Begeistert und behutsam
Inspiration
Es ist schon ziemlich klasse, wenn Menschen vor Begeisterung strotzen! Jedenfalls dann, wenn sie es nicht übertreiben, und die Menschen rundherum damit nerven. Steffen Schulte meint, das gilt besonders auch für die, die das Evangelium verbreiten, und erteilt der oft genutzten Methode „der Herr hat sie in meine Hand gegeben“ eine klare Absage.
Evangelisation. Für manche Christen löst bereits allein das Wort Unbehagen aus. Es ist zu einem ungeschriebenen Gesetz geworden, dass man über Geld und Glauben nicht spricht. Das ist zu privat. Meinen viele. Und doch: Über Geld spricht man mittlerweile mehr und mehr, aber beim Glauben ist das nach wie vor eine ganz andere Sache. Und ist es nicht sowieso anmaßend, jemand anderem sagen zu wollen, was und wie er glauben soll? Oder am Ende sogar noch zu sagen, dass er falsch glaubt? Gleichzeitig fühlt man manchmal diesen Druck, doch evangelisieren zu müssen. Es geht ja um Gott, ums Leben, Rettung und Vergebung. Manche kennen vielleicht Sätze wie „Jeder Christ ein Evangelist“ oder „Jesus’ last words are our first priority“, zu Deutsch: „Jesu letzte Worte sind unsere erste Priorität“ – in Anspielung auf den Missionsbefehl in Matthäus 28.
Kein Wettbewerb
Was aber ist damit gemeint, wenn Jesus uns beauftragt, hinauszugehen und andere zu Jüngern zu machen? Manchmal denke ich, dass Evangelisation wie ein Wettkampf verstanden wird. Argument, Gegenargument. Aufschlag, Return. Irgendwann geht es nicht mehr um Jesus, sondern ums Rechthaben, und am Ende gibt es, wie im Sport, einen Gewinner und einen Verlierer. Dann verkommt Evangelisation zu einer Debatte, einem bloßen Schlagabtausch der Argumente. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger passt dieses Bild zu dem, um das es eigentlich geht. Evangelisation, also Menschen von der guten Nachricht über Jesus zu erzählen und zum Glauben einzuladen, ist ein Akt der Leidenschaft und der Begeisterung. Sicher bekommen wir in der Bibel den Auftrag, rauszugehen und zu verkünden. Aber wenn das nur aus Pflichtgefühl getan wird, geht es am Ziel vorbei.
Was passiert, wenn wir zum Beispiel ein besonders tolles Buch, ein romantisches Restaurant oder einen inspirierenden Film entdecken? Wir erzählen anderen davon. Wir schwärmen ganz natürlich von unserem Thermomix, der neuen Diät oder einem Fitnesstrend, der total hipp ist. Das, was uns begeistert, wollen wir mit anderen teilen. Es platzt fast aus uns heraus. Wir wollen Hilfreiches, Gutes und Schönes teilen. Das ist zutiefst menschlich und ganz normal. Und so stelle ich mir das auch mit der Evangelisation vor. Wir schwärmen von Gott, weil er uns begeistert! Wenn ich einem Menschen von meinem Glauben erzähle, will ich doch keine Debatte gewinnen. Ich lege auf den Tisch, was mir das Kostbarste ist, das ich habe, meine tiefsten Überzeugungen. Überzeugungen, die für mich so klar und so wahr sind, dass ich mein ganzes Leben darauf baue und danach handle. Überzeugungen, die mich mit Hoffnung füllen und mir helfen zu verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist, was gutes Leben ist und worauf es wirklich ankommt. Das sind aber keine Argumente, die ich vorbringe, das ist gelebte Wahrheit, die ich leidenschaftlich teile.
„Das sind aber keine Argumente, die ich vorbringe, das ist gelebte Wahrheit, die ich leidenschaftlich teile.“
Mit viel Sanftmut
Dallas Willard hat für diese Haltung einen schönen Ausdruck gefunden. Sein letztes Buch trägt den Titel The Allure of Gentleness – die Anziehungskraft der Sanftmut. Sein Punkt: Den Glauben zu „verteidigen“ heißt nicht, den anderen argumentativ zu überwältigen. Es heißt, ihm in der Art Jesu zu begegnen. Willard erinnert dabei an einen Vers, den wir oft nur zur Hälfte zitieren. Petrus schreibt: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ Da hören die meisten auf. Aber der Satz geht weiter: „… aber mit Sanftmut und Ehrfurcht“. 1. Petrus 3,15. Die Art der Überbringung des Zeugnisses gehört zum Inhalt dazu. Der bekannte kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan hat den Satz geprägt: „The medium is the message“, zu Deutsch: „Das Medium ist die Botschaft“. Diese knappe Formel will zum Ausdruck bringen, dass das „Wie“ unserer Kommunikation seine eigene Botschaft hat. Unsere Haltung sendet eine Nachricht. Und Sanftmut ist dabei keine Schwäche, sondern Stärke, die sich nicht beweisen muss.
Vertrauen und Teilhabe
Einer meiner Professoren, Darrell Johnson, hat dafür ein Bild verwendet, das ich liebe. Bevor er in einen Bus oder Bahn stieg, betete er jedes Mal: „Vater, mit welcher Person bist du gerade im Gespräch, zu dem du mich einladen willst?“ Was für eine befreiende und wunderschöne Perspektive! Ich muss Gott nicht zu den Menschen bringen. Er ist längst da. Er ist schon im Gespräch mit dem Menschen neben mir – lange bevor ich auftauche. Meine Aufgabe ist nicht, das Gespräch zu beginnen, sondern einzusteigen in das, was Gott schon angefangen hat. Das nimmt bei mir Druck heraus. Ich muss nicht überreden, nicht gewinnen, nicht das perfekte Argument parat haben. Ich darf neugierig fragen, wo Gott schon wirkt – und mich dazustellen. Ich nehme Teil an Gottes Wirken und wenn mein Gespräch mit der Person endet, geht dessen Gespräch mit Gott weiter. Wir sind eingeladen auf eine Entdeckungsreise. Eine Reise, die mitten im Alltag stattfindet. Und sie lebt von der bewussten, neugierigen Auseinandersetzung mit der Lebenswelt des anderen. Das heißt: mehr fragen, als sagen. Zuhören, bevor ich rede. Verstehen wollen, wie der andere die Welt sieht – nicht als Taktik, sondern aus echtem Interesse. Denn ich kann den Kern des Evangeliums nur dann treffend weitergeben, wenn ich weiß, wohinein ich ihn spreche. Und wo Gott gerade mit dieser Person im Gespräch ist.
„Vater, mit welcher Person bist du gerade im Gespräch, zu dem du mich einladen willst?“
Das Evangelium ist nicht die Ausbreitung einer bestimmten Kultur, einer Agenda oder eines Programms. Es kommt nicht in deutscher oder westlicher Verpackung. Im Gegenteil: Das Evangelium bestätigt jede Kultur in ihrem Guten – und kritisiert sie im Schlechten. Es feiert, was in einer Kultur schön, wahr und gerecht ist, als Spur des Schöpfers. Und es stellt infrage, was Menschen entwürdigt. Das gilt auch – und zuerst – für meine eigene Kultur und für mich. Das Evangelium ist nie einfach auf meiner Seite. Es richtet sich auch auf mich und fordert mich heraus. Das Evangelium ist eine Botschaft, die jede Kultur und Menschen heilen will, ohne sie auszulöschen. Gerade in der Vielfalt der Kulturen und Menschen können wir den Reichtum des Evangeliums entdecken. Missionare, die in fremde Kulturen gehen, berichten oft vom „reverse missionary effect“. Damit meinen sie die Erfahrung, dass sie dachten, sie wollten den Menschen dort etwas über Gott erklären, aber im Prozess selbst etwas Neues über Gott lernen – und meistens auch über sich selbst. Ich habe das Privileg, regelmäßig nach Indonesien reisen zu dürfen. Die Begegnungen mit den Menschen und Christen dort sind immer eine Bereicherung für meinen eigenen Glauben. Und auch dafür hat Willard die passenden Worte gefunden: „Unsere Haltung ist deshalb keine von ‚wir und die anderen‘, sondern ein ‚wir‘.“ Es ist ein Gespräch unter Menschen, die alle nach dem Leben suchen, das wirklich Leben ist.
„Wer die Form wahren will, wird den Inhalt verlieren. Wer den Inhalt erhalten will, muss die Form ändern. – Anton Schulte“
Etwas Kreativität, bitte
Damit sind wir bei der eigentlichen Kunst der Evangelisation. Sie besteht darin, zwei Punkte gleichzeitig zu treffen: den Text und den Kontext. Text, das ist der Kern des Evangeliums, der bleibt. Die gute Nachricht, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben ist. Dass er auferstanden ist. Und dass er die Macht von Sünde, Schuld und Scham durchbrochen hat. Kontext, das ist unser kultureller Ausdruck, die Sprache, die Bilder, die Formen, in denen wir ihn weitergeben und ausleben. Mein Großvater, der Evangelist Anton Schulte, hat das in einen Satz gefasst, den ich nie vergessen habe: „Wer die Form wahren will, wird den Inhalt verlieren. Wer den Inhalt erhalten will, muss die Form ändern.“
Das ist die kreative Spannung, in der Evangelisation immer steht. Klammern wir uns an die vertrauten Formen – die Sprache von gestern, die Melodien, die feststehenden Formeln –, dann bewahren wir vielleicht die Verpackung, aber der Inhalt kommt nicht mehr an. Wollen wir dagegen, dass der Kern lebendig bleibt, müssen wir bereit sein, die Form immer wieder neu zu suchen. Es ist ein Ausdruck meiner Nächstenliebe, dass ich versuche, jemanden so gut zu verstehen, dass ich ihm bestmöglich erklären kann, was mich an Gott so fasziniert und warum ich mir so sehr wünsche, dass er oder sie auch diese Erfahrung macht.
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