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Was Weihnachten nicht geschehen ist

von Hans-Georg Wünch

Im Internet findet sich die folgende Weihnachtsgeschichte : „Kurz bevor Maria und Josef Bethlehem erreicht hatten, setzten bei Maria die Wehen ein. Josef bemühte sich verzweifelt eine Unterkunft für die Nacht zu finden. Alle Herbergen waren jedoch voll belegt und sie wurden allerorten zurückgewiesen. Letztendlich fanden sie im Stall eines barmherzigen Mannes Unterschlupf. Im Stall standen ein Esel und ein Ochse, die Zeugen wurden, als Maria sich ins Stroh legte und das Kind auf die Welt brachte. Maria wickelte das Baby in Windeln und Josef bettete es in eine Futterkrippe, die er zuvor mit einem Polster aus Heu versehen hatte.“ Diese Geschichte ist eine von ganz vielen. Und die meisten von uns würden wahrscheinlich sagen, dass das doch alles richtig so ist. Manche haben vielleicht noch die Vorstellung, dass es damals geschneit haben muss. Schließlich gehört Schnee doch zu Weihnachten, oder? Aber ob Schnee oder nicht – Weihnachten, das weckt in uns irgendwie ganz bestimmte, wohlige Gefühle. Aber war das wirklich alles so? Steht das so in der Bibel? Was ist Weihnachten eigentlich wirklich geschehen? Und was ist nicht geschehen?

Diese Fragen sind auch die beiden Schritte, in denen wir uns dem Thema nähern wollen: 1. Was Weihnachten nicht geschehen ist, 2. Was Weihnachten wirklich geschehen ist. Kommen wir noch einmal zu unserer „Weihnachtsgeschichte“ zurück. Da sind also Maria und Josef, die nach Bethlehem reisen. Wieso eigentlich? Warum konnten sie nicht in Nazareth bleiben? Für eine Volkszählung muss man doch nicht umziehen, oder? Aber sagt nicht Lukas genau dies?
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.“ (Lk 2,1-5)

Es gab also eine Volkszählung, und zwar unter Quirinius. Diese „Volkszählung“ war Teil einer sich über mehrere Jahre hinziehenden Steuerschätzung, bei der es im Wesentlichen um den Grundbesitz der Menschen ging. Das war auch der Grund, warum Josef nach Bethlehem musste. Hier hatte Josef offensichtlich noch Besitz, einen Acker oder Weinberg oder etwas dergleichen. Solch einen Grundbesitz musste man in der jeweiligen Stadt registrieren lassen. Man musste also persönlich dorthin reisen. Und seine Frau Maria musste mit dort erscheinen, denn jeder musste sich persönlich registrieren lassen. Von einer nationalen Reisewelle, die das ganze Land überschwemmt hätte, kann also schon mal nicht die Rede sein. Ein Herrscher, der so etwas angeordnet hätte, hätte damit ja das gesamte Land und dessen Wirtschaft komplett stillgelegt, und das für mehrere Wochen oder Monate.

Kommen wir also jetzt – mit Maria und Josef – nach Bethlehem. Dort, so erzählen uns viele Weihnachtsgeschichten und noch mehr Vorführungen in Krippenspielen und dergleichen, dort ziehen sie von Tür zu Tür, von Herberge zu Herberge. Und überall werden sie abgewiesen. Vermutlich kann sich jeder von uns an jenen hartherzigen Wirt erinnern, der im Krippenspiel Maria und Josef sein „Nein, wir haben keinen Platz, alles ist voll“ entgegenschleudert. Aber es ist auch der Teil, der mit ziemlicher Sicherheit nicht so geschehen ist. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist, dass eine solche Vorstellung eines jungen Paares mit einer hochschwangeren Frau, die an der Tür abgewiesen wird, eine Vorstellung ist, die eigentlich nur jemand aus unserer westlichen Gesellschaft haben kann. Für einen Orientalen ist so etwas völlig unvorstellbar. Gastfreundschaft zählt noch heute im Orient zu den wichtigsten Regeln des Umgangs miteinander.

Und da stellen wir uns Maria und Josef vor, wie sie von Tür zu Tür gehen und überall abgewiesen werden? Und das, obwohl zumindest Josef dort in Bethlehem Grundbesitz und vermutlich auch noch Verwandte hatte? Aber hat er denn nicht sein Glück bei den Gasthäusern versucht, den Herbergen? Und wieder muss ich solche Vorstellungen enttäuschen. Gasthäuser in unserem Sinn, also Häuser, in denen man für Geld ein Zimmer für einen längeren Zeitraum mieten konnte, gab es damals überhaupt nicht. Reisende wurden überall aufgenommen. Schließlich galt das oberste Gebot der Gastfreundschaft, wie schon gesagt. Aber steht im Text nicht etwas von einer Herberge? Schauen wir uns den Bibeltext noch einmal genauer an: „Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ (Lk 2,6-7)

Zunächst einmal halten wir fest, dass die Bibel nichts vom Umherirren von Maria und Josef erzählt, nichts vom verzweifelten Suchen nach einer Unterkunft. „Als sie dort waren“ heißt es hier nur ganz kurz und knapp. Es wird nicht einmal gesagt, dass es kurz nach ihrer Ankunft gewesen sei. Vielleicht war es ja auch Tage später. Jedenfalls gebar Maria dort ihren ersten Sohn, Jesus. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe. Denn, so heißt es, „sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“.

Hier ist von einer „Herberge“ die Rede. Heißt das nicht doch, dass Maria und Josef in einem Gasthaus untergekommen waren? Nur, wie schon gesagt, Gasthäuser in unserem Sinn kannte man damals in Israel nicht. Es gab Häuser, in denen man unterwegs einkehren und etwas essen konnte, vielleicht auch mal eine Nacht oder zwei bleiben. In der Geschichte vom barmherzigen Samariter ist von so einem Haus die Rede. Dafür wird übrigens ein anderes griechisches Wort benutzt als das hier in unserem Text. Aber es gab keine „Hotels“ oder „Pensionen“. Nur an den großen Handelsstraßen gab es sogenannte „Karawansereien“, Häuser mit großen Innenhöfen und viel Platz für Tiere, damit durchziehende Karawanen dort für ein oder zwei Tage Rast machen konnten und die Besitzer in der Nähe ihrer Tiere und Handelswaren schlafen konnten. Allerdings gab es keine Karawanenstraße, die durch Bethlehem ging. Was also war die „Herberge“, von der hier die Rede ist? Das im griechischen Grundtext verwendete Wort kommt im Neuen Testament nur dreimal vor. Einmal hier und zweimal in der Geschichte des letzten Abendmahles. Sowohl in Markus 14,14 als auch in dem Bericht in Lukas 22,11 wird das Wort „Herberge“ verwendet im Blick auf den großen Raum, den die Jünger für das Passahmahl anfragen sollten. Sie sollten zu einem Hausherrn gehen und ihn fragen, wo die „Herberge“ sei, in der Jesus mit seinen Jüngern das Passahmahl feiern könnte. An diesen Stellen wird es natürlich nicht mit „Herberge“ übersetzt, sondern gewöhnlich einfach mit „Raum“. Die Elberfelder Übersetzung sagt richtiger „Gastzimmer“, denn genau das war es.

Die Häuser damals bestanden in der Regel aus einem einzigen großen Raum. Der vordere Teil des Raumes, wo auch die Tür war, lag etwas tiefer als der eigentliche Wohnraum. In dem vorderen Bereich waren nachts auch die Tiere untergebracht. Einen Stall im eigentlichen Sinne gab es im Regelfall nicht. Das wurde nur dann notwendig, wenn der Tierbesitz größer war. Aber dann, so berichtet uns die Weihnachtsgeschichte ja auch, wurden diese Tiere häufig in großen Hürden auf dem Feld von Hirten bewacht. Die meisten Menschen hatten ihre Tiere nachts bei sich im Haus. Das hatte zwei Vorteile: 1. Sie konnten nicht so leicht gestohlen werden und 2. trugen sie dazu bei, dass es warm war. Die Tiere waren also in dem vorderen, etwas tiefer liegenden Teil des Raumes untergebracht.

Auf dem etwas erhöhten Bereich des Raumes waren dann meistens in den Boden die Krippen für die Tiere eingelassen, sodass die Tiere von dem tiefer liegenden Bereich aus fressen konnten. In dem eigentlichen Bereich dieses Raumes spielte sich das ganze Leben der Familie ab. Hier wurde gegessen, gewohnt und geschlafen. So etwas wie getrennte Schlafzimmer, vielleicht sogar ein Schlafzimmer für jedes Kind, war für einen Orientalen unvorstellbar. Er hätte es auch als grausam empfunden, von seiner Familie getrennt sein zu müssen.

Wenn man etwas reicher war, dann gab es neben dem Wohnraum der Familie auf dem Dach oder als Nebenraum noch ein Gastzimmer. Wir lesen davon an mehreren Stellen im Alten Testament. Hier wurden die Kundschafter in Jericho versteckt und hier lebte Elia, als er bei der Witwe in Zarpath wohnte. Und später wohnte auch Petrus in einem solchen Raum, als er in Joppe war. Dieses Gastzimmer ist auch in der Weihnachtsgeschichte gemeint. Hier hatten Maria und Joseph keinen Platz. Sie waren offensichtlich von einer Familie in Bethlehem aufgenommen worden. Vermutlich waren es Verwandte von Josef oder Maria.
Dass sie „keinen Raum in der Herberge“ hatten, bedeutet daher wohl, dass der Gastraum schon durch andere Menschen belegt war und sie deshalb unten bei der Familie untergekommen waren, wo sie die Futterkrippe im vorderen Bereich des Hauses nutzen mussten, damit auch Jesus irgendwo schlafen konnte. Eines jedenfalls ist deutlich: Jesus kam in diese Welt und es war kein angemessener Platz für ihn da. Er musste ausweichen in eine Futterkrippe. Gott selbst war hier geboren worden. Als kleines Kind machte er sich abhängig von der Fürsorge von Maria und Josef. Was waren noch gleich die beiden Zeichen, an denen die Hirten den Retter der Welt erkennen sollten? Er lag in einer Krippe und er war in Windeln gewickelt.

Der Herr der ganzen Welt, Gott selbst, hat keinen angemessenen Platz in dieser Welt. In dieser Hinsicht ist das mit den Krippenspielen, wo Maria und Josef von Tür zu Tür ziehen und abgewiesen werden, zwar historisch falsch, aber inhaltlich ganz und gar richtig. Wie sagt Johannes: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11).

Aber was ist das zweite Zeichen? In Windeln gewickelt. Ist das nicht jedes Kind? Natürlich. Und genau das ist so wichtig. Gott selbst lässt sich ganz und gar auf das Menschsein ein. Er wird ein Kind, das sich nicht selbst versorgen kann und darauf angewiesen ist, von seinen Eltern getragen, gefüttert und saubergemacht zu werden. Denn wofür Windeln notwendig sind, ist ja allgemein bekannt.

Gott wird Mensch. Das ist die Botschaft der Windeln. Ganzer Mensch. Ein Mensch, der 33 Jahre auf dieser Erde lebt, seinen Eltern untertan ist, einen menschlichen Beruf lernt, sich als Zimmermann mit dem Hammer auf den Finger schlägt, der, wie Hebräer 5, 8 sagt, „obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam“ lernte. Das ist es, was damals wirklich passiert ist, damals, als es Weihnachten wurde. Das ist es, was übrig bleibt, wenn man das ganze Drumherum, die süßen Weihnachtslieder, die Geschenke, die Krippenspiele und alles andere wegnimmt. Ich will damit übrigens keineswegs alle diese Dinge schlecht machen. Sie sollen nur an ihren richtigen Platz gerückt werden. Denn an Weihnachten geht es um das größte Wunder, das man sich überhaupt vorstellen kann: Gott wird Mensch! Was dieses Wunder bedeutet und was damals wirklich geschehen ist, das wollen wir jetzt im zweiten Punkt etwas näher betrachten.

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Was Weihnachten wirklich geschehen ist

Weihnachten – Gottes Protest gegen die Herrschaft der Mächtigen
Das Wort „Protest“ ist in diesem Zusammenhang sicher ungewöhnlich. Was ist „Protest“ eigentlich? Das deutsche Wort leitet sich ab von dem lateinischen Wort protestor, was so viel bedeutet wie „öffentlich bezeugen“. Da tritt jemand auf und setzt – mit Worten und/oder Taten – den gerade herrschenden Personen oder Ansichten etwas entgegen, bezeugt öffentlich, dass er anderer Meinung ist.

Und genau in diesem Sinne ist Weihnachten ein Protest, ein öffentliches Bekenntnis Gottes. Indem Gott sich selbst ganz klein macht und Mensch wird, protestiert er gegen die Herrschaft der Mächtigen, die in unserer Welt das Übliche, das Normale ist. Maria drückt dies in ihrem Lobgesang aus, dem ersten Adventslied der Welt, indem sie sagt: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“ (Lk 1,52). Er tut das, indem er sich selbst ganz klein macht. In Philipper 2,7 wird dies so formuliert: „… sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ Gott nimmt die Gestalt eines Knechtes an, indem er, der Schöpfer der ganzen Welt, Mensch wird und sich in nichts von einem Menschen unterscheidet. Er sieht nicht nur so aus wie ein Mensch, er wird Mensch. In einem englischsprachigen Anbetungslied ist die Rede vom „servant king“, dem König, der sich zum Knecht macht. Weihnachten bedeutet also, dass Gott den Herrschaftsstrukturen dieser Welt seinen Protest entgegenstellt, indem er selbst zum Diener, zum Knecht wird. Das ist das erste. Aber Weihnachten ist mehr!

Weihnachten – Gottes Protest gegen das Leid in der Welt
Leid tritt uns ja in ganz unterschiedlicher Form entgegen. Tod, Krankheit und persönliche Nöte stürmen immer wieder auf uns ein. Niemand bleibt davon wirklich verschont. Vielleicht ist es in Ihrem Leben gerade recht ruhig. Das ist ein Grund, um dankbar sein! Aber vielleicht stürmt es auch gewaltig und man fragt sich, ob und wie man da feiern kann.

Aber genau das ist es, warum es Weihnachten geworden ist. Gott kam in diese Welt hinein, weil sie eine Welt voller Leid ist. Und Gott protestiert gegen das Leid dieser Welt, er setzt dem Leid der Welt seine Liebe und Barmherzigkeit entgegen. Aber er tut es nicht von oben herunter, aus dem Blickwinkel des Königs, des Herrschers, des Chefs. Er tut es auf eine ganz ungewöhnliche Weise. Er macht sich ganz klein. Im Philipperbrief lesen wir: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil 2,8) Gott protestiert gegen das Leid dieser Welt, indem er es auf sich nimmt. Drei Jahre lang zieht Jesus durch das Land und immer wieder demonstriert er dabei seine Barmherzigkeit. Er leidet mit den Leidenden und weint mit den Weinenden. Er hilft und heilt, nur um am Ende selbst einen grausamen Tod zu sterben. Gottes Protest gegen das Leid in der Welt ist so ganz anders, als wir uns das vorstellen. Er nimmt es auf sich, damit er uns wirklich verstehen kann. Der Hebräerbrief formuliert es so: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebr 4,15) Jesus kann mit uns mitleiden, weil er ganz Mensch wurde. Er wurde versucht, damit er unsere Versuchung verstehen kann. Er litt Hunger und Durst, damit er mit denen mitfühlen kann, die Hunger und Durst leiden. So sieht Gottes Protest gegen das Leid in der Welt aus: Er selbst leidet mit. Das ist es auch, was wir letztlich dem Leid der Welt entgegensetzen können. Wir haben keine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“. Aber wir haben einen Herrn, der mit uns leidet, mit uns weint, mit uns trauert. Einen Herrn, der selbst gelitten hat bis zum Ende, ja, bis zum Ende am Kreuz. Und damit sind wir bei dem dritten, was Weihnachten bedeutet:

Weihnachten – Gottes Protest gegen die Sünde
Der Protest gegen die Machtstrukturen dieser Welt und gegen das Leid in der Welt – das alles zeigt uns einen Gott der Liebe. Einen Gott, der auf unserer Seite steht. Aber letztlich ist das zu wenig. Sicher, man könnte von daher die Menschen auffordern, statt nach Macht nach Liebe zu streben, man könnte sie auffordern, barmherziger zu sein und mit anderen Menschen mitzuleiden. Aber damit sind ja unsere Probleme nicht gelöst.

Gottes Protest geht tiefer. Er geht an die Wurzel von allem, was das Miteinander von Menschen und das Leben in dieser Welt so schwierig und leidvoll macht. Gott protestiert gegen die Sünde, gegen die Wurzel von Leid und Krankheit, Hass und Tod. Und Sünde, das ist hier ganz wichtig, meint nicht in erster Linie die bösen Taten von uns Menschen. Gemeint ist vielmehr die Tatsache, dass wir unser Leben ohne Gott führen. Das heißt nicht, dass man Gott unbedingt ablehnen muss. Aber man richtet sein Leben nicht nach ihm aus. Man lässt ihn nicht Gott sein, Herr sein. Man lebt distanziert von ihm.

Das ist es, was die Bibel Sünde nennt. Und das ist es auch, was die letzte und eigentliche Ursache von all dem ist, worunter wir so leiden, angefangen von den zwischenmenschlichen Spannungen und Problemen bis hin zu den großen Katastrophen dieser Welt. Alles in dieser Welt ist durch die Sünde, durch die Trennung des Menschen von Gott in Mitleidenschaft gezogen. Man las übrigens früher beim Weihnachtsgottesdienst in den Kirchen die Geschichte vom Sündenfall aus 1. Mose 3. Und auch die bunten Kugeln am Baum erinnern an diese Geschichte, wo Adam und Eva von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen aßen und dadurch die Sünde in diese Welt kam.

Und genau hier setzt Gott an. Sein Sohn lebt in dieser Welt. Er demonstriert Gottes Liebe und Barmherzigkeit, leidet unter den Machtstrukturen dieser Welt und stirbt schließlich am Kreuz. Und das, obwohl er als Einziger den Tod nicht verdient hat. Er hat ein Leben ohne Sünde gelebt. Und er stirbt für uns, an unserer Stelle. Er trägt unsere Schuld, wird für unsere Sünde ans Kreuz genagelt. Das ist der eigentliche und tiefere Sinn von Weihnachten. Gott öffnet die Tür zu sich selbst. Er bietet uns Vergebung an, möchte uns zu seinen Kindern machen und dann durch uns in dieser Welt Veränderung bewirken.
Das ist Weihnachten – ein großes Gegenprogramm, ein himmlischer Protest gegen das, was in dieser Welt gespielt wird.