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Morgendämmerung

Leitartikel

Die Assoziation ist so unterschiedlich wie die Menschen. Des einen Freud, des anderen Leid. Aber eins ist unbestritten: Manchmal ist von einem Moment auf den anderen nichts mehr, wie es war. Aus schlecht wird schön. Ohne, dass man etwas dafür tun könnte. Oder müsste. Naja, vielleicht mit einer kleinen Einschränkung, meint Detlef Eigenbrodt.

Freitagmorgen, kurz vor fünf. Mein Wecker klingelt, und ich frage mich schlaftrunken, wie um alles in der Welt ich den Termin des vor mir liegenden Tages annehmen konnte. Im Bett ist es warm. Draußen nicht. Und es ist dunkel. Sicher noch die nächsten zwei Stunden, die ich mit dem Auto auf der Autobahn verbringen werde. Es hilft nichts. Nur noch ein paar Minuten liegenbleiben führt nirgendwohin. Also Autopilot einschalten, aufstehen, Kaffee rauslassen und mit unter die Dusche nehmen, Auto laden und los. Es ist 5:28 Uhr, als ich mit dem Wagen vom Parkplatz vor dem Haus in die noch nächtliche Dunkelheit rolle.

Stockfinstere Nacht und ich

Auf dem Weg aus der Stadt begegnen mir nur wenige. Lampen, Leuchten und Lichter ziehen an mir vorbei, bis ich schließlich links auf eine Landstraße abbiege. Die nächsten rund hundert Kilometer werde ich über Land unterwegs sein. Hier und da mal eine kleine Ortschaft, alles in allem wenig spektakulär. Weite Teile fahre ich durch Wald und bin froh, dass mir kein Reh den Weg kreuzt. Gegen 6:40 Uhr erreiche ich die Autobahn, es ist immer noch stockfinstere Nacht. Und wieder schleicht sich der Gedanke ein, was ich hier eigentlich mache. Ich weiß seit Jahren, dass ich ein Lichtmensch bin. Ich mag die Dunkelheit nicht, kann ihr kaum etwas abgewinnen, und beginne meinen Tag am liebsten erst dann, wenn es draußen von selbst hell wird. Doch die Freunde, zu denen ich unterwegs bin, um ihnen bei diversen Fragen und Terminen zur Seite zu stehen, sind wichtiger als meine Lust auf Licht. Irgendwann wird die Dämmerung schon kommen. Und so fahre ich weiter, freue mich an der Geschwindigkeit und bin streckenweise dankbar, dass niemand neben mir sitzt, dem mein Tempo eventuell nicht gefallen könnte.
 

„Ich will wissen, wie‘s weitergeht. Es ist, als schaute ich einen Thriller, der mich fesselt. Ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden. Und will es auch gar nicht! Plötzlich bin ich von Adrenalin durchflutet, wach, hibbelig ob der unglaublichen Schönheit des Moments und will, dass er nie aufhört.“

 

Eine Explosion aus Leidenschaft

Der Himmel färbt sich. Zaghaft. Vorsichtig. So als hätte das goldene Licht Furcht, sich in seiner Schönheit zu zeigen. Endlich. Es wird heller. Von hell kann zwar noch keine Rede sein, ich muss Geduld lernen. Aber die Vorboten sind da. Was in den nächsten gut sechzig Minuten passiert, ist im Grunde unbeschreiblich. Unbeschreiblich schön, inspirierend, anmutig, begeisternd und für das frühe Aufstehen voll entschädigend. Nach den ersten zurückhaltenden Farbspielen am Horizont überwältigt mich die Sonne mit einer wahren Explosion ihrer ganzen Leidenschaft. Es ist 7:26 Uhr, als sie sich aus dem Dunkel erhebt und mit jeder Minute schöner wird. Ich muss aufpassen, dass ich den Blick nicht von der Straße lasse, so sehr bin ich in ihren Bann gezogen. Tausend Farben am Firmament, die um die Wette leuchten. An mir vorbeiziehende Landschaften im hessischen Osten, die Niederungen gefüllt mit Nebel und sanfte Schwaden, die über den Wiesen und Feldern schweben. Ich bin verzaubert und überlege kurz, wo ich anhalten kann, um das Schauspiel in aller Ruhe beobachten und genießen zu können. Doch ein Blick auf die Uhr und die mangelnde Parkbucht lassen mich den Gedanken schnell wieder verwerfen. Außerdem will ich wissen, wie‘s weitergeht. Es ist, als schaute ich einen Thriller, der mich fesselt. Ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden. Und will es auch gar nicht! Plötzlich bin ich von Adrenalin durchflutet, wach, hibbelig ob der unglaublichen Schönheit des Moments und will, dass er nie aufhört. Was natürlich unmöglich ist. Aber Wünsche wird man ja wohl haben dürfen. Gegen 8:30 schaue ich wieder auf die Uhr und wundere mich, dass ich schon fast am Ziel bin. In Anbetracht der Schönheit dieses Morgens habe ich weder auf die Zeit geachtet noch weiter geknurrt, dass ich bereits seit zwei Stunden auf den Beinen bin. Was hätte ich verpasst, wäre ich im Bett geblieben!

„Der Wechsel von der Nacht zum Tag hat mich umgehauen.“

Einer, der das gemacht hat

Die Lektion der Morgendämmerung war irgendwie überwältigend. Es ging nicht länger darum, was ich gern wollte, was ich lieber gemacht hätte, was ich planen und umsetzen konnte. Das war nicht mehr wichtig und wurde ersetzt durch die wunderbare Erkenntnis, dass manchmal Dinge passieren und Realitäten entstehen, auf die ich absolut keinen Einfluss habe und die mich absolut von den Socken hauen! Ich muss nur einfach da sein, hinschauen, wahrnehmen und sie einordnen. Und noch etwas ergriff mich wieder neu. Es mag um mich herum so trist und dunkel sein, wie es will. Gefühlt oder real. Es gibt immer einen nächsten Augenblick, der dem etwas entgegensetzt. Ich weiß nicht, wann, wie und woher er kommt, aber ich weiß, dass er kommt. Das ist ein Gesetz. Es wird passieren! 
Der Wechsel von der Nacht zum Tag hat mich umgehauen. Sicher. Ich kannte das schon von früheren Erlebnissen. Aber die waren mir an diesem Morgen nicht präsent, an die habe ich nicht gedacht, auf die habe ich nicht gehofft. So hat mich die aufgehende Sonne mit all ihrer Schönheit drum herum komplett überrumpelt und in einen Tag geschickt, der mich plötzlich mit schierer Freude erfüllt hat. Gut, dass ich das nicht verpasst hab!

Gut ist auch dies: Hinter all dem Schönen steht ein Künstler. Einer, der es gemacht hat. Mit unglaublicher Kreativität und Präzision. Einer, der mit sanfter Überzeugungskraft daherkommt und weitere Bilder malt. Dieses zum Beispiel. Da liegen am Neujahrsmorgen die Reste der Böller und Raketen der letzten Nacht auf den Straßen und in den Gärten, es sieht schlimm aus. Schmutzig, unordentlich, einfach nicht sauber und schön. Und dann setzt leise der Schneefall ein und deckt alles zu. Ganz sanft schweben Abermillionen Flocken zu Boden, machen nicht groß „TamTam“, verändern das Bild aber erheblich. Denn was eben noch schrecklich aussah, entlockt dem Betrachter auf einmal ein glückliches Strahlen. Boah, sieht das schön aus! 
 

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Detlef Eigenbrodt, M.A., Leiter der eigenen Agentur für Kommunikationsberatung und Redaktionsleiter dieses Magazins träumt von einer eigenen Wohnung in Südafrika und freut sich bis zur Erfüllung an den herrlichen Plätzen in Deutschland. Der Ehemann und Vater von vier erwachsenen Kindern sitzt super gern in der Sonne seines Gartens am Rande des Odenwalds und stellt sich der Herausforderung des Alltags. myJabulani.com