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Ein bisschen wie Geheimnis

Psychologie

Warum tut es uns gut, wenn wir etwa schön finden? Was geschieht dabei in unserem Kopf? Finden eigentlich alle das Gleiche schön? Fragen, denen Dr. Martina Kessler nachgeht. Dabei findet sie zwar manche aufschlussreiche Antwort, aber eben auch nur manche. Ein bisschen Geheimnis bleibt also doch. Wie schön, dass wir nicht alles wissen – müssen.

Auf dem Weg zu einem beruflichen Termin bin ich mit meinen Gedanken bei dem, was mich erwarten könnte. „Wir hatten ein Thema verabredet; rechts abbiegen; aber gestern stand in einer Mail ein anderes Thema für heute; im Kreisverkehr geradeaus; wie gehe ich damit um?; Achtung, Ampel!; die Mail kam vom Chef; aber ich hatte das Thema doch mit der Gruppe beim letzten Mal besprochen; links abbiegen …“ Da, ein Eichhörnchen huscht schnell noch vor mir über die Straße. Ich lächle. Und in diesem Moment wird mir bewusst, wie sich meine Gesichtszüge entspannen. Aber mir wird dadurch auch klar, wie verkrampft sie vorher waren. 

Es geschieht etwas in mir

Diese kleine Geschichte steht für mich für viele Alltagssituationen. Egal, ob ich meine phantasievoll spielenden Enkelkinder beobachte, meine Orchideensammlung pflege, ein gelungenes Strickwerk begutachte, einen Sonnenuntergang bewundere, mich an einer vorweihnachtlichen Lichterkette erfreue, mit dem E-Bike durch die Landschaft fahre oder im neuen Wintergarten die Wärme des Herbstes genießen kann. Wenn ich das Schöne auf mich wirken lasse, dann geschieht etwas mit mir. Ich brauch das wie die Luft zum Atmen. 

Weil es mir gefällt

Was die jeweiligen Menschen schön finden, ist unterschiedlich. Meinen Mann erfreuen gut durchdachte Darbietungen in Wort und Schrift und „schöne“ mathematische Formeln. Einer meiner Freunde erfreut sich an perfekter Technik! Sein größtes Kompliment ist es, wenn er sagen kann: „Da gibt es nichts mehr zu verbessern!“ Er arbeitet in der Automatisierungsbranche. Es ist nicht nur sein Beruf, sondern auch seine Berufung, immer wieder nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen. Und wenn etwas perfekt ist, perfekt läuft, dann genießt er es. Dabei kann er richtig ins Schwärmen kommen. Einer Freundin ist Ästhetik wichtig. Sie liebt es, Räume entsprechend zu gestalten. Alles ist durchdacht, folgt einem Konzept und ist aufeinander abgestimmt. Vor einiger Zeit sprach ich mit einer stark tätowierten Frau über ihre Tattoos. Diese Welt ist mir verschlossen. Aber ihre Aussage war ganz klar: „Ich mache das, weil es mir jetzt gefällt!“ So könnte ich mit vielen Bespielen weitermachen. Vor einiger Zeit habe ich während einer Rehamaßnahme eine kleine Eule aus Ton hergestellt. Sie würde keinen Absatz im Kunstgewerbe finden. Aber ich freue mich an ihr, denn ich habe sie mit meinen Händen gestaltet. Sie kann ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern.
 

„Vor einiger Zeit habe ich während einer Rehamaßnahme eine kleine Eule aus Ton hergestellt. Sie würde keinen Absatz im Kunstgewerbe finden. Aber ich freue mich an ihr, denn ich habe sie mit meinen Händen gestaltet. Sie kann ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern.“

Symmetrische Körper

Schönheit ist nie absolut, sondern geprägt durch die jeweilige historische Epoche und Kultur. Sie hat unterschiedliche Gesichter. Man denke nur an die Bilder von Rubens mit den wohlgenährten Frauen, die heute bei jedem Arztbesuch eine Mahnung zur Gewichtsreduktion bekommen würden.
Forscher haben einige Gemeinsamkeiten herausgefunden, wann etwas als schön bewertet wird. Als besonders anziehend gelten symmetrische Körper und Gesichter, aber auch Schmetterlinge, Blumen oder Schneeflocken. Interessant ist, dass das Schöne zu allen Zeiten und in allen Kulturen immer wieder, auch unter schwierigen Umständen, zu Entfaltung kam. Die Römer errichteten Aquädukte, die Ägypter bauten Pyramiden und die Aborigines malten Sand-Bilder – immer symmetrisch, wenngleich auf unterschiedliche Symmetrien aufgebaut. Symmetrisch ist etwas dann, wenn etwas auf sich selbst abgebildet werden kann, wie zum Beispiel der „Goldene Schnitt“. Er ist in der Natur vielfältig zu finden: in der Anordnung von Sonnenblumenkernen in der Pflanze, bei Schneckenhäusern, bei vielen Blattstellungen von Pflanzen oder auch bei guten Gemälden, z. B. von Rembrandt, oder Fotografien. Wen wundert es, dass mein mathematikbegeisterter Mann die Fliesen in unserem Wohnzimmer im „Goldenen Schnitt“ verlegen ließ.

Ganz schön fraktal

Eine andere Symmetrieart nennt man „Fraktale“. Hier wiederholt sich die immer kleiner werdende Symmetrie. Es ist quasi so, als wenn man in eine Figur hineinzoomt. Fraktale findet man bei Bäumen: die dicken Äste werden zu immer feineren Zweigen bis hinein in die Blattadern. Genauso verzweigen sich Blitze in immer kleiner werdende Verästelungen. Unser Gehirn ist gut darin, diese Wiederholungen zu erkennen. Auch deshalb werden diese Muster heute in der Filmindustrie eingesetzt und wenn Obi-Wan und Anakin in Star Wars mit dem Lavastrom kämpfen, dann sieht es atemberaubend aus, weil Fraktale dahinterstecken.

Weshalb wir Symmetrien mögen, ist noch nicht ausreichend erforscht. Auffällig ist jedoch, dass leere Flächen langweilen und Ornamente, Mosaike oder bunte Wandbilder den Blick verweilen lassen und die Stimmung heben. Sie ermutigen unseren Erkundungsgeist, machen uns kommunikativer, helfen uns bei der Orientierung und bewirken, dass wir uns mit der Umgebung verbunden fühlen. 

Bewusst und individuell

Eine Neurowissenschaftlerin interessierte sich dafür, inwieweit es genetisch oder durch Erfahrung geprägt ist, ob etwas als schön empfunden wird. Um diese Frage beleuchten zu können, untersuchte sie eineiige und zweieiige Zwillinge bezüglich ihres Schönheitsempfindens. Sie stellte überrascht fest, dass es keinen Unterschied zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen darin gab, ob sie etwas schön oder nicht schön fanden. Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Bewertung davon, was als schön empfunden wird, nicht genetisch verankert ist, sondern auf individueller Erfahrung beruht. Wir können also festhalten: Was als „schön“ bewertet wird, ist ein bewusst getroffenes Urteil von Menschen in Abhängigkeit von Zeit und (Sub-)Kultur.

Damit die Beurteilung zuverlässig und schnell geschehen kann, reagiert das Belohnungszentrum des Gehirns, das mesolimbische System. Nachdem vorher dort viele, zum Überleben wichtige, Aktivitäten mit etwas Angenehmem verbunden wurden, haben wir im aktuellen Moment gute Voraussetzungen für ein Wohlgefühl. Nach einer logischen und komplizierten Aktivierung des Gehirns werden dann erneut Glückshormone ausgeschüttet, die sich wiederum in den Rezeptoren des Belohnungssystems ablagern und das Glücksgefühl steigern. 

Im Allgemeinen gibt es also Dinge, die wir schön finden. Das kann wissenschaftlich nachgewiesen werden. Aber zugleich bleibt die Zuschreibung „Das ist schön“ höchst individuell. Und damit bleibt es auch ein bisschen geheimnisvoll. Gerade, weil wir etwas schön finden, hat es Einfluss auf uns. Diesen Umstand können wir nutzen, wenn das Leben uns herausfordert. Dann werden die kleinen Schönheiten des Alltags besonders wertvoll. 
 

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