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Zum Weinen schön

Essay

Wer meint, weinen sei eher Ausdruck trister Traurigkeit als überschäumender Überwältigung, mag zum Teil recht haben. Aber nur zum Teil. Denn er würde übersehen, wie sehr der Mensch berührt werden kann, wenn er Berührung erlaubt. Jürgen Werth erlaubt sie nicht nur, er vermag sie auch wortvirtuos weiterzugeben

Bühne frei! Jeden Abend eine neue Premiere. Die Sonne berührt den Horizont und der Himmel strahlt und lodert, glitzert, gleißt und glänzt. Eine Farbexplosion in gelb und rot und braun. Wolkenfetzen huschen durch die Kulisse. Und wir stehen da und staunen und verstummen. Nur ein paar Minuten, dann ist die Vorstellung beendet. Und wir klatschen, kreischen, jubeln. Ich werde diese Sonnenuntergänge nie vergessen. Am See Genezareth waren wir, irgendwann im Spätsommer 1991. Da gab es schon genug zum Staunen. Das warme Seeblau, das flirrende Sonnengelb, das betörende Oleanderrot. Meist mehr, als unsere Sinne fassen konnten. Aber die allabendlichen Sonnenfestspiele waren das Highlight jeden Tages. Zum Weinen schön! Da wohl kamen mir die ersten Sätze für mein privates Israel-Liebeslied in den Sinn: Ein Land so bunt wie Bilder von Chagall: sonnengelb, palmengrün, himmelblau. Ein Land aus Sand und Steinen und Kristall: ackerbraun, feuerrot, wüstengrau. Später erfuhren wir, dass die Ursache der Pracht alles andere als prächtig war: Der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen war ein paar Wochen zuvor ausgebrochen und hatte die Atmosphäre mit einer gigantischen Aschewolke geflutet. Mein Schwiegervater, Meteorologe im Zweitberuf, erklärte uns: Je mehr Dreck in der Luft ist, desto prächtiger sind die Sonnenuntergänge. Autsch. Aber wir haben auch etwas gelernt: Selbst Dreck kann schön sein, selbst Asche kann schön machen. Und was ist das überhaupt, Dreck, Asche? Sind wir nicht selbst aus diesem Stoff? Asche zu Asche …?

Wenn Tag und Traum verschmelzen

Bühne frei! Buchstäblich. Jeden Sommer. Der weite Innenhof des Weilburger Renaissance-Schlosses verwandelt sich in einen zauberhaften Konzertsaal. Mit offenem Himmel. Vorne auf der Bühne das Orchester. Der Dirigent reckt den Taktstock in die Höhe. Die Schwalben verstummen. Die Geigen tasten sich zögernd in die Abendluft. Die Bratschen fallen ein, die Celli, die Bässe – und irgendwann die Bläser, die Schlagwerker – und die Luft vibriert. Beethoven tanzt. Die Ohren tanzen. Und die Seele tanzt mit. Alle Missklänge der Welt, des Lebens, des Herzens verschweben. Tag und Traum verschmelzen. Und ich ahne: Wie wunderbar doch alles komponiert ist. Die Welt ist Harmonie. Eigentlich. Zum Weinen schön! Beethoven selbst hat das alles zu seinen Lebzeiten wohl kaum so hören können. Zu weit fortgeschritten war seine Taubheit. Aber er hat es gefühlt, gespürt. Es gibt mehr als Ohren, wenn man hören will. Viel mehr. 

Bühne frei! Der Auftritt steht unmittelbar bevor. Er reckt und streckt die Glieder. Er testet, wie weit er das Maul aufreißen kann. Gemächlich schreitet er zum Küchenbuffet, spannt alle Muskeln an und springt. Elegant und geräuschlos wie ein Papierflieger. Wie machst du das, Marley, Kater unseres Herzens! Unprätentiös, unaffektiert, nicht auf Wirkung bedacht, einfach so. Weil du’s kannst. Weil du’s bist. Wenige Minuten später kuschelst du dich in die Sofaecke. Selbstvergessen und trotzdem hellwach. Spannung und Entspannung in stetem Wechsel. Leben im Hier und Jetzt. Sorgenfrei. Ich versinke in deinen Atemzügen und werde für einen Moment federleicht wie du. Schön. Einfach schön.


Wenn hinschauen schon ausreicht

Bühne frei! Einer brütet über einem Text. Es ist das Jahr 1842. Der Text ist fast 200 Jahre alt. Er kennt sich aus mit alten Texten. Er hat viele von ihren gesammelt und herausgegeben. Er ist Hochschulprofessor. Und Dichter. Und lässt sich nicht selten von seinen Fundstücken inspirieren. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ist zufrieden. Er strahlt. Dieser Text sagt, was er, der Dichter, sagen möchte, sagen muss: Es gibt so unfassbar viel Schönes in der Welt. Man muss nur hinschauen. Und vor allem und immer wieder auf ihn: Jesus! 

 

Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Herren, Gottes und Marien Sohn: 
Dich will ich lieben, Dich will ich ehren, Du meiner Seele Freud und Kron.

Schön sind die Felder, schön sind die Wälder in der schönen Frühlingszeit;
Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der unser traurig Herz erfreut.

Schön leucht‘ die Sonne, schön leucht‘ der Monde und die Sternlein allzumal.
Jesus leucht‘ schöner, Jesus leucht‘ reiner als alle Engel im Himmelssaal.

Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit;
sie müssen sterben, müssen verderben, doch Jesus lebt in Ewigkeit.

Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden als Du, der schönste Jesus mein.

 

Wenn das Wesentliche Beachtung findet

Dabei geht es Hoffmann nicht wirklich gut. Ein Jahr zuvor hat er das „Lied der Deutschen“ gedichtet – die dritte Strophe singen wir bis heute als Nationalhymne. Damit hat er sich bei der preußischen Obrigkeit unbeliebt gemacht. Überhaupt ist unangenehm aufgefallen, dass er für die Beendigung der deutschen Kleinstaaterei kämpft und schreibt. Man wird ihm die Professur entziehen. Pensionslos. Und man wird ihn des Landes verweisen. Und er schreibt diesen berührenden Text: Auch wenn alles Schöne an einen Augenblick gebunden ist – die Schönheit des Gottessohnes überdauert die Zeiten.

Goldene Momente. Ich will sie entdecken mitten im Grau des Alltags. Gott hat sie hineingewebt in unsere Welt, und ich will mir die Sinne schärfen lassen. Will achtsam hinschauen, hinhören, hinschmecken, hinriechen, hinfühlen. Und wenn sie wieder davonhuschen und ich mit Goethe schreien möchte: „Verweile Augenblick, du bist so schön!“, will ich meinen Blick weiten. Denn was jetzt nur in kurzen Momenten aufblitzt, wird uns später eine ganze Ewigkeit lang betören und in Atem halten. Staunen ohne Ende. Und Klatschen und Jubeln. Und wir sind nicht nur Zuschauer, sondern Mitwirkende. Ich habe es mir einmal so vorgestellt: 
Wenn der Morgen kommt – der jüngste Morgen, der hellste Morgen, der Morgen der Welt. 
Wenn der Morgen kommt – ein Traum zu erwachen, zu lieben, zu lachen am Morgen der Welt. 
Wenn der Morgen kommt – ein Meer heller Farben, ein Tanz lichter Träume, der Morgen der Welt. Wenn der Morgen kommt – ein Singen und Spielen unschreibbarer Lieder am Morgen der Welt. 
Wenn der Morgen kommt. Wenn Er wiederkommt. 

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