Lass mal reden

Interview

Manche meinen, dass Reden nicht viel bringt. Dass man handeln müsse, um voranzukommen. Worte allein blieben eben oft nur genau das: Worte. Daniel Böcking ist im Gespräch mit Detlef Eigenbrodt gehörig anderer Ansicht und meint: Miteinander reden ist der Anfang von allem. Respektvoll, offen und interessiert. Ohne den eigenen Standpunkt durchsetzen zu wollen. Sondern um das Gegenüber zu verstehen.

Daniel, du schreibst über wichtige Themen und Trends der Gesellschaft und beziehst als Christ Stellung. Warum grenzt du dich denn in deinem Buch ab als „nicht autorisiert“ – stimmt es denn, dass nur „Profis“ was zu sagen haben und „Laien“ nicht?

Ich fühle mich sehr autorisiert mitzudiskutieren. Aber ich nehme nicht für mich in Anspruch, die einzig richtige Antwort zu jedem Thema zu kennen. Das ist mein Kern-Anliegen: Eine fröhliche, gott-getroste Gelassenheit in dem Wissen, dass auch „Profis“ nur bruchstückhafte Erkenntnis haben. Wir dürfen streiten, ohne andere herabzuwürdigen oder als Mensch anzugreifen, nur weil sie Dinge anders sehen.

Und der Titel, „Lass mal reden“ – was will der nahelegen? Ist denn reden, ohne eine fundierte Meinung zu haben, schon gut genug?

Reden ohne fundierte Meinung wäre ja zum Beispiel: „Ich habe zu Gendern noch keine Meinung. Aber ich bin interessiert, wie du das siehst.“ Oder: „Ich habe eine Meinung über den Islam, aber kein großes Wissen. Erzähl doch mal!“ Das sind doch gute Anfänge für Gespräche. Ich liebe Jesus und empfinde als Spätbekehrter den Glauben und den neuen Weg als gigantisches Geschenk. Ich glaube, wir Christen haben allen Grund zu leuchten. Viele Vorurteile uns gegenüber sind schlicht falsch. Aber wenn Streitthemen wie Trennwände zwischen uns stehen oder uns nach „außen“ unnahbar machen, wird dieses Leuchten kaum sichtbar. Reden kann helfen, diese Wände einzureißen.

Von allen Tops, die du in deinem Buch besprichst, welches ist dir da am schwersten gefallen? 

Fast jedes. Ich wollte allem voran zeigen, wie vielfältig Christen zu Themen stehen und dass viele Vorurteile gegenüber einer vermeintlichen Christen-Einheitsmeinung falsch sind. Aber irgendwie kommt man nicht drum herum, seine eigene Meinung einfließen zu lassen. Und da bin ich mir sicher, dass meine persönlichen Erkenntnisse so streitbar sind wie die Themen generell. Beispiel Homosexualität: Ich sehe darin keine Sünde. Das finden einige falsch. Bei anderen Themen erscheine ich vielleicht manchen zu konservativ. Aber das Risiko gehe ich ja bewusst ein – um in Gespräche zu kommen.

Dann lass uns doch mal ein paar deiner Themen unter die Lupe nehmen, fangen wir mit dem Gendern an: Du sprichst von verschiedenen Leveln, Studien und Gegenstudien und der eigentlichen Absicht mit dem Ganzen. Was ist dein Fazit zur Gelassenheit?

Dass dieses Thema eines ist, das herrlich geeignet ist, sich in Rage zu diskutieren. Aber gerade die Frage nach dem Gendern in der Sprache sollte keine sein, die Christen tief spaltet oder wofür man wirklich göttliche Erkenntnis bemühen müsste, um auf seinem Punkt zu bestehen …

„Ich liebe Jesus und empfinde als Spätbekehrter den Glauben und den neuen Weg als gigantisches Geschenk. Ich glaube, wir Christen haben allen Grund zu leuchten.“

Und was schlägst du dann vor, wie man es handhabt?

Ich kann sagen, wie ich es handhabe: Ich habe mit einer Kollegin geredet, die sich intensiv mit dem sprachlichen Gendern beschäftigt. Oder besser: Ich hab ihr zugehört. Vieles, was sie berichtet hat, war mir neu. Unter anderem auch, wie wichtig dieses Thema für manche ist. Es ist gar nicht so gut für den Stammtisch geeignet, weil kluge Menschen sich da kluge Gedanken gemacht haben. Mir ist dieses Thema nicht so wichtig. Ich mag den Umgang mit Sprache und finde, dass viele der gewünschten Kapriolen den sprachlichen Fluss stören. Aber zu der Hitze der Debatte: Ich glaube nicht, dass Jesus später ausführlich mit mir diskutieren will, ob es Leser oder Leser*in heißt. Auf der anderen Seite kann ich problemlos respektieren und berücksichtigen, wenn mein Gegenüber das komplett anders sieht oder eine bestimmte Ansprache wünscht, ohne mich darüber lustig machen zu müssen.

Okay, dann weiter zur Gleichberechtigung: Ich dachte, dazu sei wirklich schon alles gesagt und geschrieben, ist es aber offenbar doch nicht…?

Ist alles gesagt? Das wäre ja toll. Gut, dass wir drüber reden. Mein Gefühl ist, dass es für viele Nicht-Christen ein Riesenthema ist: keine katholischen Pfarrerinnen. „Ihr Frauen, 
ordnet euch euren Männern unter!“ im Epheser-Brief. Die Debatte um weibliche Predigerinnen bei den Evangelikalen in den USA. Mir ist öfter das Argument begegnet, dass jemand kein Interesse am christlichen Glauben hat, allein, weil hier angeblich so ein veraltetes Frauenbild herrsche. Tut es aber oft gar nicht.

Da wäre aber doch eine Portion „tun“ als Ergänzung zum Reden sicher noch hilfreich…?

Tun ist immer gut. Worte und Gespräche sind ein Anfang. Wir Christen sollen unseren Worten Taten folgen lassen. Und ja: Meiner persönlichen Meinung nach ist da noch einiges zu machen. Aber da es in dem Buch nicht um meine persönliche Meinung geht, sondern um christliche Vielfalt in gegenseitigem Respekt: Ich war auch mehrfach in einer Gemeinde, wo Frauen hinten und Männer vorn sitzen, getrennt voneinander. Nur Männer dürfen das Wort ergreifen. Das fand ich befremdlich. Trotzdem spreche ich doch deshalb nicht den zufriedenen Mitgliedern dieser Gemeinde den Glauben ab oder muss sie von oben herab belehren, wie man das richtig macht.
 

„Aber ich denke, Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe sind schon sehr, sehr gute Fixpunkte, die automatisch zu mehr Gelassenheit führen und Raum geben, für Jesus leuchtend durchs Leben zu gehen.“

Gut, künstliche Intelligenz: Da haben viele wirklich große Angst vor der Entwicklung und sind mal so gar nicht gelassen. Zurecht?

KI ist auch beruflich gerade mein Kernthema. Ich war bei der Recherche zu dem Buch überrascht, wie innovativ und erfindungsfreudig auch Kirchen an das Thema gehen. Den ersten KI-generierten Gottesdienst gab es ja bereits 2023. Ich denke, Angst ist der schlechteste Ratgeber. KI kann Gutes und Schlechtes anrichten. Ich hoffe, dass sich viele Menschen mit guten Absichten mit dem Thema intensiv beschäftigen, statt das Feld anderen zu überlassen.

Und wie hältst du, als einer der schreibenden Zunft, es persönlich? Angst, dass es deinen Job bald nicht mehr gibt?

Je nachdem, wie man „meinen Job“ definiert. Er wird sich verändern. Das ist in den letzten 25 Jahren aber regelmäßig passiert, wenn wir allein an die Digitalisierung und das Internet denken. Wir haben Kollegen in dem Thema KI geschult unter dem Motto: „Nicht KI wird deinen Job ersetzen – sondern jemand, der sich mit KI auskennt.“ Das sind hoffentlich wir selbst.

Ach ja, lass uns über Politik reden: Wir führen dieses Gespräch ja kurz vor der Bundestagswahl in Deutschland. Was hilft uns jetzt, nach den Wahlen, gelassen mit dem Ergebnis umzugehen?

Gelassenheit ist ein schönes, wichtiges Wort. Jesu Königreich gehört bekanntermaßen nicht zu dieser Welt. Insofern können wir unerschüttert bleiben. Gleichzeitig dürfen und sollen wir uns gesellschaftlich einmischen. Was mich stört in politischen Debatten ist manchmal der „Heilige Zorn“, mit dem da auch in christlichen Kreisen gewütet wird. Menschliche Differenzen müssen nicht immer biblisch lösbar sein. Unterschiedliche Meinungen sind okay…

Gilt das auch für den Sex? Ich lese, was du in deinem Buch dazu schreibst, und weiß jetzt doch nicht, was ich meinem 20jährigen Nachbarn sagen soll, von dem ich weiß, dass er mit seinem Mädchen schläft …?

Das weiß ich auch nicht. In meinem Leben spielte die Frage nach Sex vor der Ehe keine Rolle. Ich bin erst mit Mitte 30 als verheirateter Mann zum Glauben gekommen. Aber wie gesagt: Weder möchte noch kann ich fertige Antworten auf alles liefern. Wenn jemand bislang nur gehört hat, dass Sex in der Bibel sehr restriktiv behandelt wird, und vorehelicher Sex eindeutig Sünde ist, findet er oder sie in dem, was ich darüber schreibe, hoffentlich auch andere Ansichten und Gedankenansätze.

Danke, das waren jetzt fünf aus dreiundzwanzig. Welches Thema war denn so komplex, kontrovers oder was auch immer, um es nicht in dein Buch zu schaffen?

Jedes Thema ist zu komplex, um es erschöpfend zu behandeln. Das christliche Spektrum und die Meinungsvielfalt sind so groß, dass sie jeden Rahmen gesprengt hätten. Ich habe aber kein Thema ausgespart, weil es zu kontro-vers oder riskant wäre. Ich habe das Buch geschrieben, weil ich einen Gottes-
impuls hatte, dass es Zeit ist, von der Schönheit, Vielfalt und Freude im Glauben zu berichten – und gegen Tabus und Hass anzuschreiben. Ich möchte Hürden ab- und Brücken aufbauen.  

Du sprichst ja im Abspann dann auch von der wunderschönen christlichen Vielfalt. Was müssen wir als Individuen denn lernen, begreifen und tun, damit die Welt sieht, dass es tatsächlich wunderschön ist, Christ zu sein und dass Christsein tatsächlich ein Fundament hat?

Ich bin kein guter Ratgeber. Aber ich denke, Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe sind schon sehr, sehr gute Fixpunkte, die automatisch zu mehr Gelassenheit führen und Raum geben, für Jesus leuchtend durchs Leben zu gehen. Gottesliebe schenkt Orientierung und Vertrauen, Nächstenliebe die Herzenswärme, Andersdenkenden mit Respekt und Verständnis zu begegnen, Selbstliebe die Sicherheit, andere Meinungen auszuhalten, statt auszugrenzen, und den Mut, für seinen Glauben einzustehen.

Vielen Dank, Daniel, dass du dir die Zeit genommen hast, mit mir zu reden. Ich wünsche dir Gutes und – wenn es mal wieder ans Eingemachte geht – die Gelassenheit, das in der Gegenwart Gottes auszuhalten.