Bitte recht freundlich
Kolumne
Es gibt Menschen, die man besonders gern um sich herum hat, meint Doris Schulte. Menschen, die nicht immer meckern und kritisieren. Menschen, die nicht ständig über Mangel klagen, sondern die zufrieden sind. Die aufrichtig hinschauen und andere anerkennen. Und sie meint auch, etwas mehr Freundlichkeit stünde wohl uns allen gut.
Vor einigen Jahren zierte ein interessanter Artikel mit dem Titel „David gegen Goliath“ die Titelseite der Rhein-Zeitung. Es ging um einen Mann, der wegen einer Reihe von Vergehen eine mehrjährige Freiheitsstrafe verbüßen musste. Währenddessen arbeitete sich seine kluge Frau, die viele Jahre für einen Rechtsanwalt tätig gewesen war, durch zahlreiche Bücher über das deutsche Rechtssystem. Dabei stellte sie fest, dass ihr Mann nur deshalb im Gefängnis saß, weil ihm auch bereits verjährte Vergehen angerechnet worden waren. Um die lange Geschichte kurz zu machen: Weil die Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe in seinem Fall gesetzeswidrig war, gewann diese Frau zwei Verfassungsbeschwerden und erreichte schließlich die Freilassung ihres Mannes. Heute leben die beiden in einem anderen Dorf und haben ein neues Leben begonnen.
Wertschätzung
Ich wünschte, wir Christen würden uns davon etwas abschauen: mit geklärtem und längst vergangenem Fehlverhalten abschließen, einen Schlussstrich ziehen und gemeinsam neu anfangen. Ich bin überzeugt, dass Gottes Wirken durch seinen Heiligen Geist genau darauf ausgerichtet ist. Wenn die Bibel davon spricht, dass Gott uns durch Jesus ein neues Leben schenken will, dann gehört dazu auch eine neue Sicht auf andere Menschen. Dieses neue Leben mit Jesus bedeutet neue Erfahrungen, ein neues Wahrnehmen und Einordnen von Menschen, ihnen eine neue Chance zu geben, neues Interesse aneinander zu entwickeln und einander mit neuer Liebe und Wertschätzung zu begegnen.
„Dieses neue Leben mit Jesus bedeutet auch ein neues Wahrnehmen und Einordnen von Menschen.“
Warmherzigkeit
Paulus ist für uns ein gutes Vorbild, wenn es darum geht, einen gesunden Umgang mit Menschen zu finden, die nicht vollkommen und fehlerlos sind – also mit uns allen. Er selbst hatte viele Enttäuschungen und Verletzungen erlebt und entschied sich dennoch immer wieder für die Freude – auch für die Freude an Menschen. Seine Briefe zeugen von einer wohltuenden Warmherzigkeit. Man spürt, dass er bewusst die guten Erinnerungen bewahrte. Er schwärmte regelrecht davon, was Gott bereits im Leben anderer Menschen getan hatte und noch immer tat. Paulus pflegte keine negativen Gefühle. Er machte Menschen keine Vorwürfe, hielt keinen Groll fest und wandte sich nicht von ihnen ab. Ungelöste Probleme hatte er mit Gott und, wo nötig, auch mit Menschen aufgearbeitet. Er bereinigte Konflikte, vergab, zog einen Schlussstrich und blickte nach vorne. Wie befreiend für alle Beteiligten! Er nahm nicht nur das Gute wahr, sondern sprach es auch aus und lobte das Positive. Er schenkte anderen seine Wertschätzung, weil er wusste, dass er dadurch nichts verliert. In seinem Brief an die Christen in Philippi (Philipper 1,3–11) schreibt er beispielsweise: „Jedes Gebet für euch erfüllt mich mit Dank und Freude … Gott weiß, wie sehr ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Jesus Christus in mir geweckt hat.“
Paulus ließ seine Wahrnehmung immer wieder von Gottes Willen prägen und korrigieren. Deshalb gab er Menschen grundsätzlich nicht auf. Er glaubte an Menschen, weil er selbst an einen Gott glaubte, dem nichts unmöglich ist. Er hoffte und erwartete Gutes von Gott – für sich selbst und für andere.
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