Das macht uns stark

Essay

Wer schon mal in eine Situation ge-zwungen wurde, in die er nie geraten wollte, hat im Ansatz eine Ahnung davon, was Daniel erlebt hat. Aber wirklich auch nur im Ansatz. Es scheint fast keinen ergleich zu dem zu geben, was er durchmachen musste. Markus Pfeil wundert sich, wie sich der erschleppte entwickelte und findet deutliche Zeichen, die auch uns stark machen könnten.

In unseren turbulenten Zeiten sehnen sich viele nach einer Standhaftigkeit im Glauben, die uns gelassen bleiben lässt, egal was um uns herum passiert. Von August Hermann Francke, einem der Väter des Pietismus, stammt das Zitat: „Je völliger der Glaube ist, je stärker steht er auch in der Gelassenheit, je mehr übergibt er sich dem Willen Gottes und traut ihm zu, er werde zur rechten Zeit es wohl machen.“ Das erinnert mich an Daniel und seine Freunde. Sie hatten so ein starkes Glaubensfundament, dass sie selbst im Angesicht des Todes gelassen blieben. Als sie in den extrem heißen Feuerofen geworfen werden sollten, weil sie nicht bereit waren vor dem Standbild Nebukadnezars niederzufallen und es anzubeten, antworten sie dem König, mutig und entschlossen: „Siehe, unser Gott, den wir verehren, kann uns erretten aus dem glühenden Feuerofen, und auch aus deiner Hand, o König, kann er erretten. Und wenn er’s nicht tut, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren und das goldene Bild, das du hast aufrichten lassen, nicht anbeten werden.“ Ich denke, ihre Gelassenheit bezog sich nicht auf die grausame Art des Sterbens, aber auf ihre Gewissheit, dass Gott es „wohl“ macht, so oder so. Ihr starkes Vertrauen in Gott machte sie unabhängig von äußeren Umständen und auch von ihrem persönlichen Ergehen.
 

„Es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! Karl Barth“

Es wird regiert 

Daniel und seine Freunde mussten schon in jungen Jahren ihre Träume begraben, als der babylonische Herrscher Krieg und Leid über ihr Volk brachte und sie im Teenageralter in das tausend Kilometer entfernte Babylon verschleppte. Wahrscheinlich wurden sie auch von ihren Familien getrennt. Aber all das ließ sie nicht an Gottes Souveränität zweifeln. Der Grund ihrer Gelassenheit beruhte auf der festen Gewissheit, dass Gott die Geschichte lenkt. Daniel betont, dass es Gott war, der sein Land in Nebukadnezars Hände gegeben hatte. Das wundert einen, denn Babylon war etwa neunzig Mal größer als das Südreich Juda, aus dem Daniel stammt, und auch wirtschaftlich und militärisch war Babylon weit überlegen. Da hätte es, menschlich gesehen, zum Sieg über Juda sicher keinen Gott gebraucht. Daniel war aber der festen Überzeugung: Egal was in dieser Welt passiert: Gott steckt dahinter! Daniel schreibt: Alle Bewohner der Erde sind vor ihm wie nichts. Er macht mit ihnen, was er will.“ (Daniel 4,32) Und dazu gehören auch die Trumps, die Putins und die Xi Jinpings dieser Welt. Glaubende sind kein Spielball politischer Mächte. Karl Barth formulierte es am Vorabend seines Todes im Dezember 1968 so: „Ja, die Welt ist dunkel.
… Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!“ Und Gott greift richtend ein, früher oder später. Daniels Name bedeutet: Der Herr ist mein Richter. Diese Botschaft zieht sich durch das ganze Daniel Buch. Gott richtet sein Volk Israel, er richtet Nebukadnezar und König Belsazar und er wird einmal alle Menschen, alle Regierenden und alle Nationen richten.

Eingeflochten 

Daniel, Hananjah, Mishael und Asarja erlebten hautnah, dass das Böse nicht aufhört zu existieren und dass auch sie nicht vor Not, Unterdrückung und Ungerechtigkeit bewahrt blieben. Aber ihre Gelassenheit beruhte auf dem unerschütterlichen Glauben, dass der große Weltenlenker auch ihr Leben im Blick hat und ihre Geschicke lenkt und sie in seine Geschichte mit den Menschen eingeflochten hat. Fern der Heimat und weit davon entfernt ihre eigenen Träume zu verwirklichen, erlebten sie wie Gott ihnen beruflichen Erfolg schenkte, ihre Gebete erhörte und sie spektakulär gebrauchte, um Geschichte zu schreiben. Nach dem strengen Auswahlverfahren zum Regierungsbeamten oder Berater des Königs, bei dem es um makellose Schönheit, Bildung, Charakter und IQ ging, folgte die Ausbildung. Der Stoff in der königlichen Eliteuniversität muss Daniel und seinen Freunden erst einmal die Kehle zugeschnürt haben. War es doch das erklärte Ziel ihrer Ausbildung, ihre jüdische Prägung mit einer neuen Identität zu überschreiben, durch eine Bildung, der eine völlig andere Weltanschauung zugrunde lag. Ihre hebräischen Namen, die auf den Gott Israels hinwiesen, wurden durch babylonische Namen ersetzt, die auf heidnische Götter Bezug nahmen. Alles sollte dazu führen, ihre jüdische Identität zu verändern. Heute nennt man das: Umerziehung.

Was mich erstaunt: Ich sehe bei Daniel zum einen seine Treue gegenüber Gott, aber gleichzeitig auch seine Verantwortungsbereitschaft im Führungsamt einer weltlichen und gottlosen Regierung. Daniel und seine Freunde zeigten dabei viel Mut und innere Stärke, indem sie ihrem Gewissen folgten. Auf der anderen Seite führte Daniel sein Amt so zuverlässig und gewissenhaft aus, dass ihm nicht der geringste Fehler nachgewiesen werden konnte. Man fand bei ihm keinen Grund zur Beschwerde. Das Zeugnis und Vorbild von Daniel und seinen Freunden war so kraftvoll, dass sich Nebukadnezar und auch später Darius zu diesem Gott Daniels bekennen. Es geht wohl darum, dieses Spannungsfeld zu akzeptieren und sich aus der Stärke des Glaubens heraus, vom Heiligen Geist geleitet, dieser Welt zuzuwenden und den Menschen zu dienen. 

„Das war seine Kraftquelle! Seine Weisheit und seine Gelassenheit kamen aus der Gemeinschaft mit seinem Gott.“

Das Erfolgsrezept

Obwohl Daniel in seiner Position sicher einen vollen Terminkalender hatte, war ihm seine dreimal tägliche Gebetszeit mit Danken, Loben und Bitten eine heilige Gewohnheit. Das war seine Kraftquelle! Seine Weisheit und seine Gelassenheit kamen aus der Gemeinschaft mit seinem Gott. Mich begleitet schon länger das Zitat eines christlichen Leiters: „Hüte dich vor der geistigen Dürre eines geschäftigen Lebens.“ Gelassenheit kommt aus der Stille. Dabei geht es nicht so sehr um eine bestimmte Anzahl von Gebetszeiten oder um die Gebetslänge. Es geht um das Anerkennen, dass wir Gott jeden Tag nötig haben – für alles! Und es geht darum, dass wir die tägliche Ausrichtung auf ihn und die tägliche Anbetung als unsere höchste Priorität ansehen. Das wird uns stark machen.