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Als hätte sich plötzlich ein Sturm gelegt

von Patricia Dohle

Statt die Vorweihnachtszeit gemütlich im Kreis von Freunden und Familie zu genießen, kümmert sich Patricia Dohle um die gestressten Kunden eines Elektromarkts und schwitzt dabei entnervt unter ihrer Weihnachtsmannmütze. Da erinnert ein kleiner Junge sie daran, was den wahren Zauber von Weihnachten ausmacht.

Es ist Heiligabend – und ich steh mal wieder auf der Matte! Eigentlich hatte ich mir mein erstes Weihnachten als Christin ganz anders vorgestellt. Aber Gott, mein lieber Papa, lässt nicht zu, dass ich mich auf die faule christliche Haut lege, sondern schickt mich in einen Crashkurs in Sachen „Zeuge für ihn sein“. Und so schiebe ich – statt Vanilleplätzchen, Bing Crosby und stille Besinnlichkeit zu Jesu Geburt zu genießen – voll die Feiertagsschicht! An Heiligabend frei zu nehmen, ist in einem führenden Elektrogroßmarkt geradezu ein Frevel. Kein Tag im Jahr ist umsatzfördernder, zu keiner Zeit kaufen Kunden unüberlegter, verschwenderischer, massiver. Wir brauchen volle Besetzung, um den Andrang bewältigen zu können.

Während des Weihnachtsgeschäfts hinter einem Verkaufstresen zu stehen, ist in christlicher Hinsicht eine echte Herausforderung, denn zu gereizten Kunden immer freundlich zu sein, ist ein wahres Kunststück. Wir alle kennen den Weihnachtsstress: „Ups, ist heute schon Heiligabend?“, „Hilfe, was soll ich bloß für Oma kaufen?“ All das entlädt sich meistens auf dem Rücken armer Verkäufer. Den ganzen Vorweih-nachtsverkaufsrummel habe ich in den letzten zwei Monaten schon durch, aber heute erreicht das Chaos den absoluten Höhepunkt. Meine armen Kollegen und ich kriegen die volle Ladung. Wir versuchen uns mit Überraschungseiern zu trösten, aber das hilft kaum …

Plärrende Kinder und genervte Erwachsene
Endlose Kassenschlangen wälzen sich durch unsere Abteilung und machen es fast unmöglich, Kunden zu beraten, ohne dabei anderen Kunden auf die Füße zu treten. Kinder plärren, manische Weihnachtsmusik dröhnt aus den Lautsprechern, Leute murren, weil sich die Schlange nicht schnell genug bewegt, schieben volle Einkaufswagen vor sich her. Frustration und Müdigkeit lassen das letzte bisschen Weihnachtsglanz in ihren Gesichtern stumpf werden. Ein Kollege aus der CD-Abteilung wird von einer wütenden Dame angeschrien, die sich nicht ausführlich beraten sieht (was daran liegt, dass der Arme sich gerade um zehn Kunden gleichzeitig kümmern muss und nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht). Und zehn Minuten vor Ladenschluss stürzt ein Herr durch die Tür, dem scheinbar in letzter Minute eingefallen ist, dass er noch gar keine Geschenke hat. Die Panik springt ihm aus allen Knopflöchern und entlädt sich als verbaler Blitz auf dem Rücken eines unserer völlig verschreckten Azubis-im-ersten-Jahr.

Aber heute hab ich keine Lust, mir den Tag verderben zu lassen. Mir ist in der Adventszeit so stark bewusst geworden, was Weihnachten bedeutet: dass wir eigentlich das Leben feiern, das für uns in diese Welt geboren wurde; dass wir verloren waren bis zum Jahr null, als unser Retter auf die Welt kam. Wir alle sind dem Tod verfallen, und tief drinnen wissen wir das, doch wir haben uns blind gemacht, um nicht in einem ständigen Alptraum leben zu müssen. Jesus will uns von diesem Schrecken befreien und auch von der Lüge, in der wir leben wollen, um vor Angst nicht den Verstand zu verlieren. Der Weg „abwärts“ ist dank Jesus Christus keine Einbahnstraße mehr.

Christus selbst hat durch seinen Geist ein bodenloses Loch in mir gefüllt und mir meine Blindheit für die Wahrheit genommen. Hat mir mein Herz für die grenzenlose Freude geöffnet, die seine Erlösung, sein volles Leben ermöglicht hat. Psalm 23,5 sagt: „... du füllst mir den Becher randvoll.“ Ich kann mich nicht beklagen, dass mein neues Leben als Gotteskind doof und langweilig ist. Achterbahnfahren kommt dem schon näher!

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Der „Wow“-Effekt
Aussagen der Bibel, die mir früher flach, leer und tot erschienen, springen mich jetzt förmlich an, sprechen und singen zu mir. Gott ist lebendig in seinem Wort, und erst jetzt weiß ich, was das bedeutet. 2. Korinther 4,3-4 zum Beispiel: „Die Gute Nachricht, die ich verkünde, ist nur für die dunkel, die verloren gehen. Der Satan, der diese Welt beherrscht, hat sie mit Blindheit geschlagen, so dass sie dieser Guten Nachricht nicht glauben und ihren hellen Glanz nicht sehen können“, verursacht bei mir immer so einen „Wow, das hat er gemeint“-Effekt. All die Lieder, die ich mein Leben lang hohl geträllert hatte, ohne zu wissen, was ich da singe, haben sich von einer Pfütze in einen Ozean voller Hoffnung und Glück verwandelt, der mich bis in den letzten Winkel ausfüllt. Und mit der Wahrheit, die Jesus in mein Herz gelegt hat, werden mir auch die Augen geöffnet für den Wahnsinn, der sich um mich abspielt. Es ist fast erschreckend zu sehen, wie panische Menschen verzweifelt versuchen, ihre inneren Löcher mit dem zu stopfen, was bei uns so in den Regalen herumsteht. Leute, die ihr Heil in einem vollen Gabentisch suchen.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich habe nichts gegen Geschenke. Im Gegenteil, es macht mir Spaß, anderen eine Freude zu machen, und ihre überraschten, fröhlichen Gesichter zu sehen, wenn sie das Papier wegreißen. Und hey, natürlich liebe ich es, Geschenke zu bekommen; zu wissen, jemand hat an mich gedacht, jemand mag mich so sehr, dass er weiß, was mir gefällt, und mir etwas schenkt, das mir Freude macht. Jesus hat Geschenke bekommen. Als Baby in der Krippe und später in Betanien, als ihn eine Frau mit kostbarem Öl salbte. Er hat sich darüber gefreut (Markus 14,6-8)! Es ist nichts Falsches oder Schlechtes daran, sich zu Weihnachten zu beschenken. Aber wir sollten nie vergessen, dass Gott es ist, dem wir alles verdanken, auch die finanziellen Mittel, durch die wir Geschenke kaufen können, oder die Kreativität, mit der wir sie basteln, oder das Einfühlungsvermögen, das uns erlaubt, andere so zu kennen, dass wir wissen, was ihnen gefällt. Und nicht zuletzt sollten wir uns daran erinnern, was Gott uns schenkte mit der Geburt seines Sohnes. Nie wieder gab es ein Geschenk auf dieser Welt, in dem mehr Liebe und Aufopferung steckte.

Aber sagen Sie das mal den manischen Massen hier! Es gibt nicht allzu viele Menschen in Ost-Berlin, die mit Jesus etwas anzufangen wissen. Sie wissen nicht, was ihnen entgeht. Solche Blindheit macht traurig. Die Mensch-heit steht auf einem sinkenden Schiff, und die meisten verweigern die Annahme dieser Tatsache sogar dann noch, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Ich möchte mir fast hoffnungslos vorkommen in meinem Versuch, sie mit ein wenig Freundlichkeit im Geist der Weihnacht zu halten. Ich fühle mich, als wäre ich unsichtbar und jedes Lächeln für die Katz. Doch plötzlich, in all dem Trubel, sehe ich dieses Kindergesicht. Ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, starrt begeistert auf meinen Nikolaushut und ein (leicht schokoladenverschmiertes) Grinsen breitet sich über dem runden Gesichtchen aus. Ihm ist das offensichtlich weibliche Geschlecht unter der Mütze dabei völlig egal. „Der Weihnachtsmann!“, flüstert er ehrfürchtig. Ich erkenne das Wort mehr an seinen Lippen-bewegungen. Mit einem Mal wird mir ganz warm, und plötzlich ist es mir schnurz, ob ich mich mit meiner Mütze zum Hansi mache. Seine Mutter zerrt ihn ungeduldig weiter, aber er dreht sich immer wieder nach mir um. Ich winke und zwinkere ihm zu (das zieht immer!), und er lächelt und winkt zurück.

Wie ein Kind
Wenn Jesus sagt, dass wir im Glauben wieder wie die Kinder werden müssen, dann sehe ich in diesem Kind, was er meint. Dieser Vierjährige lässt sich seiner Weihnachtsstimmung durch nichts berauben. Er sieht die Prioritäten, auch wenn er sie noch nicht benennen kann. Er ist noch nicht zerfressen von dem Konsumrausch, der um ihn tobt. Für ihn zählt nur der Zauber. Und ich erinnere mich an meine Kindheit, an den Glanz, die Erhabenheit, Liebe und Schönheit der Adventszeit, als hätte ich damals – obwohl in einem weitgehend atheistischen Land und in einer atheistischen Familie aufgewachsen – schon eine leise Ahnung gehabt, dass der wahre Zauber der Weihnacht die Hoffnung, Erleichterung und Freude darüber ist, dass das Böse in dieser Welt endlich keine Macht mehr über uns hat.

„Satan, der unser Leben in tobendem Chaos zerriss, ist besiegt durch ein Baby, das vor 2000 Jahren still und sanft in diese Welt trat.“

Satan, der unser Leben in tobendem Chaos zerriss, ist besiegt durch ein Baby, das vor 2.000 Jahren still und sanft in die Welt trat – und es schien, als hätte sich plötzlich ein Sturm gelegt. So plötzlich, dass man erst nicht begreifen kann, was da geschehen ist. Bis dann leises Verstehen einsetzt, das abgelöst wird von noch immer zaghaft ungläubiger Freude, die sich letztlich verwandelt in die überzeugte, übersprudelnde Begeisterung und tiefe Dankbarkeit in der Erkenntnis: „Heute wurde euch in der Stadt Davids euer Retter geboren – Christus, der Herr!“