Der Kuss auf das Unansehnliche

Wie der Hamburger Arzt Volker Brandes Medizin und Glauben zusammenbringt

Hamburg in den wilden 70er-Jahren. Szene-Partys, Kiez, Studentendemos und Rockkneipen, Drogenszene, gesellschaftliche Auf- und Umbrüche. Christen versuchen offene Räume zu schaffen und die Botschaft von Jesus zu vermitteln. Immer wieder kommen einzelne Menschen zum Glauben. Statt der Drogenszene in der „Big Apple“-Disco besuchen einige auf einmal die Teestube der Elim – einer freien evangelischen Gemeinde in Hamburg.

Volker Brandes, Jahrgang 1956, ist damals Student der Medizin und leitet diesen Jugendtreff. „Ich hatte immer schon ein missionarisches Herz“, erzählt der heute promovierte Urologe mit eigener Praxis im Stadtteil Billstedt. „Der Einsatz für andere und rausgehen aus den Kirchen zu den Menschen – Outreach – das liegt mir im Blut!“ „Outreach“ – das ist der Jargon jener Zeit, als Volker Brandes und seine Freunde auch Gottesdienste veranstalteten im berühmt-berüchtigten Galerie-Café Adler. Das „Adler“ war durch die Drogen- und Kommunenszene bekannt, Chef der Kneipe war der Ehemann der 68-er Ikone Uschi Obermaier, Dieter Bockhorn. „Aus den Lautsprechern, aus denen normalerweise die Bässe wummerten, tönten dann Kirchenglocken, die Kollekte wurde im Sektkelch eingesammelt. Die Kellnerinnen trugen ‚Gott ist geil‘-Buttons, die Leute rauchten Shit, aber wir verkündigten die gute Nachricht von Gottes Liebe für alle – auch für die, die keine Chance mehr hatten, die Verachteten am Ende des gesellschaftlichen Rankings.“ Brandes’ Augen leuchten beim Erzählen, das missionarische Anliegen und der Einsatz für Hilfesuchende ist bis heute seine Leidenschaft.

Mit Gott im „Happy Hospital“

„Angst, meinen eigenen Glauben zu bezeugen, hatte ich nie,“ sagt der inzwischen weißhaarige, sehr große, schlanke Ehemann und Vater von zwei Kindern. Sein Vorbild war David Wilkerson, Autor des Bestsellers „Das Kreuz und die Messerhelden“: In dem Buch beschreibt Wilkerson, ein Pfarrer aus den Südstaaten der USA, wie er nach New York City zog, um mit Drogenabhängigen zu arbeiten. Daraus erwuchs schließlich eine große christliche Bewegung, Teen Challenge, von der es heute rund 400 Einrichtungen in aller Welt gibt. Dieses Buch war es auch, das Brandes quasi eine Assistenzstelle verschaffte zu einer Zeit, als es wegen der damaligen Ärzteschwemme gar nicht so leicht war. „Ich stellte mich in einem Haus vor, in dem ich schon als Krankenpflegeschüler gearbeitet hatte. Eine Oberschwester, der ich ,Das Kreuz und die Messerhelden‘ geschenkt hatte, erinnerte sich an mich und legte das Buch dem urologischen Chefarzt auf den Schreibtisch. Beim Bewerbungsgespräch wollte er etwas über meinen Glauben und mein gemeindliches Engagement wissen. Ich werde nie vergessen wie er sagte: ‚Aufgrund Ihrer Anamnese‘ – damit meinte er meinen christlichen Ursprung – versuche ich es mit Ihnen!‘“

Die Urologie gefiel Brandes dann ausgesprochen gut: „Die Atmosphäre ist weitgehend besser als in der Chirurgie, wo immer viel Unruhe durch die ganzen Unwägbarkeiten und Notfälle herrscht. In der Urologie ist vieles einfacher planbar und somit entspannter. Ich sage immer ,Happy Hospital‘ dazu, da wir die Krebskranken unseres Fachgebietes meist gut behandeln können – das macht was Positives mit der Atmosphäre“, schwärmt er. Mindestens genauso passioniert ist Brandes im Hinblick auf seinen christlichen Glauben. Er hat das Bedürfnis, seine Patienten nicht nur schulmedizinisch zu heilen, sondern sie „dem Heil Gottes“ nahezubringen. Deshalb veranstaltet Brandes vierzehntägig einen Patientenkreis in seiner Praxis, mit biblischem Impuls, Austausch und Gebet. Auch Atheisten seien schon gekommen und hätten sich für ein Leben mit Gott geöffnet. So etwa Manfred Hässner, Lehrer und Jazzmusiker, kein Kind von Traurigkeit, der mit 58 Jahren wegen eines Blasentumors in die Behandlung kommt. Als er das Kreuz im Sprechzimmer sieht, ist seine erste Reaktion: „Ach, er kann ja trotzdem ein guter Arzt sein!“ Durch viele Gespräche mit Brandes entwickelte sich bei dem „Alt-68-er-Freestyler“, wie er von sich sagt, ein großes Interesse am Glauben. „Ich rate solchen Patienten, drei Bücher der Bibel komplett zu lesen“, sagt Brandes: „Das Lukasevangelium, um Jesu Leben und Wirken kennenzulernen, dann die Apostelgeschichte – ein Krimi, der den Weg der Urchristenheit beschreibt –, und schließlich den 1. Johannesbrief – ein Brief des alten Apostels Johannes voller väterlicher Liebe.“ Hässner kam immer wieder zum Patientenkreis, obwohl sein eigener Sohn ihn belächelte nach dem Motto: „Jetzt greift mein Alter nach dem letzten Strohhalm!“ Für ihn passierte dann als 61-Jähriger eine „Sensation“, so schildert er es selber: „Ich konnte meine Liebste, mit der ich schon viele Jahre verheiratet war, von einer kirchlichen Heirat überzeugen.“

Am richtigen Platz

Volker Brandes erzählt begeistert von vielen Menschen, die er begleiten durfte: „Eine Dame, ziemlich miesepetrig gestimmt, kam in den Patientengottesdienst und nahm dann wider Erwarten das Segnungsgebet in Anspruch. Im Anschluss  ging sie auf meine Sprechstundenhilfe zu und rief: ‚Gott war da! Haben Sie das auch gemerkt?‘ – Ich habe viele Agnostiker und Muslime unter meinen Patienten – Billstedt ist ein Stadtteil, der zu den ärmsten von Hamburg gehört, mit hohem Ausländeranteil. Es gibt vier Moscheen in der Umgebung, eine  Kirche wurde abgerissen, die andere verkauft. Früher habe ich mir öfter mal überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, – aus Einkommensgründen – eine Praxis woanders aufzumachen. Aber ich glaube, Gott will mich genau hier.“

„Der Kuss auf das Unansehnliche, das die Welt nicht mehr mag: Das Alte, Schwache, Kranke – das bedeutet Christsein.“

Vor einigen Jahren sprach Brandes den örtlichen Pfarrer an, ob er bereit wäre, seine Kirche für einen ökumenischen Patientengottesdienst zu öffnen – das war an einem Donnerstagabend 2008. Ein paar Ärzte des Vereins „Christen im Gesundheitswesen“ (CiG) hatten ihre Patienten eingeladen – und dann kamen 60 Leute! „Wir dachten, wir träumen! Es gab eine Ansprache, Musik, Berichte von Patienten, wie ihnen Medizin und Glaube geholfen hatten, und danach das Angebot, Segnung und Krankensalbung zu empfangen. Die Leute strömten nur so zum Gebet. Einen so großen geistlichen Hunger hätten wir bei unseren Patienten nicht  erwartet. Ab dem Zeitpunkt bildeten wir ein größeres Segnungsteam mit Seelsorgern diverser Kirchengemeinden – 2011 im Hamburger Michel waren wir 30 Leute, die Patienten auf ihren Wunsch hin persönlich segneten. Die Patientengottesdienste werden immer beliebter – beim Kirchentag 2013 feierten wir im katholischen St. Marien-Dom, denn wir legen bei CiG sehr großen Wert auf eine konfessionsverbindende Arbeit.“

Liebe als Credo

Volker Brandes hat folgendes Credo: „Menschen nicht mit noch mehr Lasten beschweren, sondern sie zur Quelle der Liebe bringen, zu  Gott selbst – dann wächst der Glaube von allein. Der Widerspruch verschwindet, denn jeder möchte schließlich Liebe erfahren.“ Der Urologe glaubt, dass die Begegnung mit Christus in der Begegnung mit dem ärmsten, schwächsten, kränksten, traurigsten Menschen stattfindet. „Das möchte ich mehr und mehr umsetzen in meinem Leben. Mein Traum ist es, dass Menschen hier sitzen und berührt werden von Gottes Liebe. Uns sagte eine Frau, die viel Druck, Kontrolle und Furcht im Zusammenhang mit Kirche erlebt hat: ‚Wenn ich das gewusst hätte, dass Gott auch mich liebt und Gutes für mich will, dann wäre ich viel früher zur Vertiefung meines Glaubens gekommen.‘“

Das Licht Gottes kommt nicht in einer Hochglanz-Geschichte zu den Menschen, ist Brandes überzeugt, sondern viel einfacher und stiller: „Ich denke an Mutter Teresa, die ihre Berufung so gehört hat: ‚I thirst!‘, und sie hat sofort gespürt, dass sie den Menschen zu trinken und zu essen geben muss.“ So wie auch Papst Franziskus den kleinen Jungen nicht wegstößt, der ihm an der Sutane hängt, sondern seinen Kopf streichelt: „Und den Morbus-Recklinghausen-Kopf eines Mannes, der total entstellt ist, den küsst er. Der Kuss auf das Unansehnliche, das die Welt nicht mehr mag: Das Alte, Schwache, Kranke – das bedeutet Christsein, weil Christus uns diesen Kuss gab.“