Du bist keine Insel

Ratgeber

1623, vor genau 400 Jahren, schrieb der englische Schriftsteller und anglikanische Priester John Donne ein kurzes Gedicht mit dem Namen Meditations XVII. Es beginnt mit einem Satz, der Philipp Rüsch seit Jahren begleitet: „No man is an island, entire of itself – Kein Mensch ist eine Insel, in sich ein Ganzes“. Seine Bedeutung erklärt er hier.

John Donne schrieb dieses Gedicht in einem kalten Dezember, als er schwer krank ans Bett gefesselt war. Dieser Satz geht mir schon seit vielen Jahren immer wieder durch den Kopf, besonders in Momenten, in denen ich mich am liebsten in mein Schneckenhaus verkrümeln und keinen Menschen sehen will. So wie im vergangenen Dezember, als ich mit Grippe im Bett lag. Umso erstaunlicher diese Weisheit von John Donne, der sie in solch einer Notlage verfasste.

Daraus schöpfe ich Kraft

Egal ob wir extrovertiert, introvertiert oder ambivertiert sind, wir brauchen andere Menschen in unserem Leben. Wir brauchen Menschen, an denen wir uns orientieren, denen wir helfen, von denen wir Hilfe empfangen, mit denen wir Konflikte austragen und von denen wir lernen. Wie langweilig wäre ein Leben komplett ohne Andere. Ich gebe zu, für mich als introvertierten Menschen hat der Gedanke an Alleinsein etwas Attraktives. Immerhin suche ich jeden Tag Momente der Einsamkeit und Stille. Daraus schöpfe ich Kraft, inneren Frieden und Inspiration. Aber ein Leben als Eremit kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube sogar, dass wir ohne uns nahestehende Personen in unserem Leben unser Potential nicht vollständig entfalten und unsere Berufung nicht finden und leben können. Denn je weniger Menschen uns nahestehen, desto eher drehen wir uns nur um uns selbst. Die Anziehungskraft, die Freunde, Familie und Kollegen ausstrahlen, hilft uns, unseren Blick und unsere Gedanken aus ihrer selbstzentrierten Bahn zu lösen. Oft sehen wir neue Lösungen und Auswege erst im Gespräch. Und ob ein Gedanke wirklich wahr und weise ist, merken wir erst, wenn er unseren Mund verlassen hat.

„Je weniger Menschen uns nahestehen, desto eher drehen wir uns nur um uns selbst.“

Wenn mal eine Säule schwankt

Gerade in Zeiten der Unruhe geben uns Freundschaften Stabilität. Besonders wenn wir Unsicherheit spüren und sich das Leben schneller verändert, als uns lieb ist, brauchen wir etwas Fixes, das uns Halt gibt. Das kann unsere Partnerin sein, unsere Eltern, unser Glaube, unsere Werte. Und eben gute Freunde. Oftmals sind solche Freundschaften schon länger in unserem Leben als unsere Partner und sie werden auch noch da sein, wenn es unsere Eltern nicht mehr sind. Freundschaften, die uns über Jahrzehnte durch verschiedenste Lebensphasen hindurch begleiten, sind Gold wert. Daher schmerzt es auch so sehr, wenn Freundschaften zerbrechen oder verschwinden. Ein resilientes, also widerstandsfähiges Leben steht auf vielen verschiedenen stabilen Säulen. Dadurch kommt nicht das ganze Leben aus dem Gleichgewicht, wenn mal eine Säule schwankt. Diese Pfeiler sind beispielsweise eine versöhnte Vergangenheit und ein realistischer Optimismus, aber auch seine Gaben zu kennen und und mit ihnen zu etwas Größerem beizutragen. Eine Säule eines starken Lebens sind gesunde Beziehungen. In der Resilienzentwicklung sagen wir, dass mindestens drei dieser sechs Beziehungsbereicheausreichend abgedeckt sein sollten: Partnerschaft oder verpflichtende Freundschaften, Familie, vertrauenswürdige Kollegen, Seelsorge oder Beratung, ein Mentor sowie ein Mentee oder jemand, in den man selbst investiert.

Nichts ist selbstverständlich

Wie alle Kompetenzen, die eine ganzheitliche Resilienz formen, kann man auch Beziehungskompetenzen lernen. Das beginnt bei Menschen wie bei Tieren von Kindesbeinen an. Nur ist es mit den Dingen, die wir von klein auf lernen, manchmal so, dass wir denken, wir beherrschten diese Kompetenzen nun. Das ist zuweilen eine Fehleinschätzung. Beziehungen aufzubauen und zu leben, kann man in jeder Lebensphase üben. Für Freundschaften gilt, wie für alle anderen Beziehungen auch: Werde und sei so, wie du es dir von anderen erhoffst. Oder: Sei der Freund, den du dir wünschst. Freundschaften sind nichts Selbstverständliches. Das zeigt die Schaffung von Einsamkeitsministerien in England und Japan, die sich der wachsenden Zahl einsamer Menschen widmen. Freundschaften können überall dort entstehen, wo wir mit anderen zusammentreffen und Zeit verbringen, auf der Arbeit, im Verein, in der Schule, natürlich auch im Internet. Gemeinsame Interessen sind gute Grundlagen, und wenn es klickt, man sich gut versteht, dann ist die Basis gelegt.

„Eine Beziehung, für die wir uns verbiegen müssen, wird langfristig nicht tragen.“

Erstens, zweitens, drittens

Drei Verhaltensweisen helfen uns, eine Freundschaft aufzubauen oder zu vertiefen: Sei erstens proaktiv und warte nicht passiv darauf, dass die andere Person sich meldet. Zeige dann zweitens Interesse, stelle gute Fragen und höre aufmerksam zu. Und drittens: Zeige Wertschätzung. Mit positiven, interessierten und (pro)aktiven Menschen ist man gerne befreundet. Für dieses Verhalten müssen wir nicht unsere Persönlichkeit umkrempeln, sondern können anderen authentisch begegnen. Das ist wichtig. Eine Beziehung, für die wir uns verbiegen müssen, wird langfristig nicht tragen. Freundschaften sind nicht kostenlos. Und damit meine ich nicht die kleinen Aufmerksamkeiten und nicht die Zeit, die wir investieren. Ein guter Freund zu sein bedeutet, auch in Krisen füreinander da zu sein und die Bürden des Lebens zu teilen und mitzutragen. Gute Freunde teilen nicht nur die Sonnenseiten des Lebens. Gerade die dunklen Zeiten sind der Lackmustest für jede Freundschaft. Im Stich gelassen zu werden, ist ein schwerer Vertrauensverlust, der nur mühsam wieder gekittet wird.

Ich bin einfach dankbar

Als junger Mann mit Anfang 20 war ich stolz auf meine Unabhängigkeit und hatte das naive Gefühl, keine anderen Menschen zu brauchen. Gott sei Dank hatte ich geduldige Personen um mich herum, die mich liebevoll eines Besseren belehrt haben. Heutzutage bin ich unglaublich dankbar für gute Beziehungen, die mir helfen, als Person und in meinem Charakter zu wachsen, etwas, das allein viel schwieriger ist. Vor 15 Jahren war mir der Film Into the Wild, der die Geschichte eines abenteuerlichen Einzelgängers erzählt, ein Ideal. Heute meditiere ich lieber über ein 400 Jahre altes Gedicht über Menschen und Inseln und finde Halt im Gegenüber.

Philipp Rüsch lebt mit seiner Frau und Tochter in der Nähe von Zürich. Mit Begeisterung entwickelt er Leiter und Teams bei Trans World Radio (TWR), und ist Trainer und Berater bei xpand Schweiz. Er wünscht sich, dass seine alten Freunde näher wohnen würden, und investiert gerne in neue. 

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