Unerfüllter Kinderwunsch

Ist die Samenspende eines Fremdspenders für Christen ein gangbarer Weg?

Ein unerfüllter Kinderwunsch durch Unfruchtbarkeit eines Partners – in diesem Fall des Mannes –, kann ein Paar extrem an seine Grenzen bringen. Kein Außenstehender kann die damit verbundenen Nöte ausloten. Und auch der Weg zu einer Lösung, den jedes Paar individuell beschreiten muss, ist kein Spaziergang. Er kann lang sein, einsam und schwer. Kein Betroffener weiß zu Beginn, welche Streckenführung gerade ihn erwartet und welche überraschenden Stolpersteine ihm womöglich begegnen. Immer wieder geraten Paare hierbei an Weggabelungen: Aufgeben oder Akzeptieren? Ein Kind adoptieren oder doch neue medizinische Methoden anwenden? Was ist ethisch gangbar – vor allem für Christen, die im Einklang mit Gottes gutem Plan und Willen ihr Leben gestalten wollen?

Viele neuere Methoden künstlicher Befruchtung legen den Fokus allein auf das medizinisch Machbare, wodurch ethische Gesichtspunkte und auch wichtige psychische Aspekte zumeist in den Hintergrund geraten. Was also tun? Die Faktoren, die eine letztlich tragfähige Entscheidung beeinflussen, sind vielfältig und komplex. Darum sollte kein Paar übereilte und kurzfristige Entscheidungen „um des lieben Friedens willen“ treffen oder gar, um eine kriselnde Ehe zu retten. Wer einen neuen Menschen ins Leben rufen möchte, sollte dies langfristig bedenken. Darum an dieser Stelle ein paar Denkangebote für betroffene Paare:

  •  Wie überlegt ist unsere Entscheidung – wie viel zeitlichen Vorlauf haben wir uns gegeben?
  • Geht es uns um ein leibliches Kind oder würden wir auch für andere Kinder ein Zuhause, eine Familie sein wollen? Ist es uns wirklich so wichtig, unser eigenes Erbgut – im Fall einer Fremdsamenspende wenigstens das der Frau – weiterzugeben? Bei der Adoption nähmen wir ein bereits gezeugtes Kind auf, bei der Fremdsamenspende riefen wir ein Kind mit Hilfe einer dritten Person aktiv zur Erfüllung unseres Kinderwunsches ins Leben.
  • Welche Wahl hat der zeugungsunfähige Mann, wenn seine Frau sich sehnlichst ein leibliches Kind wünscht? Ist er in seiner Entscheidung wirklich frei?
  • Der Ehe-Bund ist mit Mann und Frau komplett. Sie werden in der Sexualität eins. Doch das Kind, das ihrer Liebe auch äußerlich Gestalt gäbe, bleibt ihnen verwehrt. Im Falle einer Zeugung durch Fremdsamenspende nimmt ein Paar einen Dritten mit in diese Verbindung hinein.
  • Es gibt Erfahrungsberichte, in denen der zeugungsunfähige Mann im he-ranwachsenden Kind ihn befremdende Eigenschaften des anderen Mannes entdeckte, diese als Konkurrenz zu seiner Person sah oder das Kind mitunter ganz ablehnte. Solche Entwicklungen sind in der Theorie schwer vorhersehbar.

„Trauen wir Gott zu, dass er uns auch jenseits einer eigenen Familie ein erfülltes Leben schenken kann?“

  • Die Herkunft eines Menschen prägt seine Identität. Auch der Stellenwert der Geschlechtsregister in der Bibel macht das sehr deutlich. Das Bundesverfassungsgericht hat erst kürzlich die Rechte von durch Samenspende gezeugten Kindern erheblich gestärkt. Mittlerweile achtet es das Recht des Kindes, seine Herkunft zu kennen, höher als die Anonymität des Samenspenders. Selbst mit frühzeitiger Aufklärung kann das Kind diesem Weg seiner ureigensten Geschichte intensiv nachgehen wollen. Erfährt es überraschend von der Samenspende kann es mitunter zum Zerwürfnis kommen. Auch die Bestimmung einer Blutgruppe hat schon Samenspenden, aufgedeckt, weil die Konstellationen aus medizinischer Sicht nicht zusammenpassten. Zu bedenken ist auch, dass der soziale Vater bei einem Vaterschaftstest nicht der leibliche Vater ist.
  • Es gibt keine Garantie auf ein gesundes Kind. Im Fall einer Behinderung sollten beide Eltern ein umfassendes Ja zu dem Kind haben, auch der soziale Vater.
  • Samen des Spenders werden meist auch von weiteren Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch genutzt. Wie viele Halb-Geschwister hat das Kind womöglich noch?
  • Versuchen Sie gelegentlich, die eigene Perspektive und womöglich feststehende Meinung zu verlassen, und den Standpunkt des Partners/der Partnerin oder des noch ungeborenen Kindes einzunehmen.
  •  Auch in der Bibel lesen wir von Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch, die in ihrer ungestillten Sehnsucht und Not eigene Wege gegangen sind: Sarai zum Beispiel wollte die Prophetie Gottes erfüllen, indem sie Abram ihre Magd gab, um an ihrer Stelle ein Kind für sie auszutragen. Später jedoch führte diese Entscheidung zu Konflikten zwischen allen Beteiligten und stürzte sie selbst in große Not (siehe 1. Mose, Kapitel 16–21). Beschäftigen Sie sich mit diesen biblischen Personen und überlegen Sie, ob Ihnen Aspekte ihres Erlebens bei Ihren Fragen weiterhelfen können.

Christen stehen darüber hinaus auch vor folgenden herausfordernden Fragen: Was ist überhaupt Gottes Wille für unser Leben? Darf er unseren Lebens-traum „Kind“ möglicherweise auch unerfüllt lassen? Können wir darauf vertrauen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten mitwirken müssen (Römer 8,28) – auch wenn wir das im Hier und Jetzt nicht immer unmittelbar nachvollziehen können? Trauen wir Gott zu, dass er uns jenseits einer eigenen Familie ein erfülltes und in anderer Hinsicht fruchtbares Leben schenken kann – auch wenn wir vielleicht noch nicht sehen können wie?

Auf dem Hintergrund all dieser vielfältigen und komplexen Aspekte erscheint eine Fremd-Samenspende nicht als ratsame Alternative. Letztlich trägt jedes Paar Verantwortung – vor Gott, vor einander und explizit auch vor einem eventuellen zukünftigen Kind. Ich bin mir des Spannungsfeldes in dieser Frage sehr bewusst – und mache Paaren in all ihren offenen Fragen zugleich Mut, Gott als den Schöpfer des Lebens im Entscheidungsfindungsprozess nicht auszuklammern, sondern ihn bewusst zu suchen und mit einzubeziehen.