ein feiner Kerl.

Dann fallen mir andere Situationen ein und ich frage mich, wer mir da zur Seite stand. Und ich bin dankbar und beschämt, dass mir neben dem Namen meiner Frau und meiner Kinder noch so unglaublich viele andere in den Sinn kommen. Menschen, die mich ermutigt haben, die mich angespornt haben, die an mich geglaubt haben. Aufgeben sieht immer leicht aus, wenn man nur den Augenblick betrachtet. Wenn man aber darüber hinausdenkt und schaut, gewinnt das Durchhalten immer mehr an Bedeutung. Du schaffst das!

Worte mit Wert 

Aber es sind nicht nur „meine Menschen“, die da sind. Es sind auch Wahrheiten. Worte, die sich mir tief in die Seele eingeprägt haben – und ich bin heute noch meinem damaligen Bibelkundelehrer Bruder Karl-Heinz im Theologiestudium dankbar dafür, dass er uns getrietzt hat. Jede Woche 20 Verse auswendig lernen fand ich damals ziemlich nutzlos, man konnte sie ja jederzeit nachlesen. Heute sehe ich das anders. Und ich muss sie nicht nachlesen. Ich habe sie in mir. Der Herr ist mein Hirte,mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Psalm 23. Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen. Psalm 37. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Matthäus  11. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5.  Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde. Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht. Psalm 62. Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Psalm 27.

„Wie gut es ist, Buddys zu haben, die an einen glauben. Und die das nicht nur still tun, sondern die ihre eigene Sache unterbrechen, in Hilfestellung gehen, aufmerksam beobachten, die da sind und doch nicht zu früh eingreifen.“

Sei nur stille

Wahnsinn. Oder? Sei nur stille zu Gott, meine Seele. Der Herr ist meines Lebens Kraft. All meine Sorgen auf ihn werfen. Funktioniert das auch? Sind sie dann weg? Erledigt? Aufgelöst? Ich denke an Freunde, deren gerade mal 15-jährige Tochter fast gestorben wäre. Ein Tumor hatte die Atmung erschwert, eine Operation war nahezu unmöglich, solange das Geschwür nicht zurückging. Chemo. Warten. Weinen. Hoffen. Beten. Menschlich gesehen die wohl grausamste Situation, die ich in den letzten Monaten durchlebt habe. Aber die Eltern erst? Die Verzweiflung um das junge Leben. Was für ein Chaos! Und Gott? Ich denke an einen guten Bekannten, der nur rund ein Jahr nach seiner Hochzeit die Trennung bekanntgab. Die Meinungsverschiedenheiten waren nicht mehr zu ertragen und auch nicht aus dem Weg zu räumen. Eben noch geträumt, jetzt geplatzt. Oder die junge Mutter, die immer wieder mit schmerzhafter Brustentzündung zu tun hat, und deren Baby zwar unglaublich süß, aber bisweilen auch sehr kräftezehrend ist. Beklagt sie sich? Nein. Aber die Ringe unter ihren Augen erzählen die Geschichte. Dann sind da die Freunde, deren Leben aus den Fugen gerät, als die Frage auf dem Tisch liegt, ob sie unter den gegebenen Umständen noch als Ehepaar zusammenbleiben können. Es gab einen 
Vorfall. Beide keine 25 mehr. Schon ziemlich lange nicht mehr. Chaos an nahezu allen Fronten. Und eine Freundin berichtet davon, dass sie Krebs hat. Pankreas. Bauchspeicheldrüse. Die Hoffnung ist groß, die Aussichten schlecht. Sei nur stille zu Gott, meine Seele. 

Im Leid gewachsen

Eben diese Freundin erinnerte mich an ein Lied: Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns bereitet hast. Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Dietrich Bonhoeffer. Und sofort fällt mir ein weiteres ein, eins, das zu meinen eisernen Reserven gehört: Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl; Das macht die Seele still und friedevoll. Ist's doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt das Herz, sei's spät, sei's früh. Du weißt den Weg doch, du weißt die Zeit, dein Plan ist fertig schon und liegt bereit. Ich preise dich für deiner Liebe Macht. Ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht. Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug; du weißt den Weg für mich, das ist genug. Hedwig von Redern. 

Beide zusammen

Und was hat all das mit Phil und dem Gym zu tun? Mit seinem „Komm, eine noch. Du schaffst das!“? Die Ermutigung. Die Unterstützung. Den Ansporn. Das nicht allein gelassen sein. Und hier kommen beide Dimensionen zusammen, die menschliche, und die göttliche. Ich brauche Menschen, die für mich da sind, keine Frage. Menschen wie Phil, auch wenn die Situation profan erscheinen mag. Er hat mich daran erinnert, was ich kann, was ich zu schaffen in der Lage bin, und dass ich über den eigenen empfundenen Schmerz hinaus etwas geben kann. Kraft habe, die ich nur abrufen kann, weil er mich anschreit. „Du schaffst das! Komm! Eine noch!“ Gleichzeitig brauche ich die Gewissheit, dass Gottes Wort und seine Versprechen wahr sind. Tragfähig. Belastbar. Ich halte es mit dem Vater, dessen Kind so litt, und den Jesus daran erinnerte: „Alles ist möglich dem, der da 
glaubt. Und der Vater sagte: Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“ Markus 9.

Hier kommt beides zusammen. Die Kraft in mir und die Kraft des Herrn. Diese beiden dürfen sich niemals ausschließen, sondern müssen sich immer ergänzen. Hoffnung muss einen Grund haben, damit sie leben kann. Kraft muss eine Quelle haben, damit sie nicht vergeht. Durchhalten muss sich durch Erfahrung nähren, auch durch die Erfahrung anderer. Erfahrung, die nicht „von dieser Welt“ ist. Ja. Im Gym reicht es aus, dass mein Buddy da ist, und mich anschreit, weiterzumachen. Und wenn ich auf die Menschen um mich herum schaue? Die kaputten Beziehungen, die kaputte Gesundheit, die kaputte Welt? Reichen da Durchhalteparolen? Nein. Jedenfalls nicht, wenn sie nur die eigene Kraft abrufen.

God is helping me

Im Moment bin ich mit unseren Leserreisen in Südafrika unterwegs, und erinnere mich daran, was eine liebe Freundin hier, Agnes, mir immer wieder sagt. Sie lebt in einem der größten Townships am Rande Kapstadts, und wir kennen uns schon seit mehr als 20 Jahren. Fast liturgisch beginnt sie ihre Nachrichten immer wieder mit einem „God is helping me.“ Gott hilft mir! Und das sind tatsächlich mehr als Worte, das ist Überzeugung. Das ist Kraft, die sie schöpft. Auch daraus, dass sie sich immer wieder sagt, dass Gott ihr hilft. Mitten in allem Chaos ihres Lebens. Und davon hat sie wirklich genug. God! Is! Helping! Me!

„Komm! Einer geht noch“, höre ich Phil sagen, „du schaffst das.“ Und mir ist, als würde er mir – und allen anderen – Mut machen. Mut fürs Leben und vor allem Mut für das Durcheinander. Einmal noch, komm, einmal mehr hoffen! Einmal mehr Gott vertrauen! Einmal mehr nicht aufgeben und glauben. Du schaffst das!