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Advent

von Hans-Georg Wünch

Das Kirchenjahr beginnt mit den vier Adventssonntagen. Diese Zeit des Wartens auf Weihnachten erinnert zum einen an die hoffnungsvolle Erwartung, mit der Israel auf den Messias wartete, und zum anderen ist sie eine Zeit der Ausrichtung auf das Wiederkommen von Jesus. „Advent“ bedeutet ja übersetzt: „Er kommt!“ Damals, vor etwas über 2000 Jahren, wurde das Kommen des Messias angekündigt durch den Engel Gabriel, der zu Maria geschickt wurde mit einer Botschaft, die ihr ganzes Leben verändern sollte. Wir werden uns hier daher unter dem Stichwort „Advent“ mit Maria und vor allem der Frage, welche Bedeutung die Jungfrauengeburt theologisch hat, beschäftigen.

Warum eigentlich eine Jungfrauengeburt?
Man stelle sich vor: Maria ist ein 14- oder 15-jähriges Mädchen, in deren Leben ganz plötzlich Gott tritt, und zwar in Gestalt eines Engels. Und als ob das nicht schon genug wäre, verkündet dieser Engel ihr, dass sie schwanger werden und den Sohn Gottes zur Welt bringen wird. Maria ist nicht dumm. Sie weiß, dass Kinder normalerweise nicht geboren werden, ohne dass ein Mann beteiligt ist. Und das weiß sie ganz sicher: Sie ist noch Jungfrau. Also fragt sie nach: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“ Der Engel antwortet: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!“ (Lk 1,34-37).

Bei Gott ist kein Ding unmöglich? Auch die Jungfrauengeburt nicht? Wenn man im Internet unter „Jungfrauengeburt“ nachsieht, findet man z. B. bei Google über 40.000 Treffer. Man muss nur die ersten paar Seiten durchsehen, dann stellt man sehr schnell fest, dass genau diese Behauptung des Engels heute bei den meisten Menschen – auch teilweise in kirchlichen Kreisen – angezweifelt wird.

Das ist übrigens nichts ganz Neues. Schon der Kirchenvater Irenäus aus dem 2. Jahrhundert hat gesagt: „Jede Irrlehre beginnt entweder mit der Leugnung der Jungfrauengeburt – oder endet damit.“ Selbst für viele Theologen in Deutschland ist die landläufige Vorstellung der Jungfrauengeburt Jesu überholt. Der Begriff „Jungfrau“ als Bezeichnung für Maria, die Mutter Jesu, sollte nach ihrer Meinung schlicht mit „junge Frau“ übersetzt werden, da die Vorstellung der Jungfrauengeburt ein „Stolperstein“ beim Verständnis der Weihnachtsgeschichte sei.

Ist das so? Ist es wirklich nicht wichtig, ob Maria im eigentlichen Sinn Jungfrau war oder nicht? Welche Bedeutung hat die Jungfrauengeburt eigentlich, und was geschieht, wenn wir diesen Glaubenssatz einfach so aufgeben? Ich bin davon überzeugt, dass die Jungfrauengeburt ein ganz wichtiger, wesentlicher Bestandteil unseres Glaubens ist. Wenn wir sie aufgeben, dann geben wir etwas Entscheidendes auf! Die Jungfrauengeburt steht nämlich in einem engen Zusammenhang mit der Wiedergeburt.

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Die Jungfrauengeburt – Gottes Sohn wird Menschenkind
Die erste Stelle in der Bibel, an der auf Jesus, den kommenden Messias, hingewiesen wird, finden wir ganz am Anfang der Bibel, in 1. Mose 3,15. Gott spricht in dem Zusammenhang seines Urteils über die Sünde von Adam und Eva davon, dass einmal jemand kommen wird, der diese schrecklichen Folgen der Sünde und letztlich die Sünde selbst beseitigen wird. Er sagt zu der Schlange: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“

Wenn wir uns diesen Vers einmal näher anschauen, dann stellen wir erstaunliche Dinge darin fest. Da ist zunächst einmal die seltsame Formulierung von dem „Nachkommen der Frau“. Im hebräischen Text steht eigentlich wörtlich: „Same der Frau“. Nun waren auch die Menschen in der Zeit des Alten Testaments schon so aufgeklärt, dass sie wussten, dass der Mann Samen hat, nicht die Frau. Vom „Samen der Frau“ ist im restlichen Alten Testament sonst nicht mehr die Rede. Und dann ist da noch bemerkenswert, dass nicht „die Nachkommen“, sondern „der Nachkomme“ der Frau angesprochen ist. Dieser Nachkomme der Frau wird offensichtlich eines Tages die furchtbaren Folgen des Sündenfalles wiedergutmachen.

Wenn wir diese Aussage vom Neuen Testament her sehen, dann stellen wir erstaunt fest, dass schon hier, auf den ersten Seiten der Bibel, die Jungfrauengeburt angedeutet wird. Nicht so, dass man von 1. Mose 3,15 her schon sagen konnte, dass der Messias von einer Jungfrau geboren wird. Aber doch so, dass wir es von dem, was wir aus dem Neuen Testament her wissen, erkennen können.

Nun könnte man natürlich fragen, warum das denn so wichtig ist. Schließlich spielt es doch eigentlich keine Rolle, ob Jesus nun mit der Hilfe von Josef oder ohne seine Hilfe gezeugt wurde – oder? Viele moderne Theologen wollen uns dies weismachen. Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist! Gerade die Tatsache, dass der erste Hinweis auf die Jungfrauengeburt im Zusammenhang mit dem Sündenfall zu finden ist, scheint mir wichtig. Seit dem Sündenfall sind ja alle Menschen, die als Nachkommen von Adam und Eva geboren werden, Sünder. Wir erben von unseren Eltern die Tatsache, dass sich Adam und Eva gegen Gott entschieden haben. Sünde, das ist hier nicht die einzelne, falsche moralische Handlung, sondern ein Grundzustand: Wir werden sozusagen auf der falschen Seite geboren, getrennt von Gott, losgelöst von ihm.

Man könnte es noch anders ausdrücken: Wir sind alle von Geburt an Egoisten. Wir sind uns selbst das Wichtigste. Gott spielt keine oder nur eine untergeordnete Rolle in unserem Leben. Das ist es eigentlich, was wir in der Theologie mit dem Begriff „Erbsünde“ meinen. Und das gilt für alle Menschen. Seit dem Sündenfall können die Nachkommen von Adam und Eva nicht mehr anders – sie sind Sünder von Geburt an. Sie leben auf der falschen Seite, haben nicht Gott, sondern den eigenen Vorteil, das eigene Ich im Mittelpunkt ihres Lebens. Und in der Folge davon sündigen sie.

Wenn nun behauptet wird, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren wurde, dann wird damit auch gesagt, dass er nicht in dieser natürlichen Linie der Menschheit seit Adam und Eva steht. Er ist ganzer Mensch. Das stimmt. Seine Mutter hat ihm alle Erbanlagen weitergegeben, die ihn zum Menschen machen. Aber auf der anderen Seite ist er auch ganzer Gott. Nicht Josef, sondern Gott selbst hat ihn ins Leben gerufen. Er ist durch den Heiligen Geist gezeugt worden, wie der Engel der Maria erklärt.

Nur so konnte Jesus geboren werden, ohne mit der Erbsünde behaftet zu sein. Und nur so konnte er für uns die Erlösung bewirken. Einerseits musste er ganz und gar Mensch sein. Andererseits musste er ohne Sünde leben. Nur so konnte er das Opfer werden, das für unsere Schuld gebracht wurde. Wer also die Jungfrauengeburt leugnet, der macht aus Jesus einen sündigen Menschen, wie wir es sind – und verliert damit letztlich alles!

Demgegenüber lehrt uns die Bibel, dass Jesus eben nicht durch den Willen von Josef, sondern durch Gott selbst gezeugt wurde. Er ist daher Mensch und Gott zugleich. Lange rang man in der christlichen Kirche darum, wie dieses Verhältnis von Gott und Mensch in Jesus Christus zu sehen ist. Dann einigte man sich auf dem Konzil von Chalzedon (451 n. Chr.) auf die Formel, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist, also 100 % Gott und 100 % Mensch. Damit wird etwas festgehalten, was zwar dem menschlichen Verstand nicht unbedingt einleuchtet, aber mit den biblischen Aussagen ganz und gar übereinstimmt. In diesem Sinne ist also die Lehre von der Jungfrauengeburt ganz zentral für den christlichen Glauben!

Aber die Lehre der Jungfrauengeburt ist noch in ganz anderer Hinsicht entscheidend, und zwar im Blick auf das, was wir „Wiedergeburt“ nennen. In der Jungfrauengeburt erfahren wir, dass Gottes Sohn wirklich und tatsächlich Mensch wird. Er verbindet sich mit dem Menschsein. Gottes Sohn wird Mensch. In der Wiedergeburt geht es im Grunde um das Gegenstück dazu. Hier wird der Mensch Gottes Kind.

Die Wiedergeburt – Menschenkind wird Gottes Kind
Johannes stellt diesen Zusammenhang sehr deutlich heraus. In Johannes 1,12f lesen wir: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.“ Bei Jesus waren natürliche Geburt und übernatürliche Zeugung eins. Bei uns ist es anders. Wir sind auf natürliche Weise gezeugt und geboren. Nun aber müssen wir „von neuem geboren werden“, wie Jesus dem Pharisäer Nikodemus erklärt. Nikodemus hat Schwierigkeiten, dies richtig zu verstehen. Dabei hätte er eigentlich aufgrund des Alten Testamentes wissen können, worum es geht. Hesekiel formuliert es z. B. so: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben“ (Hes 36,26, vgl. 11,19). Das „Herz“ ist in der Bibel das Lebenszentrum, die Lebensmitte. Gott verspricht durch Hesekiel, dass er das Grundproblem des Menschen lösen wird. Dieses Grundproblem wird schon in 1. Mose 8,21 deutlich. Dort sagt Gott: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Damit ist das gemeint, was wir vorhin gesehen haben: Durch den Sündenfall wurde der Mensch von Grund auf böse. Sein ganzes Denken dreht sich um ihn selbst. Durch den Sündenfall wurden nicht irgendwelche Randbereiche des menschlichen Lebens in Mitleidenschaft gezogen, sondern der Kern!

Und genau diesen Kern will Gott ändern. Das macht Hesekiel hier deutlich. Gott kündigt also eine Herzensveränderung an. Diese Veränderung wird dazu führen, dass die Menschen in der Lage sind, das zu tun, was eigentlich immer Kern des Gesetzes war, was Gott schon immer als Ziel vor Augen hatte: ihn von ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu lieben (5. Mo 6,5-6). Und genau dies, diese Herzensveränderung, nennen wir Wiedergeburt. Jesus war von Geburt an 100 % Mensch und 100 % Gott. Durch die Wiedergeburt werden wir, die wir natürlich schon 100 % Mensch sind, ebenfalls zu Kindern Gottes. Wir werden geistlich von neuem geboren, d. h. Gottes Geist selbst kommt in unser Leben hinein. Er ist dieses neue Herz, dieses neue Lebenszentrum, von dem die Bibel spricht. Deshalb ist ja auch „alles neu“ geworden, weil das Zentrum neu geworden ist. Wir sind sozusagen 100 % Mensch und sollen nun nach und nach immer mehr lernen, als Kind Gottes zu leben. Jesus hat Nikodemus gegenüber klar gemacht, dass dies die alles entscheidende Frage ist: Bin ich wiedergeboren? Habe ich dieses neue Leben, von dem die Bibel schreibt? Ist mein Herz schon von Gott her erneuert worden?