Ich krieg die Krise
Interview
Wie schnell einem die Gelassenheit im Alltag abhandenkommen kann, hat Sabine Langebach erlebt und sie war selbst überrascht, wo ihre Contenance plötzlich hin war. Ein eigentlich einfacher Einkauf führte sie zunächst an den Rand der Eskalation, dann an die frische Luft und später zurück zum Gespräch.
Sabine, du wolltest mit deiner Liste im Räumungsverkauf eines Geschäftes Artikel kaufen, die du dringend brauchtest und die es nur dort gab, aber so ganz einfach lief das nicht, oder?
Nein, wirklich nicht. Ich war schon ein paar Mal da, aber da war es immer proppenvoll, also ging ich wieder. Diesmal hatte ich Zeit, und als ich endlich dran war, sagte ich mit einem freundlichen Lächeln: „Ich habe hier meine Liste mit allem, was ich brauche. Soll ich die Ihnen rüberreichen?“ Da fuhr mich die Chefin des Ladens rüde an: „Ich habe doch überall kommuniziert, dass man vorbestellen soll. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit das alles rauszusuchen!“
Ich war völlig überrumpelt, weil sie so emotional war und immer lauter wurde. Ich sagte: „Entschuldigung, das wusste ich nicht!“ Sie wiederholte immer wieder: „Das habe ich überall kommuniziert!“ Ich wollte noch etwas sagen, aber ich kam gar nicht zu Wort. Es war offensichtlich, dass sie ihren Frust darüber, dass sie das Geschäft schließen musste, an mir ausließ. Sie schimpfte über die Politik, die in ihren Augen versagt hätte, dass alle ihre Mitarbeiter gekündigt hatten und sie alles alleine machen musste. „Da kann man doch ein wenig Rücksicht von der Kundschaft erwarten, dass sie größere Bestellungen vorher schriftlich einreichen!“, schleuderte sie mir an den Kopf.
Mir war, als ob jemand einen Kübel kaltes Wasser über mir ausschütten würde. Ich war sauer und wütend, dass sie mich vor den anderen Kunden dermaßen runterputzte. Und dann sagte die Chefin in einem patzigen Ton: „Sie können ja Ihre Liste hierlassen und später alles abholen.“ Ich war in der Zwickmühle: Einerseits wollte ich die Produkte unbedingt haben, andererseits merkte ich, dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, sie bei ihr zu kaufen. Ich wollte nur noch raus aus dem Laden. Also nahm ich meine Liste und sagte: „Ich komme wieder.“ Als ich es ausgesprochen hatte, merkte ich, dass ich mir gar nicht so sicher war, dass ich diesen Laden nochmal betreten würde. Deshalb schob ich noch ein „Vielleicht!“ hinterher.
Autsch. Du bist dann raus aus dem Laden und hast vermutlich gekocht vor Wut?
Draußen habe ich erstmal Luft geschnappt und bin so weit gelaufen, dass man mich vom Laden aus nicht mehr sehen konnte. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals und war kurz davor loszuheulen. Dann habe ich meinen Mann angerufen und ihm von der ungeheuerlichen Situation erzählt. Das tat schon mal gut und ich konnte wieder klarer denken. Die Wut verrauchte. Ich überlegte, was ich jetzt machen sollte. Meinen weiteren Einkauf erledigen oder zurückgehen? „Zurückgehen“ – Dieser Gedanke, dieses Wort erinnerte mich an einen Text von dem Priester und Autor Martin Gutl, den ich kurz vorher gelesen hatte: „Heute noch miteinander reden. Zurückgehen, das Gespräch von neuem beginnen. Morgen könnte einer von beiden tot, stumm, blind oder gelähmt sein. Heute noch zurückgehen, noch einmal hören, sich überwinden, verzeihen, das Urteil über einen Menschen aufheben. Heute noch – die Sonne wird über zwei Versöhnten untergehen.“
Welches Urteil hattest du denn über die Dame im Laden gefällt?
Ich dachte: Von kundenorientiertem Arbeiten und Freundlichkeit hat die Frau keine Ahnung. Bei allem Stress – so geht man doch nicht mit Kunden um! Kein Wunder, dass sie dicht machen muss!
Durch das Zitat von Martin Gutl war mir plötzlich klar: Wenn ich nicht zurückgehe, dann ist das wie „Feigheit vor dem Feind“! Ich hatte mir doch nichts vorzuwerfen! Die Chefin ist ausfallend geworden. Nicht ich. Ich hatte den Eindruck, dass Gott mich durch seinen Heiligen Geist da förmlich zurückschickte. Warum auch immer. Ich habe einen Moment abgepasst, wo kein anderer Kunde im Laden war. Ich kam rein und sie sagte in herab-lassendem Tonfall: „Ach, da sind Sie ja wieder!“
Schön war das nicht. Ich war innerlich noch sehr aufgewühlt. Ich fragte sie, was das denn eben gewesen wäre und sagte, dass ich nicht verstanden habe, warum sie mich so hart angegriffen hat. Daraus entwickelte sich ein Gespräch, anfänglich noch beiderseits mit einem wütenden Unterton. Sie erzählte von ihrem ganzen Frust und dass sie eigentlich ins Bett gehören würde, weil sie krank war. Dann fragte sie unvermittelt: „Sind wir jetzt wieder Freunde?“ Ich konnte nicht anders als „Ja!“ antworten.
„Ich dachte: Von kundenorientiertem Arbeiten und Freundlichkeit hat die Frau keine Ahnung. Bei allem Stress – so geht man doch nicht mit Kunden um! Kein Wunder, dass sie dicht machen muss!“
Du hast beim Zuhören Verständnis für sie bekommen, sie denn auch für dich?
Ja, irgendwie schon. Aber darauf kam es mir in dem Moment tatsächlich gar nicht mehr an. Ich hatte den Eindruck, dass war in dem Moment mein „himmlischer Auftrag“. Ich habe ihr gerne zugehört.
Mit Gutl im Kopf hast du das Gespräch neu begonnen, und Frieden gestiftet, gelingt das immer? Sind Menschen danach immer wieder Freunde? Befriedet?
Das Gespräch und das dem anderen die Hand zu reichen, ist wirklich hilfreich und richtig. Aber nur, wenn es von Herzen kommt. Wenn ich es nur mache, weil ich mich dazu verpflichtet fühle, dann bringt es nichts. Bei mir ist es so, dass ich manchmal innerlich noch mit mir kämpfe, ob ich die Hand reichen will oder nicht. Dann hilft mir ein kurzes Gebet und der Gedanke, dass ich doch auch immer wieder auf Barmherzigkeit angewiesen bin. „Wie Gott mir – so ich dir !“ Das will ich mir vor Augen halten.
Nach unserem Gespräch hatte ich dann tatsächlich meine Einkaufliste dort gelassen, und die Dame hatte versprochen, alles zusammenzupacken. Als ich dann später wieder kam, um meine Bestellung abzuholen, hing da ein großes Schild im Laden, darauf ein großes rotes Herz und daneben das Wort Danke! Das war die erste Überraschung. Die zweite war, dass ich mit einem Lächeln von der Chefin begrüßt wurde. Ich sagte ihr, dass ich viel aus unserem letzten Zusammentreffen gelernt habe und sie erwiderte: „Ich auch!“ Sie hatte auf meiner Visitenkarte, die ich ihr mit der Bestellung dagelassen hatte, gelesen, dass ich „Die Dankbarkeitsbotschafterin“ bin, und so sprachen wir über die Dankbarkeit, und wie eine dankbare Haltung das Leben verändert. Dieses Mal verabschiedeten wir uns mit vielen netten Worten und guten Wünschen. Gott sei Dank für diese Begegnung und das, was ich daraus gelernt habe.
Das Gespräch führte Detlef Eigenbrodt.
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