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Ein Strahlen, das tief drinnen wohnt

Essay

Es ist bemerkenswert. Die Dame, von der hier die Rede ist, entbehrt vermutlich vieler Schönheitsideale. Sie lief nie einen „Catwalk“, die tätowierte Nummer auf dem Unterarm ist kein Schmuck, sondern ordnet ihre Vergangenheit ein, die Falten im Gesicht sprechen Bände. Für Maike Fethke ist sie dennoch einer der schönsten Menschen überhaupt: Raheli. Und das ist ihre Geschichte.

Sie war schön. Klein. Ein bisschen in sich zusammengesackt, den Kopf wie eine Schildkröte auf einem kurzen Hals nach vorne gestreckt. Die Augen wachsam, konzentriert, lebhaft. Ihre Hände groß und schwer, fast zu groß für ihren kleinen Körper. Der Schritt ein bisschen langsam, wackelig und doch bestimmt. Auch ihr Gesicht sprach von einem gelebten Leben und über ihre Falten lachte sie. So ist sie mir viele Male begegnet. Raheli. Meine Lehrerin. 

Manche Geschichten im Rucksack

Eigentlich war sie in den 1990er Jahren meine Hebräisch-Lehrerin. Doch sie brachte mir so viel mehr bei als die Grundzüge dieser faszinierenden Sprache. Fast drei Jahre lang trafen wir uns immer donnerstags in ihrer kleinen Wohnung in Rehavia, einem Stadtteil von Jerusalem. In der Straße wohnten viele Jeckes. Auch sie selbst gehörte zu dieser immer kleiner werdenden Gruppe deutschsprachiger Juden, die im letzten Jahrhundert in das damalige Palästina eingewandert waren. Viele von ihnen trugen furchtbare Erlebnisse und traurige Geschichten im Rucksack ihrer Erinnerung. Manche trugen auch eine blau-graue, irgendwie verwaschen aussehende Nummer auf der Innenseite ihres linken Handgelenks. Zeugnisse der dunklen Kapitel ihres Lebens. Auch Raheli hatte so eine Nummer, immer kaschiert von einem breiten Band oder klimpernden Armreifen. Und doch blitzen die Ecken der Zahlen hervor. Mein Blick wanderte ab und zu dorthin. Nach vielen Treffen und vielen Tassen Kaffee erzählte Raheli mir die eine oder andere Geschichte, die mit ihrer Nummer zusammenhing. Ich vergesse sie nicht. 

Raheli. Meine Lehrerin. Eigentlich ging ich zu ihr, um Hebräisch zu lernen. Doch schnell entdeckte ich ihre große Leidenschaft dafür, mir die Menschen und das Leben in Israel zu erklären. Sie konnte gar nicht anders, als mir voller Begeisterung die Bedeutung einzelner Begriffe und ihre Herkunft nahezubringen. Die Sprache sei der Schlüssel für fast alles, sagte sie immer. Also hörte ich aufmerksam zu und war erstaunt darüber, mit welch einer Liebe und Tiefe sie mit mir teilte, was ihr viel bedeutete. Sie wurde nicht müde, mir die Augen zu öffnen für das, was ihr in ihrer zweiten Heimat wichtig geworden war. Je länger sie sprach, umso intensiver strahlten ihre Augen. Sie war so erfüllt von dem, worüber sie redete, dass es geradezu aus ihr herausleuchtete. In diesen Momenten war sie wunderschön. 
 

„In diesem Zusammenhang sprach Raheli von der „Demut vor dem Leben“, wie sie es nannte. Demut vor den Dingen, die passieren und sich weder beeinflussen noch aufhalten lassen. Und die von uns fordern, sich ganz auf sie einzulassen“

Die Nachbarn mit der Gartenlaube

An einem verregneten Donnerstagnachmittag im späten Herbst berichtete Raheli mir davon, wie sie die Schreckensjahre in Deutschland überstanden hatte. Sie erzählte von vielen Begebenheiten, bei denen sie selber in den Hintergrund trat und Menschen im Vordergrund standen, die ihr das Überleben ermöglicht hatten. Da waren die Nachbarn, die ihre Gartenlaube als Versteck zur Verfügung stellten. Da war der SS-Mann, der sie – obwohl klein und schwach – in die Arbeitskolonne einteilte und ihr später manchmal eine Kartoffel zusteckte. Da waren wildfremde Menschen nach Kriegsende, die dafür sorgten, dass sie nach Palästina ausreisen konnte. Bis zu ihrem Tod wusste sie nicht, wer welche Strippen gezogen hatte. Doch der Start in ein neues Kapitel ihres Lebens wurde möglich. In diesem Zusammenhang sprach Raheli von der „Demut vor dem Leben“, wie sie es nannte. Demut vor den Dingen, die passieren und sich weder beeinflussen noch aufhalten lassen. Und die von uns fordern, sich ganz auf sie einzulassen. 

Hand in Hand mit dieser Demut ging bei Raheli die Dankbarkeit. Wenn ich mich zurückerinnere, dann sprach sie oft davon – und oft von Begegnungen und Erlebnissen, für die sie dankbar war. Diese „Dankes-Gedanken“ schienen sich wie ein roter Faden durch ihre Geschichten zu ziehen. Ich staunte darüber, wie es ihr immer wieder gelang, sich so eine Art „Dankbarkeitsbrille“ aufzusetzen, mit der sie selbst in dunklen, ausweglosen Situationen noch einen hellen, leuchtenden Funken sah – und für ihn dankbar war. 

Die Kraft der Dankbarkeit

Eines Tages konnte ich nicht anders als Raheli zu fragen, woher sie immer wieder ihre Dankbarkeit nahm. Mir kam sie manchmal unmenschlich vor. Schon als kleines Kind, so sagte Raheli, war es ihre Großmutter gewesen, die ihr das Dankbarsein vorgelebt hätte. Dankbar für das warme Mittagessen – und aus Dankbarkeit im nahe gelegenen jüdischen Kinderheim einen Kuchen zum Sabbatbeginn vorbeizubringen. Oder dankbar für die Wärme in der eigenen Küche – und die Nachbarin aus der Wohnung „von oben“ im kalten Winter zum Tee einladen, weil bei der die Kohlen schon aufgebraucht waren. Mich haben diese Geschichten nicht losgelassen. Sie waren für mich erste Vorboten der Kraft der Dankbarkeit. Sie macht mein Leben reich, wenn ich mich auf das konzentriere, was mir Gutes widerfährt. Kein Tag, an dem es nicht Grund dafür gibt. Wenn ich an Raheli denke, sehe ich ihre warmen braunen Augen, diesen liebevollen Blick. Und ich denke: „Sie war schön, innerlich schön.“ Und diese Schönheit strahlte aus ihr heraus. 

Dieses besondere Strahlen, das mich so faszinierte, entdeckte ich in Rahelis Leben noch in einer anderen Situation. Vor ihrer Wohnung standen schmale Blumenkästen auf den Fenstersimsen, sorgfältig aneinandergereiht. Sie waren bepflanzt mit roten Geranien. Und sie blühten fast das ganze Jahr lang. Oft kam ich zu unseren Treffen und fand Raheli bei ihren Blumenkästen. Liebevoll knipste sie die verblühten Stängel heraus, lockerte mit einem alten Messer die Erde zwischen den Pflanzen auf. Die Gießkanne stand nie weit entfernt und war fast jeden Tag im Einsatz. Raheli liebte ihre Geranien, sie erinnerten sie an ihre Kindheit. Stundenlang konnte sie über Blumen sprechen und über die Natur im Heiligen Land. Egal, ob es um die Blütenpracht in Galiläa im Frühling ging oder um Sukkulenten in der Negev-Wüste, Raheli wusste Bescheid. „Schöpfung“, nannte sie das. Und wenn sie sprach, von dem, womit Gott sie umgeben hatte, dann war es wieder da: das warme Strahlen in ihren Augen. Und da war sie wieder, ihre stille Schönheit. 

Jemand hat einmal gesagt: „Die äußere Schönheit kann man anstreichen, die innere will gelebt werden.“ Ich mag diesen Satz. Denn Dinge so wahrzunehmen, dass ich sie als schön empfinde, und das auch zum Ausdruck zu bringen, ist manchmal eine Kunst. Doch immer habe ich die Möglichkeit, sie zu gestalten – und ob der Betrachter meine Ausstrahlung dann als Schönheit bezeichnet – nun, das liegt in seinem Auge. 
 

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