Allein gelassen

Kolumne

Wenn das Leben Herausforderungen stellt, die kaum noch zu bewältigen sind, dann fällt es nicht leicht, die Balance zu behalten. Und wer allein gelassen ist, hat mit dem gelassen sein durchaus so seine Probleme. Steve Volke über ein dramatisches Beispiel aus Äthiopien, das ihm mächtig zugesetzt hat.

Nennen wir sie einfach Rose. Sie lebt allein mit ihrer Mutter in Addis Abeba in Äthiopien. Sie sind die einzigen Überlebenden der gesamten Familie. Rose hat es mit einem Förderprogramm bis an die Universität in Addis Abeba geschafft und hat einen Bachelor-Abschluss in Sozialer Arbeit. Sie könnte ihren Lebensunterhalt locker bestreiten, wenn es einen bezahlten Arbeitsplatz für sie gäbe. Ihre Mutter hat keinen guten Schulabschluss und somit keinen gelernten Beruf, der Einkommen bringen könnte. Und so befinden sie sich in einem täglichen Überlebenskampf, der zum Ende des vergangenen Jahres dramatische Züge angenommen hat.

Fünfundzwanzig Cent pro Tag

„Steve, ich habe das noch nie gefragt, aber kannst du uns helfen? Wir wissen nicht mehr, wie wir überleben sollen“. Diese Nachricht auf meinem Handy ließ bei mir alle Alarmglocken klingeln. Ich kenne die beiden schon seit vielen Jahren, habe sie immer mal wieder besucht und sie punktuell im Auf und Ab ihres Lebens begleitet. Rose und ihre Mutter sind aber nur zwei von hunderttausenden von Menschen, die zum Beispiel in Äthiopien kaum in eine Situation kommen, die sie gelassen werden lässt. Wir können uns das im wohlbehüteten Deutschland kaum vorstellen, deshalb hier ein kleines aktuelles Rechenbeispiel von Rose und ihrer Mutter: Rose hat einen Teilzeitjob, der ihr monatlich 5000 Birr einbringt, das sind etwa 37,30 Euro monatlich. Ihre Mutter hat einen Teilzeitjob, mit dem sie monatlich 3000 Birr verdient, 22,37 Euro.

„Ich kenne die Einwände, die uns direkt kommen: Kann man nicht vergleichen. Andere Welt, und so weiter. Aber was wäre, wenn wir solche Lebensgeschichten einmal an unser Herz lassen würden?“

beiden haben also 59,67 Euro pro Monat, um alle Kosten zu decken und vom Rest zu leben. Die Miete für ihre Einraumwohnung in Addis Abeba kostet monatlich 52,20 Euro. Wenn sie die bezahlt haben, bleiben Rose und ihrer Mutter im Monat 7,47 Euro zum Leben. Da der Monat auch in Äthiopien 30 oder 31 Tage hat, bedeutet das: 0,25 Euro pro Tag.


Wie soll das gehen?

Als Rose mir diese Rechnung mitteilte, blieb mir der Atem weg. Wie geht das? In Äthiopien haben Familien wie die von Rose keine Krankenversicherungen, Bürgergeld wäre für sie ein Traum. Aber das Risiko ihres Lebens liegt zu hundert Prozent auf ihrer eigenen Seite. Ich denke an die Work-Life-Balance-Diskussionen  in Deutschland und die letzten Lohnabschlüsse. Wenn wir das mit Rose und ihrer Mutter vergleichen, haben wir viele Gründe, gelassen zu bleiben und mit einem guten Gefühl in die Zukunft zu blicken. Dass wir das oft nicht tun, empfinde ich immer mehr als Schande, eher noch möchte ich es Sünde nennen! Ich kenne die Einwände, die uns direkt kommen: Kann man nicht vergleichen. Andere Welt, und so weiter. Aber was wäre, wenn wir solche Lebensgeschichten einmal an unser Herz lassen würden? Vielleicht führt es dazu, dass wir unsere Komfortzone verlassen, um denen zu helfen, für die Gelassenheit nicht zum alltäglichen Vokabular gehört.