Was kommt da auf uns zu?

Analyse

Nicht wenige Menschen sind zutiefst verunsichert und besorgt über die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI). Und viele sind hilflos, ratlos. Dr. Thilo Stadelmann ist keiner von denen, er kennt sich aus und ordnet ein. Und er meint: KI-Systeme mögen auch Risiken in sich bergen, aber am Ende ist es immer noch der Mensch, der entscheidet.

Ich möchte zunächst manche Ängste aufgreifen und etwas zu den Risiken von KI-Systemen sagen, die ich in zwei Kategorien unterteilen würde: Erstens, die beherrschbaren. Dazu zähle ich viele der aktuellen Probleme, zum Beispiel die Voreingenommenheit in KI-Systemen oder das Problem gefälschter Inhalte. Dafür gibt es neue technische und organisatorische Lösungen. Was gefälschte Inhalte betrifft, stellen diese zwar ein Problem dar. Aber wir Menschen sind in der Lage, uns schnell darauf einzustellen und unsere Verhaltensmuster zu ändern. Wir lernen, wem und worauf wir vertrauen können. Unter anderem eben nicht anonymen Quellen im Web. Neben den beherrschbaren gibt es aber auch Risiken, die man als Risiken höherer Ordnung bezeichnen könnte. Das sind neu entstehende Risiken für die Gesellschaft, die nicht einer einzelnen Anwendung oder einem einzelnen Mangel zuzuordnen sind. Für tatsächlich problematisch halte ich Folgendes:
 

Menschlich

Menschen, die von der vermeintlichen Kompetenz der Maschinen eingeschüchtert sind oder der Bequemlichkeit, die KI-Systeme bieten, nicht widerstehen können, könnten aufhören, über ihr eigenes Leben, die Gesellschaft und ihre Zukunft zu bestimmen. Sie könnten aufhören, freiwillig den „Schmerz“ auf sich zu nehmen, der für uns Menschen notwendig ist, um persönlich zu wachsen, weil die bequeme, einfache Lösung durch Automatisierung so nahe liegt. Ein Beispiel: Sie können eine Schulaufgabe selbst erledigen, dafür einige Stunden Arbeit investieren und lernen dabei etwas; oder Sie können schummeln, indem Sie die Lösung der Aufgabe einem KI-System übergeben, sparen Zeit und Mühe, lernen dafür aber auch nichts. Ganz ehrlich: Unsere Erfolgsbilanz bei der Ausübung der hier nötigen Selbstkontrolle ist nicht allzu gut, wenn die gebotenen Annehmlichkeiten leicht verfügbar sind. Wir müssen mehr darüber nachdenken und diskutieren, wie wir damit in Anbetracht leistungsstarker KI-Systeme, in gewissem Sinne ultimativer „Komfort-Tools“, umgehen können, wollen und müssen.

„Lassen Sie uns KI als Werkzeug betrachten, das bisweilen sehr nützlich eingesetzt werden kann, aber nicht als ein persönlichkeitsbesitzendes Gegenüber.“

Denkweise

Ich denke, wir müssen unsere Philosophie überdenken: Wenn wir keine Option für eine hoffnungsvolle Zukunft sehen und die Kurve steil nach unten zeigt, dann ist das wahrscheinlich keine korrekte Wiedergabe von Fakten, sondern eine Frage der Denkweise. Problem ist im Kern nicht die Realität, sondern das, was wir zu unserer Denkweise über die Realität gemacht haben. Offen gesagt: KI ist ein Riesending, sie berührt fast jeden Aspekt des Lebens und der Wirtschaft, aber keine große Sache. Die Transformation kommt Schritt für Schritt auf natürliche Weise daher und es gibt reichlich Möglichkeiten, gut damit umzugehen, wenn wir unsere Freiheit und Handlungsfähigkeit nicht aufgeben. Wenn wir nicht passiv werden, sondern als Menschen die menschliche gestalterische Kraft nicht aus der Hand geben. Natürlich kann ein KI-System in vielen Bereichen längst einzelne Aufgaben übernehmen, die sonst von Menschen ausgeübt wurden. Von Wesen, denen eine Seele innewohnt, oder irgendetwas in dieser Kategorie, kann aber nicht die Rede sein. So wird beispielsweise der VAR (Video Assisted Referee) im Fußball von den Fans weltweit deshalb nicht gut angenommen, weil er das Spiel auf unnatürliche, scheinbar willkürliche Weise unterbricht und sich negativ auf alle Beteiligten auswirkt: Er beeinträchtigt die Autorität des Schiedsrichters auf dem Spielfeld, das Erlebnis des Publikums und die Motivation und Freude der Spieler. Mit einem Wort: Er hat entmenschlichende Auswirkungen. Um hier nicht panisch zu werden oder gar die Hoffnung zu verlieren, empfehle ich folgendes Vorgehen:

„Problem ist im Kern nicht die Realität, sondern das, was wir zu unserer Denkweise über die Realität gemacht haben.“

1. Lassen Sie uns KI als Werkzeug betrachten, das bisweilen sehr nützlich eingesetzt werden kann, aber nicht als ein persönlichkeitsbesitzendes Gegenüber.

2. Lassen Sie uns darauf achten, dass die Verbesserung und der Einsatz von KI eine klarere Sicht auf das Menschliche erfordert, weil darin traditionell die Quelle des menschlichen Wertes liegt.

3. Lassen Sie uns den Menschen einen hoffnungsvollen Ausblick auf ihre Zukunft geben, indem wir ihnen zeigen, dass sie die Möglichkeit haben, diese konstruktiv zu gestalten.


Intelligent

Ein Ansatz besteht darin, über Anwendungsfälle von KI nachzudenken, die das, was uns spezifisch menschlich macht, tatsächlich stärken, anstatt es abzuschwächen. Ein menschliches Merkmal ist beispielsweise, begrenzt zu sein. Wie Neil Lawrence in The Atomic Human erklärt, ist dies nicht nur eine Schwäche, die es zu mildern gilt – sie prägt unsere Existenz und Intelligenz zutiefst. Zum Beispiel ist die Art und Weise, wie wir die Welt erleben, davon geprägt, wie wenig Informationen wir tatsächlich auf einmal wahrnehmen können; der Wert, den wir einer Sache zuschreiben, hängt davon ab, wie selten oder begrenzt diese Sache ist. Vor diesem Hintergrund könnten KI-Anwendungen, die uns die Illusion von Unbegrenztheit vermitteln (zum Beispiel die Möglichkeit, noch mehr E-Mails zu schreiben, noch mehr Kontakte zu pflegen), als nicht unbedingt unterstützend für das angesehen werden, was uns wichtig ist, während der SPAM-Filter, der uns davor schützt, von immer mehr Input überwältigt zu werden, als die bislang vielleicht ethischste KI-Anwendung überhaupt erscheint.