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Aufwachen und die Städte erreichen

Über Trends, die Christen nicht verschlafen sollten.

Dr. Rainer Schacke im Interview

Rainer, woran denkst du, wenn du an Städte denkst?

Rainer Schacke: Das hängt von der Stadt ab. Aber sicher an die bunte Vielfalt der Menschen dort. An interessante Orte, an Gebäude, Kultur, Kreativität, Trubel und Dynamik – aber auch an Stress, soziale Herausforderungen, an die Nöte und unerfüllten Sehnsüchte vieler Menschen. Und an Gottes Herz, das für jeden einzelnen dieser Menschen in der Stadt schlägt.

Du hast lange als Journalist gearbeitet, jetzt leitest du das Studienprogramm Urbane Mission am Theologischen Seminar Rheinland und das Stadtinstitut BIT in Berlin. Warum der Wechsel?

Rainer Schacke: Mir liegt sehr am Herzen, dass junge Menschen für den Dienst in Städten ausgebildet werden.
Ich bin in der Großstadt Berlin – damals in West-Berlin – als Student zum Glauben an Jesus Christus gekommen.
Ich habe schon damals auf meiner eigenen Sinnsuche erlebt, wie wenig Christen in der Vielfalt der Stimmen und Angebote in der Stadt vorkommen. Meine Frau und ich haben später über viele Jahre in dieser Stadt gelebt und gearbeitet. Parallel zu journalistischer Arbeit war ich immer in christlichen Projekten und Gemeinden aktiv, und wir haben gemerkt, dass Städte wirklich ganz eigene Herausforderungen mit sich bringen. Es braucht eine gute Vorbereitung, damit man hier wirklich „fruchtbar“ arbeiten kann, so dass Menschen nachhaltig geholfen und das Evangelium verstanden wird. Nach meiner Doktorarbeit, die sich mit Gottesdiensten und großstädtischen Milieus beschäftigt hat, konnten wir mit dem Missionswissenschaftler Alfred Meier am Theologischen Seminar Rheinland ein Studienangebot entwickeln, das die Städte in den Fokus nimmt. Es ist das erste dieser Art in Deutschland – mit berufsbegleitendem Unterricht in urbanen Kontexten. Hier können sich Christen aus- und weiterbilden lassen und lernen, die Dynamik der Städte besser zu verstehen.

Warum gerade urbane Mission – also christliche Dienste in den Städten. Ist auf dem Land nichts zu tun?

Rainer Schacke: Natürlich gibt es auch auf dem Land die Notwendigkeit, missionarisch und evangelistisch zu arbeiten. Aber drei von vier Menschen leben hierzulande in Städten. Und die Städte sind am wenigsten erreicht. Weltweit wächst die Stadtbevölkerung am stärksten, die Mehrheit der Welt ist nun mal urban. Wir vernachlässigen diese Ballungsräume und Knotenpunkte mit Milliarden von Menschen. Jesus hat uns „in alle Welt“ geschickt. Wer die Welt erreichen will, muss die Städte erreichen. Und dazu hilft eine gründliche Aus- und Weiterbildung.

Manche Leute sehen Städte eher negativ und meinen, das biblisch begründen zu können – Städte sind für sie eher ein Ausdruck einer von Gott abgefallenen Menschheit, Beispiel Sodom und Gomorra.

Rainer Schacke: Städte haben sicher auch Schattenseiten, aber die Bibel beschreibt Städte nicht negativer als den ländlichen Raum. Leben in Städten ist vielmehr Ausdruck der kulturellen Entwicklung der Menschheit. Die Bibel spricht immer wieder über Städte – allein 1250 mal wird das Wort Stadt erwähnt. Wir lesen im Alten Testament unter anderem davon, dass Gott selbst sich entschieden hat, in einer Stadt – Jerusalem – zu wohnen (2. Chronik 33,7). Und Gott ringt um alle Stadtbewohner – denken wir nur an den Propheten Jona und das Beispiel von Ninive. Das bewegt mich schon sehr, wenn Gott fragt: „Sollte mir diese große Stadt nicht leidtun, in der mehr als 120.000 Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können?“ Genauso verwirrend sieht es doch auch heute in den Städten aus.

„Christus würde den Menschen in der Stadt die Füße waschen und uns Christen vielleicht den Kopf.“

Ist das biblische Bild vom Paradies und auch unsere Vorstellung vom glücklichen, perfekten Leben nicht eher mit Natur und dem Garten Eden verbunden?

Rainer Schacke: Wie man’s nimmt. Sicher hat Natur etwas sehr Schönes, und Städte ohne Bäume, Blumen, Grünflächen und Parks sind unwirtliche Stadtmaschinen. Aber die Geschichte der Menschheit beginnt in einem Garten und endet in einer Stadt – dem himmlischen Jerusalem. Als Nachfolger Jesu sollten wir nicht nur fragen, wo wir selbst am liebsten wohnen würden, also, was unsere Vorstellung vom Glück ist, sondern wo Christus heute unterwegs ist und Menschen sucht. Wir sind seine Mitarbeiter. Christsein ohne Nachfolge geht nicht. Wir neigen dazu, uns in unseren eigenen Vorstellungen und Lebenswelten abzukapseln. So manch einer, der schließlich in der Stadt sehr engagiert in Gottes Sinne tätig war oder ist, ist übrigens auf dem Land aufgewachsen. Städte und ihre Menschen kann man lieben lernen. Und Glück ist da, wo wir mit Gott unterwegs sind.

Was genau kann man im Studienprogramm Urbane Mission studieren?

Rainer Schacke: Es geht darum, Gottes Sicht für die Stadt aus der Bibel kennenzulernen, aber auch die kulturellen und sozialen Aspekte des Lebens in der Stadt zu verstehen – die Entwicklung von Städten, die Beziehungsgeflechte und das soziale Leben in Städten, die unterschiedlichen Milieus der Menschen, Konzepte von Gemeindeentwicklung, sozialer und missionarischer Arbeit – und jede Menge Handwerkszeug für den Dienst in der Stadt zu entdecken. Dabei geht es uns einerseits um Absolventen von Bibelschulen, Theologischen Seminaren oder um Pastoren, Missionare oder diakonische Mitarbeiter. Das Studienprogramm richtet sich aber bewusst auch an Quereinsteiger und Menschen, die in unterschiedlichsten Berufen in der Stadt arbeiten wollen und gleichzeitig etwas mit Christus bewegen wollen. Und wir versuchen immer wieder, Theorie und Praxis zusammenzubringen, durch Projektbesuche, Exkursionen und Unterricht an den verschiedensten Orten, in Städten wie Berlin, Köln, Frankfurt oder Gießen – also kein Studium im Elfenbeinturm.

Was für einen Abschluss kann man im Studienprogramm Urbane Mission erwerben?

Rainer Schacke: Der erste Abschluss dieses Akademischen Aufbauprogramms ist das GBFE-Diplom, also ein Abschluss der Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa. Es wird von unserer Partnerhochschule als einem Bachelor Honours äquivalent gewertet. Dann kann die Masterarbeit an der Uni geschrieben werden, die von uns begleitet wird. Am Ende steht ein Master of Theology mit Schwerpunkt auf Urbaner Mission und Transformation (MTh).

Wie ist das Feedback der Studierenden?

Rainer Schacke: Wir hatten bisher sehr positive Rückmeldungen. Gleichzeitig lernen wir selbst mit den Studierenden und versuchen unsere Angebote immer neu zu justieren. Es ist immer wieder ein großes Abenteuer, mit Teilnehmern der Kurse in den Städten unterwegs zu sein. Und wenn Studierende einmal von der Thematik ergriffen worden sind, öffnen sich ihnen durch den ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz des Studiums viele Fenster, sie gewinnen Impulse und Perspektiven für den Dienst.

„Sonntagschristentum hat keine Zukunft, das lehrt uns das Leben in den Städten radikal.“

Du hast einmal gesagt, dass Städte auch Labore sind, in denen man Entwicklungen und Projekte wahrnehmen kann, die auch für den Rest der Gesellschaft relevant sind. Welche Trends sind das zum Beispiel?

Rainer Schacke: Urbanisierung, also die Ausbreitung städtischer Lebensweise weit über die Städte hinaus, ist allein schon so ein Trend. Durch die Vernetzung über die digitalen Medien sind wir alle verbunden, und was in Städten passiert und angesagt ist, verbreitet sich sofort bis in die entlegensten Gebiete im Land. Ganz wesentlich ist, dass wir in den Städten Menschen aus aller Herren Länder treffen. Migration im Zeitalter der Globalisierung ist so ein Megatrend, der uns Christen nicht egal sein sollte. Jesus hat uns bis an die „Enden der Erde“ geschickt. Jetzt kommen die „Enden der Erde“ zu uns. Wie gehen wir mit ihnen um? Sehen wir, dass Gott jeder einzelne Mensch aus einer anderen Kultur und Ethnie genauso wichtig ist wie wir? Was hat Gott vor mit diesen Strömen von Menschen? Wie gehen wir als Christen auf Menschen mit Migrationshintergrund zu? Wittern wir nur Bedrohung, oder entwickeln wir eine Willkommenskultur im Sinne des Evangeliums? Nehmen wir dankbar auf, was sie an Gutem mitbringen? Freuen wir uns über afrikanische, chinesische, koreanische oder ukrainische Geschwister in unserem Land, um nur mal einige Beispiele zu nennen, und arbeiten wir mit ihnen zusammen?

Welche Trends fallen dir noch ein?

Rainer Schacke: Wir erleben eine neue Offenheit für spirituelle Themen in den Städten. Viele Menschen, die eher postmodern geprägt sind, die sich ihren Sinn und ihre Religion selbst zusammenbauen, sind auch wieder offener für das Evangelium. Es liegt an uns, aus eingefahrenen Traditionen herauszukommen, unseren Glauben ganzheitlich zu leben und ihnen zu begegnen. Sonntagschristentum hat keine Zukunft, das lehrt uns das Leben in den Städten radikal. Aber echte Jesus-Nachfolge im Alltag, dicht dran an den Menschen, an Nachbarn, Mitschülern, Arbeitskollegen, Mitstudenten, Bekannten und Freunden bringt immer wieder wunderbare Möglichkeiten, das Evangelium zu vermitteln. Wir erleben in den Städten auch sehr, dass Menschen in dieser verwirrenden, sich rasend schnell bewegenden Welt nach Vergewisserung, nach Heimat, nach Beziehung und echten Werten suchen. Hier sind wir als Christen gefragt.

Wie sieht deine ideale Stadt aus?

Rainer Schacke: Das Ideal ist die von Gottes Schalom geprägte Stadt, wie sie uns im „neuen Jerusalem“ in der Offenbarung vor Augen gemalt wird. In dieser Zwischenzeit, wo wir die Werte und die Kraft des Reiches Gottes durch Jesus erfahren haben, wo sein Geist in dieser Welt schon aktiv ist, wünsche ich mir göttliche Veränderungen im Herzen von möglichst vielen einzelnen Menschen und, wo immer es möglich ist, auch eine Veränderung der Lebensbedingungen im Sinne Gottes in den Städten. Mir ist klar, dass das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist, und dass alle Veränderung nur vorläufig ist und auf das hinweist, was noch kommen wird, wenn Jesus eines Tages wiederkommen wird. Aber es lohnt sich, die Ärmel hochzukrempeln und von ihm zu lernen. Er würde die Füße der Menschen in den Städten waschen und uns Christen vielleicht den Kopf, weil wir den Dienst und die Möglichkeiten in den Städten verschlafen. Jeder von uns kann Hoffnungsstifter sein – egal ob in Berlin, Hamburg, Duisburg oder Kalkutta.

Herbst 2014