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Leb wohl, du hässlicher Neid

Ratgeber

Unter Umständen kennen Sie das Gefühl von Neid. So unterschiedlich wir Menschen nämlich sind, so einig sind wir uns doch in vielem. Eben auch darin, dass wir neidisch sein können oder sind. Dabei geht es uns oft gar nicht um die Sache selbst, meint Dr. Steffen Schulte, sondern um etwas ganz anderes, viel Tiefersitzendes; etwas, das uns hässlich macht. Und er hat einen Vorschlag, wie sich das ändern lässt.

Erschreckend, irgendwie: Ich kann im Grunde alles haben, was ich zum Leben brauche, und trotzdem unzufrieden sein. Das Problem ist, dass Neid nicht mein objektives Wohlbefinden beziehungsweise Unwohlbefinden beschreibt. Neid entsteht durch den Vergleich. Er lebt förmlich vom Vergleichen. Ich will mehr, weil jemand anders mehr hat. Ich möchte etwas können, weil jemand anders es kann. Sören Kierkegaard hat es so treffend und prägnant formuliert: Alle Not kommt vom Vergleichen! 

Neid macht blind für Schönheit

Wir vergleichen und neiden. Neid ist gerade auch deshalb so vereinnahmend, weil er einen starken Verbündeten hat: Stolz. Es ist unser Stolz, welcher uns daran hindern möchte, einfach zu akzeptieren, dass ein anderer besser ist, mehr hat oder kann. Dadurch wird er zum Freudendieb und macht uns blind für alles, was wir schon haben oder selbst können. Wir sehen nur die Menschen, die mehr haben oder können. Wir sehen aber nicht all diejenigen, die weniger haben als wir. Und dies ist die große Tragödie. Es geht gar nicht um die Sache selbst. Unser Stolz – und der damit verbundene Neid – wird meistens nicht dadurch getriggert, dass uns etwas wirklich fehlt, sondern weil jemand anderes es hat. Hätte er es nicht, dann hätten wir auch kein Problem. Manchmal wäre man sogar zufrieden, wenn der andere einfach weniger hätte. Neid schafft Missgunst, also hässliche und destruktive Emotionen. C. S. Lewis beschreibt die Essenz von Stolz sehr treffend: „Stolz hat keine Freude daran, etwas zu haben, sondern nur, wenn er mehr hat als jemand anders. Wir sagen: Menschen sind stolz auf ihr Geld, ihren Besitz, ihre Intelligenz oder auf ihr Aussehen, aber das sind sie nicht. Sie sind stolz darauf, reicher, intelligenter oder hübscher zu sein als andere.“ Neid macht uns blind für die Schönheit in unserem Leben.   

Schön, wie gut du das kannst!

Gleich wie der Neid, so entsteht der auch der Stolz in Beziehung zu anderen Menschen und beide arbeiten gemeinsam in uns, um uns die Freude zu rauben. Sie verderben uns die Freude an all dem Guten, das in unserem Leben ist. Sie lenken den Blick auf alle, von denen wir meinen, dass sie mehr haben, und weg von den vielen, die weniger haben. Sie machen es uns unmöglich, die Leistungen der anderen Person zu genießen. Da spielt zum Beispiel jemand hervorragend Klavier. Viel besser als man es selbst kann. Was ist unsere Reaktion? Statt uns darüber zu freuen und es zu genießen, wächst Neid in uns. Besonders hart trifft uns das dort, wo wir uns selbst als stark sehen. Als unmusikalischem Menschen fällt es mir ja meist nicht schwer, anzuerkennen, dass fast jeder mehr musikalisches Talent hat als ich. Ich, als jemand, der oft redet und Predigten und Vorträge hält, merke aber, wie sich Neid und Missgunst bei mir melden, wenn andere für ihre Predigten oder Vorträge gelobt werden. Wäre es nicht befreiend, sich über die Leistungen und das Können von anderen Menschen freuen zu können, ohne sich davon bedroht zu fühlen? Sie einfach nur zu genießen?

„Unser Stolz – und der damit verbundene Neid – wird meistens nicht dadurch getriggert, dass uns etwas wirklich fehlt, sondern weil jemand anders es hat.“

 

Das hab´ ich geschenkt bekommen

Beim Blick in die Bibel überrascht es mich immer wieder, wie ähnlich wir Menschen uns doch sind. Dort lese ich von Personen, welche Tausende Jahre vor mir gelebt haben, die in einer ganz anderen Kultur zuhause waren und die sich doch im Grunde so verhalten haben, wie wir es heute tun. Uns alle treibt eine Sehnsucht an. Alle suchen nach etwas, was ihnen Wert gibt. Wir wollen mehr, besser, höher, reicher, schneller als andere sein. Die Gemeinde in Korinth tadelt der Apostel Paulus, indem er sie auffordert: „Keiner von euch darf den einen von uns auf Kosten des anderen hervorheben und sich damit auch noch wichtigmachen.“ Aber das ist gar nicht so leicht! Darum sagt auch Paulus direkt, was man stattdessen tun soll. Oder besser gesagt: Was wir stattdessen realisieren sollen. An die Korinther schreibt er daher (1. Korinther 4,7-8): Was bringt dich überhaupt dazu, so überheblich zu sein? Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk Gottes? Wenn es dir aber geschenkt wurde, warum prahlst du dann damit, als hättest du es dir selbst zu verdanken? Aber ihr seid ja schon satt. Ihr seid ja schon reich. Ihr sitzt bereits auf dem Thron – und das alles, ohne dass wir daran Anteil hätten.“

Stark, stabil und unzerbrechlich

Hier genau liegt unsere Hoffnung. Wenn wir aufhören, unseren Wert und unsere Identität im Vergleich mit anderen Menschen zu suchen und sie stattdessen bei Gott verorten, dann entsteht ein neues Paradigma. Meine Identität und mein Wert werden mir von Gott zugesprochen. Daraus ergeben sich zwei transformierende neue Realitäten. Erstens ist diese neue Realität stabil. Nichts kann sie mir nehmen. Jede Identität, welche wir aus Leistung herausbilden, zerbricht in dem Moment, wo ich nicht mehr leisten kann. Das Gleiche gilt natürlich auch für Besitz, Können und Schönheit. Gleichzeitig werde ich aber in diesem neuen Paradigma frei. Ich kann die Leistungen von anderen Menschen sehen und mich darüber freuen, dass sie etwas besser können als ich. 

Neid arbeitet häufig mit der Prämisse, dass es nicht genug gibt. Wenn ich aber in einer festen Beziehung zu Gott stehe und weiß, dass ich sein Kind bin, dann kann ich – wie auch Paulus – feststellen: Ich bin schon reich! Ich bin schon auf dem Thron. Ich muss nicht mehr um Sicherheit und Anerkennung kämpfen. Ich kann einfach sein und der andere ist nicht mehr besser oder schlechter als ich, sondern einfach nur anders.  

Jeder Mensch kann schöner werden

Fazit: Neid ist ein echter Schönheitskiller. Er macht uns hässlich. Niemand erfreut sich an der Gegenwart einer neidvollen Person. Gleichzeitig nimmt uns unser Neid die Fähigkeit, die Leistungen zu genießen. Freiheit von Neid entsteht, wenn wir unsere Einzigartigkeit, inklusive unsere Stärken und Schwächen, akzeptieren und aufhören, uns mit anderen zu vergleichen. Unmöglich? Ohne Gott schon, aber mit ihm ist selbst das möglich. Wenn wir die Einladung annehmen, seine Kinder zu werden, dann werden unsere tiefsten Bedürfnisse nach Wert, Identität und Sicherheit gestillt. 
 

Dr. Steffen Schulte ist gebürtiger Kanadier, verheiratet und hat zwei Töchter. Seit 2009 ist er Dozent am Theologischen Seminar Rheinland, 2015 wurde er zum Rektor berufen, 2020 in den Vorstand von NEUES LEBEN. In seiner Freizeit fährt er leidenschaftlich gern Fahrrad, betreibt Fitnesstraining und geht gern mit seiner Familie zelten.

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