Dankbar für mein Leben

Persönlich

Glück. Hoffnung. Dienst. Schmerz. Tod. Und Trauer. Damit lässt sich das Leben von Reinhild Lubbe ganz gut beschreiben, jedenfalls ein Teil davon. Denn bei der Trauer hört es nicht auf. Durch sie hindurch leuchtet neues Hell, wirft Strahlen durch den Nebel und vertreibt die Hoffnungslosigkeit. Sie entdeckt: Der Glaube hält, und ich bin dankbar für mein Leben!

Ich bin schon recht lange mit Gott unterwegs. Dabei habe ich Höhen und Tiefen im Glauben erlebt, und meine persönliche Beziehung zu ihm ist mir mit der Zeit immer wichtiger, bedeutender geworden. Wohl auch deshalb, weil sie zunächst nicht sehr persönlich war. Ich bin in einem sehr katholisch geprägten Elternhaus aufgewachsen und habe alles brav mitgetragen, mich angepasst, nannte mich Christ. Meinem Mann Bernd ging es ganz ähnlich, allerdings in einer evangelisch geprägten Familie. Irgendwann war das, was wir da hatten, aber zu wenig. Zu leblos. Das Wort Gottes kannten wir wohl, aber eben nur so gut oder schlecht wie unser unzureichendes Schulenglisch. Also machten wir uns auf die Suche und Gott ließ dabei christliche Motoradfahrer unseren Weg kreuzen. Die lebten ihre Beziehung zu Gott so unglaublich anders, so, als würden sie ihn tatsächlich kennen und als wäre er ganz normaler Teil ihres Alltags. Davon angesteckt lasen Bernd und ich viel in der Bibel; das veränderte unser Leben enorm; Gott wurde immer mehr zum Mittelpunkt. 

Mehr als Routine

Und wie lebe ich nun tagein, tagaus mit diesem Gott? Mein erstes Ritual beginnt gleich morgens nach dem Aufwachen noch im Bett, und ich danke ihm für die Nacht. Nach dem Aufstehen koche ich mir eine Kanne Tee, und während der zieht, bringe ich meine Familie und meine Freunde vor Gott. Dabei denke ich besonders an deren momentane Lebenssituation und bitte Gott, sie zu segnen. Ist der Tee dann fertig, gieße ich mir eine Tasse ein, nehme meine Bibel und die ökumenische Bibelauslegung „Mit der Bibel durch das Jahr“ zur Hand und beginne mit einem Morgengebet. Dann lese ich den Bibeltext des entsprechenden Tages, die dazu gehörige Auslegung und mache mir so meine Gedanken dazu. Den Satz, der mich dabei besonders anspricht oder auch besonders herausfordert, betrachte ich noch eine Weile. Abschließend bete ich: „Herr, in deine Hände lege ich meinen Weg, begleite mich. Herr, in deine Hände lege ich meine Zeit, erbarme dich. Herr, in deine Hände lege ich meine Angst, erhöre mich. Herr, in deine Hände lege ich mein Herz, erfülle mich. Herr, in deine Hände lege ich meinen Schmerz, erlöse mich. Herr, in deine Hände lege ich meinen Geist, erwecke mich. Herr, in deine Hände lege ich meinen Dank, ich glaube an dich.“

So starte ich gestärkt durch und mit Gottes Wort in den Tag! Selbst im Urlaub gehört das zu meiner Routine; vergesse ich einmal diese Treffen und Zwiesprache mit Gott, fühle ich mich tagsüber seltsam verloren, irgendwie traurig und bedrückt. Im Laufe des Tages kommen mir immer wieder kurze Gedanken in den Kopf. Sie blitzen kurz auf und entfalten dabei große Kraft und Bedeutung: „Danke, Gott“, „Gott, hilf mir jetzt“, „nein, Gott, ich will das nicht“, „ich schaffe das nicht, Gott“, „Gott, das ist ja nochmal gut gegangen“, „Gott, jetzt bist du dran“ oder „Gott, ich hab´ Mist gemacht“. Manchmal ist da auch nur ein zaghaftes „Gott, wo bist du?“ oder „Muss das jetzt sein?“ Auf diese Weise ist Gott mir immer präsent und ich bin mit ihm im Austausch. Ich sage ihm, was ich denke, und warte, wie er reagiert. In den allerkleinsten alltäglichen Begebenheiten genauso wie in großen Lebensentscheidungen. Abends dann nehme ich mir noch einmal Zeit, meinen Tag zu reflektieren und beschließe ihn mit einem Gebet.

„Ich sage ihm, was ich denke, und warte, wie er reagiert. In den allerkleinsten alltäglichen Begebenheiten genauso wie in großen Lebensentscheidungen.“

Nicht nur Sonnenschein

Das hört sich jetzt vielleicht so an, als wäre immer alles ideal und passend, aber so ist es natürlich nicht. Oft bin ich ängstlich und zweifle daran, dass Gott es gut mit mir meint. Die Worte „dein Wille geschehe“ fordern mich immer wieder heraus. Dann werde ich mutlos, habe Angst vor seinem Willen, lege meine Beziehung zu Gott auf Eis und verstecke mich. Aber verstecken funktioniert nicht so gut; Gott schickt mir immer wieder Menschen in den Weg, die mir durch ihr Vorbild, ein gutes Wort oder eine freundliche Zuwendung zeigen, dass seine Liebe siegt. Dann mache ich mich neu auf, verlasse mein Versteck und gehe weiter.

Eine besonders große Herausforderung in meiner Beziehung zu Gott war die Zeit, als mein Mann an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte und innerhalb von dreieinhalb Monaten verstarb. Ich konnte einfach nicht begreifen, wie Gott diesen fleißigen „Arbeiter in seinem Reich“ so früh zu sich holen musste. Bernd war doch voller Ideen für seinen Einsatz, auch nach der schlimmen Diagnose gab er nicht auf. Wie viele Menschen haben doch für seine Heilung gebetet! Aber wir sahen nur, wie er mehr und mehr in sich zusammenfiel. In dieser Zeit fühlte ich mich total verloren und mit dem Beten hatte ich große Schwierigkeiten. Ehrlich, ich war am Ende – Gott aber noch nicht! Ich wurde von vielen Menschen getragen, durch Gebete, Besuche und zubereitete Mahlzeiten, die sie uns vorbeibrachten. Da war es schwer, mich allein zu fühlen, und irgendwann stellte ich fest, dass Gott uns die ganze Zeit während der Krankheit begleitet hatte. Nur eben anders, als ich dachte, dass er es tun sollte. Wir hatten alles, noch ehe wir es brauchten. Die Ärzte waren uns sehr zugewandt und hilfsbereit. Der palliative Dienst war immer zur Stelle. Freunde feierten mit uns Abendmahl in unserem Garten und Bernd konnte sich von der ganzen Familie verabschieden.

Sehr persönlich

Das ändert zwar nichts an der Tatsache, dass mein Mann gestorben ist; dennoch begann ich durch so viel Liebe und Zuwendung angerührt wieder in der Bibel zu lesen, kam zurück in Kontakt mit Gott und vielen Menschen, die es gut mit mir meinen. Menschen, die mein Leben bunt und vielfältig machen. Um meinen Glauben leben zu können brauche ich diese persönlichen Begegnungen mit Christen, die Gemeinschaft mit ihnen. Mehr aber noch als dies brauche ich die spürbare Gemeinschaft mit Jesus. Sie lässt meine Tage leichter werden, er ist mein Rückhalt. Und das ganz besonders in den schweren Zeiten.

Ich bin dankbar für mein Leben. Für meine Beziehung zu Gott, für meine Familie, für meine Gesundheit, für mein soziales Netzwerk und für meine Kirchengemeinde. Das regelmäßige Lesen und Hören des Evangeliums hilft mir sehr, das Wort Gottes immer besser zu verstehen, es gibt mir Halt und ist die Grundlage für meinen Alltag. Auch, wenn das Leben unerwartete Wendungen nimmt und meine Planung über den Haufen wirft, bin ich von ganzem Herzen überzeugt: Gott verlässt mich nicht!