Ich hätte sollen

Kolumne

Was für ein schönes Geburtstagsgeschenk. Uwe Heimowski hatte seinen 60. Geburtstag gefeiert und von seiner Frau Christine eine Reise geschenkt bekommen. Die erste Reise zu zweit und ohne eines der Kinder, seit sage und schreibe 28 Jahren. Was ihm dabei widerfuhr, erzählt er nicht ohne Selbstkritik. Und er meint, er hätte es anders machen sollen.

Wir beide lieben es zu saunieren. Und so ging es für eine Woche nach Helsinki. Nach Finnland, in das „Mutterland“ der Sauna. Was Helsinki an Saunafreunden zu bieten hat, ist unglaublich: Ein Riesenrad in der Altstadt mit einer separaten Schwitzkabine, die man für eine Stunde mieten kann – deren Preis aber leider ein wenig über unserem finanziellen Spielraum liegt. Oder die „Sompa-Sauna“, von Ehrenamtlichen betrieben, an einem kleinen See gelegen, Tag und Nacht geöffnet. Umsonst, wenn man dafür ein wenig Holz hackt oder die Reste aus dem  Holzofen in den Ascheeimer trägt. Und natürlich, die Sauna im Hafen, durch deren große Glasscheiben man den Hafen von Helsinki vor sich liegen sieht.

Keine Überraschung

Dort waren wir jetzt. Christine in der Damensauna, ich bei den Herren; ordentlich in Badekleidern – da sind die Finnen konservativ. Mit mir saßen ein Einheimischer und zwei amerikanische Touristen auf den Bänken. Ein angeregtes Gespräch ergab sich. Nach einer Weile schreckte einer der US-Amerikaner zusammen, ein rothaariger Mitzwanziger, mit vor Hitze gerötetem Kopf: Er habe sein Handy offen auf dem Stuhl liegen lassen, und wollte hinausstürmen. „No problem“, beruhigte ihn der Finne, „this is Finland. You are safe, nobody will steal it.” Es sei sicher, hier in Finnland würde nicht gestohlen. Der Mann setzte sich wieder. Sein Freund sah ihn an und flüsterte: „No real surprise – they don’t have too many black people here.” Das wäre ja keine Überraschung, es gäbe ja schließlich kaum Schwarze im Land. Ich zuckte zusammen. Hatte ich richtig gehört. Leider ja, wie ein abfälliger Kommentar des angesprochenen „Redneck“ bestätigte.
 

„Ich war geschockt. Und tat: Nichts. Außer schleunigst den heißen Raum zu verlassen und mich erst mal im Meerwasser abzukühlen.“

Ich ärgere mich

Was für ein merkwürdiger Moment. Da sitzt du entspannt in der Sauna, erholst dich, plauderst fröhlich, und plötzlich schlägt dir da aus dem Nichts eine solche Wucht an unverhohlenen Vorurteilen und Rassismus entgegen. Ich war geschockt. Und tat: Nichts. Außer schleunigst den heißen Raum zu verlassen und mich erst mal im Meerwasser abzukühlen. Aber die innere Abkühlung gelang nicht. Im Gegenteil: ich war aufgebracht, ich ärgerte mich, von Minute zu Minute mehr. Über die „blöden Amis“ (so viel zum Thema Vorurteile, wie meine Frau mir liebevoll spiegelte …). Aber vor allem über mich selbst. Hätte ich mich nicht irgendwie äußern sollen? Kann man das einfach so stehen lassen? Natürlich war das vielleicht kein Setting für eine Debatte über Rassismus. Aber Hand aufs Herz: Wie oft schaue ich weg oder halte den Mund, wenn ich abfällige Bemerkungen über Menschen wahrnehme?

Schweigen ist keine Tugend

Wegschauen dagegen ist Sünde: Immer. Ob in der Sauna oder im Alltag, ob es Schwarze trifft, oder Frauen, oder Menschen mit Behinderungen, oder, oder, oder. „Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan“, sagt Jesus ohne Wenn und Aber (Matthäus 25,45). Es gibt ein berühmtes Zitat von Martin Niemöller über die Zeit der Nationalsozialisten. Daran muss ich jetzt denken: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte“. Der Vergleich mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte mag etwas weit hergeholt sein. Und doch: Hatte es vor 1933 nicht ähnlich angefangen? Unscheinbar, mit abfälligen Bemerkungen, mit Zuschreibungen und Abwertungen gegen bestimmte Gruppen von Menschen? Und dann, als die Menschenverächter an der Macht waren, fielen schließlich die äußeren Barrieren, und der Hass und die Gewalt wurden mehr als nur salonfähig, ja unter den Nazis quasi zur Bürgerpflicht, um die „wahren Deutschen“ zu schützen?
 

„Mag sein, dass wir das Rad der Zeit mit ihren Fake News und digitalen Hasskommentaren nicht zurückdrehen können. Wobei – warum eigentlich nicht?“

Wir können hinschauen

Man muss nicht mit dem Finger auf die weißen Amerikaner zeigen, um die Veränderungen in der Kultur und im gesellschaftlichen Miteinander unserer Zeit zu bemerken. Das geschieht auch bei uns vor der Haustür. Die politischen Debatten verschärfen sich. Die häusliche Gewalt gegen Frauen steigt Jahr für Jahr – und nein, daran sind nicht (allein) die Fremden Schuld, die „ihre patriarchalen Strukturen“ in unsere ach so unschuldige Gesellschaft „importiert“ haben. Die Kinder eines weißen Kollegen, der mit einer schwarzen Südafrikanerin verheiratet ist, können Geschichten über Geschichten von abfälligen Bemerkungen erzählen, denen sie täglich auf den Straßen oder in den U-Bahnen Berlins ausgesetzt sind. Die jüdische Studierendenunion in Deutschland berichtet von etlichen Angriffen auf Studierende, die an der Universität eine Kippa oder einen Davidstern getragen hatten. Und wieviel mehr ließe sich aufzählen. Mag sein, dass wir das Rad der Zeit mit ihren Fake News und digitalen Hasskommentaren nicht zurückdrehen können. Wobei – warum eigentlich nicht? Was wir aber definitiv tun können, jeder einzelne Bürger und jede Bürgerin, jeder, der von sich sagt, dass er Jesus nachfolgt: Wir können hinsehen, statt wegzusehen, wir können den Mund auf machen, wenn wir Vorurteile und Beleidigungen hören.

Um konkret zu werden: Wie hätte das in der Sauna in Helsinki aussehen können? Ich hätte die beiden mit dem, was ich gehört habe, konfrontieren können. Hätte das geholfen? Wer weiß, vielleicht nicht, aber vielleicht schon. Doch noch besser: Ich hätte den Finnen ansprechen können. Wie es komme, dass in Finnland so wenig Kriminalität herrsche. Und dann hätte sich möglicherweise ein konstruktives Gespräch entwickelt und einige Vorurteile wären entlarvt worden. Hätte. Ich habe geschwiegen, und mich geärgert. Und mir fest vorgenommen, nächstes Mal zu reagieren. Denn das kommt bestimmt – wohl eher nicht in Helsinki, aber garantiert irgendwo bei mir zuhause um die Ecke.