Jemand zu sein, steht ganz am Anfang

Essay

Die erste Frage ist wohl die: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich aus, wozu bin ich da, wann tue ich was und vor allem, warum? Harald Erbe stellt sich dem zunächst mal ganz persönlich, nur für sich, nur zum Verstehen. Und dann nimmt er andere mit. Männer. Redet mit ihnen, denkt laut nach, isst und trinkt mit ihnen – und kommt zu dem Schluss: wir müssen begreifen, wer wir sind.

Ich mag es leicht, einfach und unkompliziert. Ich liebe es, wenn Dinge funktionieren; ohne große Mühe und Anstrengung und wenn ich mit viel Leichtigkeit durch meinen Alltag komme. Und es gibt sie, diese Momente, diese Tage, ja manchmal sogar Wochen. Alles gelingt mir, alles scheint zu klappen und Gott ist auf meiner Seite. Komme, wer und was da wolle; mit Gott an meiner Seite bin ich doch unschlagbar. Es gibt aber eben auch die anderen Momente. Tage und vielleicht sogar längere Phasen. Es zieht sich alles so schwer hin. Das meiste spielt sich dabei in meinem Kopf ab. Nichts gelingt mir. Alles zweifle ich an; am meisten mich selbst. Es sind diese Zeiten, wo das Leben mühsam ist: Mit all seinen Herausforderungen, lästigen Pflichten, Mühen, Sorgen und dem randgefülltem Lebensrucksack. Manchmal bin ich innerlich zerrissen, möchte es allen gleichzeitig rechtmachen und verliere mich dabei. Mein Blick aufs Wesentliche ist versperrt und zugebaut mit Pflichten und To-do´s. Ach ja, und dann bin ich ja auch noch Christ, möchte meinen Glauben leben, ein guter Ehemann, Vater, Chef, Nachbar, Freund und Ehrenamtler sein. Alles läuft parallel und überfordert mich komplett.

Alles nur Pflicht?

Dann halte ich inne, denke weiter als bis zum Feierabend, denke weiter als bis zum Wochenende oder dem nächsten Urlaub. Ich schaue auf das Große und Ganze und erschrecke mich. Beim Durchscannen meiner inneren To-do´s steht Gott irgendwo im Mittelfeld zwischen Getränke wegbringen, Gartenpflege, Fahrdienst und meinem Ehrenamt in der Gemeinde. Ich zucke ein bisschen; ist denn Gott auch nur so eine Aufgabe, die es abzuarbeiten gilt, die ich auf keinen Fall vergessen darf, um am Ende des Tages einen Haken dahinter zu setzen? Ist mein Glaube auch so ein Bereich, in dem ich funktionieren muss und unterscheidet sich gar nicht wesentlich von meinen anderen Themen und Pflichten?

Ich werde nachdenklich und schau erst nach oben und richte dann meinen Blick nach innen. Doch, da ist er: Er, mein Zufluchtsort. Er, meine sichere Burg. Er, mein Halt. Er, mein Versorger. Er, Mein Anfeuerer. Er, mein Vater. Und ich? Ich bin sein Kind. Ja, genau, sein Kind. Ich muss es mir nochmal sagen: Ich bin sein Kind und er mein liebender Vater. Und, wie zur Bestätigung, meine ich diese sanfte Stimme zu hören, die mich liebevoll daran erinnert: Du bist mein Kind – nicht mein Angestellter.

„Ist mein Glaube auch so ein Bereich, in dem ich funktionieren muss?“

Wer bin ich?

Wodurch lebt mein Glaube? Dadurch, dass ich etwas tue, oder mehr durch das, was ich bin? Mich im Sein zu sonnen klingt so passiv und irgendwie auch falsch, ist das nicht undankbar und eigennützig? Aber die Ärmel hochzukrempeln und die Welt da draußen retten zu wollen, kann es doch auch nicht sein. Etwas tun, um Glauben erlebbar zu machen? Da schwingt so viel „Erfolgsdruck“ mit und den habe ich doch schon bei den anderen Themen meiner inneren Liste genug.

Da ist so unheimlich viel Gutes, so viel Segen, so ein dickes Pfund, Talent im biblischen und Talent im rein menschlichen Sinn. Ich spüre, dass mein Antrieb nicht in erster Linie Gehorsam und Pflichterfüllung ist, sondern Dankbarkeit. Ja, das trifft es wohl am besten: Dankbarkeit! Dankbarkeit für das, was Gott mir geschenkt hat. Und das ist natürlich in erster Linie das Geschenk der Sohnschaft. Ich bin sein Kind. Das ändert zunächst den Status meiner Identität. Und dann hat Gott mir als seinem Kind auch persönliche, individuelle Gaben, Talente, Ideen und offene Türen geschenkt. Und genau diese möchte ich nutzen. Ich möchte meinen Glauben so leben, dass es meinen ganz persönlichen Gaben entspricht und ich dabei hundert Prozent ich selbst sein darf. Ich möchte nicht austauschbar sein. Ist es nicht genau das, was wohlwollende Eltern ihren Kindern und Teenagern mitgeben? Sei du selbst, alle anderen gibt es schon!

Was tue ich?

Klingt das zu flach oder abgedroschen? Doch eher nach Selbstverwirklichung als gelebtem Glauben? Nein, es bleibt dabei: Es ist diese tiefe Dankbarkeit und angelegte Sehnsucht nach Gott und seinem Geist in mir. So mache ich mich auf den Weg, um Dinge zu tun, die mir Gott aufs oder ins Herz gelegt hat. Ich schaffe einen Ort auf meinem Betriebshof, auf dem Männerabende stattfinden. Ich nenne diesen Ort „Haltestelle für Männer“. Und dieser Ort soll genau das bieten: Platz zum Anhalten, Innehalten und zum „Sein dürfen“. Hier muss man(n) nicht funktionieren und Leistung bringen. Hier treffe ich andere Männer, die entweder auch mit Gott unterwegs sind, oder die einfach nur die großen Lebensfragen zulassen. Auch ohne Grund ist jeder herzlich willkommen. Bei kaltem Getränk und heißer Wurst reden wir über Gott und 
die Welt.

Mittendrin ein kurzer Gedanke über Männerthemen. Ganz kurz und ganz einfach. Dann verbringen wir den Rest des Abends am Feuer zwischen Baumaschinen, Pflastersteinen und Werkzeugen. Eben mitten im Leben, zwischen all den To-do´s halten wir an. Und ganz nebenbei baut Gott hier selbst sein gutes Reich. Ein Reich, das mitten unter uns ist und sich doch komplett unterscheidet von dem, was da draußen, außerhalb des Betriebshofs, gerade passiert. Ich freue mich über Männer, die plötzlich Gott anders erleben, als ihre eigene Vorstellung bis dahin war. Ich erlebe, wie Männer über Verletzungen und Themen reden, über die man(n) doch sonst nicht spricht. Ich erlebe meinen Gott und meinen Glauben.

Für Männer, die sich mehr wünschen als einen Haltestelleabend einmal im Monat, biete ich dann gemeinsam mit einem Freund Männerwochenenden an. Wochenenden ohne To-do-Listen, ohne Zerriss, allen gerecht zu werden, und in toller Umgebung. Aber vor allen Dingen ein Ort, an dem Männer diesem Gott begegnen können. Ich stelle fest: Den Wunsch „sein zu dürfen“, nicht funktionieren zu müssen, den kennt so ziemlich jeder, der ehrlich zu sich selbst ist.