Die Angst in ihren Augen

Bericht

Als Benjamin Funk der Liebe wegen nach Israel auswandert, verändert sich alles. Eben noch der Macher, jetzt ziemlich hilf- und orientierungslos. Eben noch voller Pläne, dann der Krieg, der ihn mit ungekannter Angst konfrontiert. Eben noch von Gottvertrauen gesprochen, jetzt nicht mehr viel übrig, als Gott zu vertrauen. Und in den Augen steht die Angst.

Ich liebte meine hessische Kleinstadt. Nach vielen Jahren voller Herausforderungen war ich dort endlich angekommen. Meine Familie und meine besten Freunde lebten dort, ich hatte eine tolle Arbeit, die mich ausfüllte, setzte mich gerne in meiner Heimatgemeinde und im Ort bei verschiedenen Vereinen ein. Ich besaß ein Fachwerkhaus mit Garten mitten in der Altstadt – was wollte ich mehr?

Ich heirate nach Israel

Eines Tages meldete sich dann eine enge Freundin bei mir: Ihre Schwester sei im Land, und ob ich nicht mit ihr etwas unternehmen könne, damit sie mal rauskommt. Sie war für einige Zeit mit ihren drei Kindern aus Israel zu Besuch. Ich erklärte mich bereit und nahm sie mit auf eine Wanderung – bei rund null Grad, mit Schneeregen, 16 Kilometer durch das hessische Mittelgebirge. Rückblickend gebe ich zu: Das war recht rigoros. Schließlich kam sie aus einem Land, in dem es selbst im Winter meistens warm ist. Und dann wurde daraus eine große Liebesgeschichte und wir wollten heiraten. Sie war bereit, mit den Kids nach Deutschland zu kommen, aber das ging aus verschiedenen Gründen nicht. Und so standen wir vor einer Entscheidung: Entweder ich lasse alles, was ich Heimat nannte, hinter mir und ziehe nach Israel, oder es gäbe keine gemeinsame Zukunft. Ich kannte Israel nur von den typischen Reisen, die man so unternehmen kann, und ich bin dankbar, dass meine Frau mir ordentlich den Kopf gewaschen hat, bevor ich zu ihr zog. Ja, das Leben in Israel spielt tatsächlich in einer ganz anderen Liga als das im hessischen Kleinstadt-Idyll.

Komplett überfordert

Mittlerweile sind fast neun Jahre vergangen, und ich kann sagen: Es ist ein Leben mit Höhen – und wahrlich großen Tiefen. Gut deutsch konditioniert war ich nach Israel gekommen, und es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht aneckte und in ein Fettnäpfchen trat. Wir leben in einer Gegend, in der es kaum neue Einwanderer gibt – schon gar nicht deutsche Nichtjuden. Daheim war ich gewohnt, dass man mich kannte, dass ich mit meiner offenen Art recht schnell Anschluss fand. Plötzlich war alles anders: Ich verstand die kulturellen Begebenheiten nicht, und ohne meine Frau konnte ich nicht mal einen Handyvertrag abschließen. Zudem hatte ich nicht nur eine Frau geheiratet, sondern auch eine Familie – von null auf hundert Vater. Die Kinder sprachen nur schlecht Deutsch, und ich weder Hebräisch noch Russisch, das ebenfalls in unserer Familie gesprochen wird. Da war ich nun: irgendwie verloren, komplett überfordert, und das nicht nur Wochen oder Monate, sondern über Jahre. Es fühlte sich an, als wäre ich mit Vollgas auf ein Abstellgleis gerast. Meine jährlichen Visa-Termine, bei denen meine Frau Alexandra und ich befragt wurden, verschlimmerten meinen Zustand. Sie gaben mir jedes Mal das Gefühl, nicht dazuzugehören, irgendwie nur geduldet zu sein. Israel ist kein typisches Einwanderungsland, und ich durfte nur bleiben, weil meine Frau dort schon seit mehr als 20 Jahren lebte. Generell herrscht im Nahen Osten eine härtere Gangart. Aufgrund der verschiedenen Kulturen, Religionen, Kriege und Krisen gibt es wenig Raum für persönliche Befindlichkeiten. Ich versuchte, das für mich zu ordnen. Aber ich scheiterte allzu oft an meinen Vorstellungen, meinen Erwartungen und meinem viel zu engen Zeitplan. Eine Tugend beherrschte ich so gar nicht: Gelassenheit. 
 

„Als junger Christ habe ich mich damit zufriedengegeben, meine Sorgen als Vorsorge auszugeben. Aber wenn ich ehrlich bin, war es eigentlich mangelndes Vertrauen – und Misstrauen gegenüber Gott.“

Plötzlich im Krieg

Mittlerweile sind Jahre vergangen, und 2023 war eines der schwierigsten für uns. Der 7. Oktober – und alles, was danach kam – wurde zur Bewährungsprobe für uns als Familie. Als der erste Luftalarm losging, waren die Bilder vom Überfall der Hamas noch ganz frisch. Wir leben zwar im Norden, aber die erste Warnung, die mit dem Alarm einherging, lautete: „Warnung vor Drohnen, Raketen und Infiltration von Terroristen.“ Weil wir keinen eigenen Bunker haben und die Zeit mit Kleinkindern nicht ausreichte, um den nächsten öffentlichen Schutzraum zu erreichen, kauerten wir fortan bei jedem Alarm unter unserer Treppe. Die Angst in den Augen meiner Familie werde ich nicht vergessen – genauso wenig wie die existenzielle Angst, die ich um sie hatte. Und das Einzige, was wirklich half, war, im Herzen zu Gott zu schreien: „Du musst uns beschützen!“ Immer wieder und wieder. Ja, es gab viele Momente, in denen wir als Ehepaar befürchteten, dass es keinen Morgen mehr geben könnte. Diese Erkenntnis führte bei uns zu der Entscheidung, den Augenblick im Fokus zu behalten. Ich kann das Morgen nicht beeinflussen, nicht die äußeren Umstände, nicht die Situation, aber ich kann das Hier und Jetzt gestalten, mit dem, was Gott mir gegeben hat. Und dazu gehört die Zeit mit der Familie. So gingen wir alle zusammen auf den Sportplatz, als die meisten Israelis vor den Bildschirmen hingen. Bevor der Iran uns angriff, machten wir einen Spiele- und Filmabend. Und wir sagten uns als Ehepaar: Wenn das unser Ende ist, dann ist es ein gutes Ende.

Meine Verantwortung

Als Ehemann und Vater will ich mich meinen Nächsten zuzuwenden, meiner Frau und unseren Kindern. Ihnen gegenüber trage ich Verantwortung. In aller Deutlichkeit hat mir Gott über die Jahre gezeigt, dass es Dinge gibt, die ich nicht in der Hand habe. Ich kann sie nicht ändern, nicht beeinflussen. Aber ich habe Einfluss darauf, welche Gedanken ich mir darüber mache. Als junger Christ habe ich mich damit zufriedengegeben, meine Sorgen als Vorsorge auszugeben. Aber wenn ich ehrlich bin, war es eigentlich mangelndes Vertrauen – und Misstrauen gegenüber Gott. Gott hat im Verborgenen intensiv an mir gearbeitet. Nicht aufgrund meiner Leistung, sondern weil ich grundsätzlich offen war, ihm zu folgen, auch wenn ich seine Wege nicht verstand.