Auf dem Wasser

Ratgeber

Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben und trägt beruflich große Verantwortung. Sie weiß, was sie will, und Ordnung spielt dabei eine große Rolle. Was aber, wenn diese Ordnung verloren geht und sie keinen Einfluss darauf hat? Wenn das, was sie braucht, sich auflöst? Melanie Niehaus über das Leben und den Wunsch, auf dem Wasser laufen zu können.

„Nenne mir drei Punkte, die für Dich einen gelungenen Arbeitsalltag beschreiben. Einen Tag, der sich einfach nur rund und gut anfühlt.“ So lautete die Frage meiner Freundin und ärztlichen Kollegin. Träumen ausdrücklich erlaubt. Mich hat diese Frage lange beschäftigt. Ich bin neugierig auf die Antworten von Freunden aus den unterschiedlichsten Berufszweigen: dem Lehrer, der Apothekerin, der Ingenieurin, der Rezeptionistin. Erstaunlich, wie sich die Definition eines erfolgreichen und zufriedenstellenden Arbeitsalltages trotz unterschiedlichster Professionen ähneln: Die meisten wünschten sich, so wie ich selbst auch, die uns anvertraute Arbeit in einem guten Miteinander und in einem angemessenen Zeitraum bestmöglich bewältigen zu können.

Zwischen den Zeilen 

Ich sehe jedoch auch anderes: Angst und Sorge, dem stetigen und steigenden Druck nicht standhalten zu können; Last und Leid, Ärger und Enttäuschung, Überforderung und Hilflosigkeit durch andernorts getroffene Entscheidungen, die durchaus notwendig sind, die aber auch zu Umstrukturierungen und veränderten, nicht immer geordneten Arbeitsabläufen führen; Getriebensein von Rastlosigkeit und Ratlosigkeit neben Traurigkeit, Einsamkeit und Resignation; das Gefühl von Schwäche bis hin zu Erschöpfung und tatsächlicher Krankheit.

Was für ein Durcheinander! Ich drücke kräftig die Reset-Taste und erinnere mich: an den Anfang mit dem großen Tohuwabohu, dem Chaos und Wirrwarr und der gleichzeitigen „Leere und Wüste“, dem „Nichts und Gar-nichts“. Bis Gott sieht und spricht, scheidet und trennt, sortiert und ordnet und schmückt: Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Sterne, Pflanzen, Tiere und Menschen, Wasser und Land. Wasser, ich liebe Wasser! Und mache einen kleinen Gedankenspaziergang. Es liegt vor mir: grün und blau, schwarz und weiß. Plätschernd und perlend, donnernd und tosend, fließend und strömend, ganz still. Tatsächlich: geruchlos, geschmacklos und farblos ist Wasser nahezu unvermeidbar mit dem Leben verknüpft, kann aber auch unbezähmbare Kräfte entwickeln, in einem Ungleichgewicht an Menge und Zusammensetzung zum Tod führen.

„Hier tauche ich ein. Vielleicht kopfüber. Lasse alles hinter mir. Nehme das Außen nur noch gedämpft wahr. Verharre einen Moment in der Schwerelosigkeit, schwebe, lasse mich tragen.“

Ein Geschenk für mich?

Hier tauche ich ein. Vielleicht kopfüber. Lasse alles hinter mir. Nehme das Außen nur noch gedämpft wahr. Verharre einen Moment in der Schwerelosigkeit, schwebe, lasse mich tragen. Und dann: Schwimmen. Hingegeben an ein sich bedingendes Wechselspiel aus Bewegung und Atmung in ruhiger und konzentrierter Gleichmäßigkeit, aufgefangen im Hier und Jetzt. Mein Ich und die Umstände treten in den Hintergrund, Konflikte und Befindlichkeiten, vermeintliche Wichtigkeiten beginnen sich zu relativieren, werden in ein anderes, ein angemesseneres Verhältnis gesetzt. So komme ich zur Ruhe und schaffe Raum in mir. Raum für Gott und seine Stimme. Auf der Suche nach Fragen und Antworten, nach Klarheit und Ordnung. Innere Bewegung durch äußere Bewegung. Das hilft mir immer wieder:

Eines Tages stapfte ich missmutig ins Schwimmbad. Ich hatte einer Anfrage verbindlich zugestimmt, durchaus in dem Wissen, dass sie mich herausfordern würde. Mit der schönen Ruhe war es nun vorbei. Ich haderte mit mir und der Entscheidung: nicht abgelehnt zu haben, mich womöglich lächerlich zu machen, zu versagen. Was ich denn wohl meine, wer ich bin?, so schimpfte ich mit mir. Bis ich in meinen Sturm hinein vernahm: „Es ist ein Geschenk!“ Ich war verblüfft. Dieser Blick auf die Dinge hatte mir in meiner befangenen Kurzsichtigkeit völlig gefehlt. Ein anderes Mal pflügte ich durchs Becken und bat Gott, dass er mir doch die Unruhe, die mich gerade innerlich aufwühlte, abnähme. Da hatte sich ganz schön was angesammelt. So schwamm ich Runde um Runde, bis ich schließlich in mir die Frage vernahm, wann ich denn bereit wäre, loszulassen. Er würde warten. Tatsächlich hatte ich es mir in meiner Nölerei und Klagsamkeit ganz gemütlich eingerichtet. Erst da begann sich etwas in mir zu lösen und ich konnte meine Hände öffnen und abgeben.

Ich kann laufen

Ich nutze gerne Bilder, und mein Leben ist dabei manchmal ein Gefäß. Aus einem schönen Holz gefertigt, einem bunten Glas, einem wertvollen Metall, einem schlichten Ton, bis an den Rand gefüllt mit klarem, kühlem und erfrischendem Wasser. So weit, so gut. Allerdings: Was erst einmal belebend klingt, kann auch schnell als stehendes Gewässer in modriger Stagnation enden. Oder Unachtsamkeiten machen aus mir ein für alles durchlässiges Nudelsieb. Beides klingt nicht sehr verheißungsvoll. Die Herausforderung besteht wohl darin: einerseits stetigen Wandel und Erneuerung zu wagen und zuzulassen, andererseits die Undichtigkeiten meines Lebens –Angewohnheiten, Haltungen oder Beziehungen – zu überdenken und zu verändern. Alle meine Quellen sind in Gott. Das reicht aus: für inneren Halt, der mich von äußeren Umständen frei macht und mir zu überfließendem Gleichgewicht verhilft.

Manchmal schaue ich mit einer gewissen Missbilligung auf Petrus und seine Wasserlauf-Versuche. Da will er hoch hinaus und wird dann pudelnass aus dem Wasser gezogen, lächerlich. Ich befürchte, dass ich mir selbst oft mit ähnlicher Härte und Abschätzigkeit begegne, wie ich über Petrus denke, einer Härte, die so gegenläufig zu Gottes Gnade und Barmherzigkeit steht. Und wenn ich meinen Blick weite? Dann sehe ich, wie sich da einer auf den Weg macht, zunächst raus aus dem sicheren und trockenen Hafen, rein ins wilde und unbekannte Leben. Und als ob das nicht genug wäre, denkt er dann dort auch noch übers Aussteigen aus dem sicheren Boot nach. Nahezu angetrieben durch das fassungslose Entsetzen seiner Freunde, stellt er – staunend und ein bisschen trotzig, mutig bis übermütig, aber auch zuversichtlich und hoffnungsfroh – die Füße auf einen Grund, der sonst nicht trägt, das Wasser. Den Blick fest auf den gerichtet, der Himmel und Erde in sich vereint, gehalten durch dessen liebevolle Augen wird Petrus – und werde ich auch – geleitet. So kann ich vorsichtig vorwärtstrippeln oder kraftvoll ausschreiten, auch mal straucheln und ganz gehörig nass werden. Erfüllt von der Gewissheit, dass Gott mir zur rechten Zeit helfend seine Hand reicht. Und bestimmt auch ein Handtuch.