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Wille und Weg

Leitartikel

Lässt sich die Komplexität des Lebens tatsächlich auf zwei Begriffe reduzieren? Oder handelt der oberflächlich und sträflich leichtsinnig, der das tut? Was führt den Menschen dazu, sich seine Meinung zu bilden – und diese stetig und wachsam zu überdenken? Und wenn er weiß, was er will, welchen Weg soll er dann gehen? Von Detlef Eigenbrodt.

Deutschland. Im Herbst stehe ich als Moderator einer Veranstaltung zufällig nahe der einzigen Eingangstür, als ein Ehepaar zielstrebig an mir vorbeigehen will. Sie mit Mund-Nase-Maske, er ohne. Als ich sie freundlich stoppe und den Herrn bitte, seine Maske aufzusetzen, verabschiedet seine Frau sich mit den Worten: „Ich geh dann schon mal rein.“ Und ich steh mit ihm allein da und versuche trotz seiner latenten Aggression einigermaßen ruhig zu bleiben. Er zeigt mir ein Attest, dass er keine Maske tragen müsse. Ausgestellt von einem Arzt, den ich nicht kenne. Es entwickelt sich ein Gespräch über seine beiden recht angriffigen Fragen: ob ich ihn diskriminieren wolle und ob mir bewusst sei, dass er mich verklagen könne. Die erste verneine ich und bitte ihn erneut, seine Maske aufzuziehen, die zweite nehme ich zur Kenntnis. Sein Ton wird rauer, er wettert gegen Politiker und ihre Entscheidungen, schimpft auf den schlechten Zusammenhalt unter Christen und schaut mir wütend ins Gesicht als ich sage, dass ich im Moment nicht mit ihm über dieses sehr komplexe Thema diskutieren möchte, da ich mich gern auf den Abend und die Gäste konzentrieren würde. Mir sei klar, dass wir sehr unterschiedliche Ansichten verträten, die einen anderen, einen besseren Rahmen um Austausch verdienen würden. Er schaut mir weiterhin direkt und fest in die Augen, so als wolle er mich dadurch zu Boden zwingen. Was er denn tun solle, fragt er mich. Ob ich etwa erwarte, dass er einfach wieder nach Hause fahre und seine Frau später abhole? Das sei pro Strecke über eine Stunde Fahrt! Erneut erkläre ich ihm, dass es völlig ausreiche,  seine Maske aufzuziehen – und sollte er keine dabeihaben, ich würde ihm sehr gerne eine geben. Auf meine Frage, warum er denn zu dem Abend gekommen sei, obwohl doch bei allen Einladungen klar gemacht worden war, dass die Maske zum Schutz aller Pflicht sei, gab er mir keine Antwort. Ich fühlte mich erinnert an die wütenden E-Mails, die ich bisweilen auf meine Beiträge hin bekomme. Mails von Menschen, die meine Positionen nicht mögen und mich dafür kritisieren, dass ich sie vertrete. Menschen, die forsch und bisweilen unverschämt werden, die erwarten, dass ich ausgewogener bin und die dabei doch nur ihre eigene Sicht gelten lassen. Was schon deshalb sehr bemerkenswert ist, weil sie mich ja genau dafür angehen und mir eben dies vorwerfen, dass ich nur meine Sicht vertrete. Irgendwie paradox. Alles, was ihnen nicht gefällt, wird als Lüge, Manipulation oder als Versuch der Regierung abgetan, das Land in eine Diktatur zu führen. Soweit ist das im Grunde ertragbar, mal von den verbalen Entgleisungen abgesehen. Was mich aber überrascht und auch besorgt ist die Tatsache, dass keiner, aber wirklich auch gar keiner von denen, die mich bisher anschrieben – und ich habe allen geantwortet – in irgendeiner Form bereit war, sich auf ein sachliches Gespräch einzulassen. Auf meine Bitte hin, mir zu zeigen, wo ich geschrieben hätte, was kritisiert worden war, blieb es still. Argumente gab es keine, außer natürlich der eigenen Annahme, im Recht zu sein.

„Dabei haben wir Christen doch einen Kodex, nach dem wir unsere Gespräche – auch die konfliktären – führen. Wir wollen das in Liebe tun, mit Respekt, Achtung, Aufrichtigkeit und immer auch mit der Möglichkeit im Hinterkopf, selbst im Irrtum zu sein.“

Freiheit. Oder feige?

An genau diese Haltung fühle ich mich erinnert, als ich mit dem Gast an der Eingangstür zum Saal stehe. Ereifertes Reden und der Versuch, sich mit Vehemenz und Lautstärke durchzusetzen. Dann holt er plötzlich doch seine Stoffmaske aus der Tasche, zieht sie auf und geht zu seiner Frau in den Saal. Ich bin beeindruckt. Und dankbar. Wenig später steht er wieder vor mir, draußen, ohne Maske, und fragt, ob er bitte auf mein Angebot zurückkommen könne, ihm eine von unseren Masken zu geben. Er käme mit seiner Stoffmaske nicht gut zurecht. Ich gebe ihm gerne eine. Am Ende der Veranstaltung beeile ich mich, von ganz vorne nach ganz hinten zum Ausgang zu kommen, ich möchte noch einmal mit ihm reden, ihm für sein Verständnis danken, mich zur Fortsetzung des Gespräches mit ihm verabreden. Aber ich verpasse ihn leider. Schade. Ich hätte gern auch noch mal mit ihm über unsere Begegnung zu Beginn des Abends gesprochen und um Entschuldigung gebeten, wenn ich ihn auf die ein oder andere Art verletzt hätte. Denn das passiert schnell. In beide Richtungen. Worte fallen, und was gesagt ist, ist gesagt. Nicht alles davon ist hilfreich und aufbauend, vieles nicht verbindend. Und dann? Wir können nur schwer oder gar nicht vergessen, was der andere gesagt hat, es nagt an uns, es ärgert uns und treibt uns tiefer in die eigene Position. Das scheint wie ein Schutzmechanismus zu funktionieren. Wie in dem Moment, als ich mit einer Dame auf ihren Facebook-Post hin ins Gespräch kam. Das lief nicht so gut, um ehrlich zu sein. Sie fühlte sich vorgeführt, als ich nach Sachargumenten fragte, und brach das Gespräch mit der Bemerkung ab, dass sie doch auf ihrem Profil posten könne, was sie wolle. Stimmt auch. Das darf sie. Ich hatte dennoch die Hoffnung, dass sie nicht nur poste, um Meinung zu machen, sondern auch bereit und in der Lage sei, zu erklären, warum sie ihre Position einnimmt. Das war sie leider nicht. Schade. Dabei haben wir Christen doch einen Kodex, nach dem wir unsere Gespräche – auch die konfliktären – führen. Wir wollen das in Liebe tun, mit Respekt, Achtung, Aufrichtigkeit und immer auch mit der Möglichkeit im Hinterkopf, selbst im Irrtum zu sein. Wie aber findet man das heraus, wenn ein solides Gespräch gar nicht erst möglich ist? Wenn sich die Beteiligten einseitig in ihre inneren Schutzbunker zurückziehen, weil sie meinen, der Feind werfe Bomben über ihnen ab? Wir dürfen eins nicht übersehen: nicht jeder, der eine Rückfrage hat, ist ein Feind. Allzu oft ist er ein Freund und fragt gerade deshalb nach.

Die Ignoranz der Güte

Österreich. Der Schock sitzt tief, als Wien zum Ziel eines Anschlags wird, der viele Menschen verletzt oder sie das Leben kostet. Sicher. Man kannte so etwas schon aus anderen Ländern und anderen Städten. Die Freiheit wird angegriffen, die Demokratie, die westliche Art zu leben. Immer wieder stehen auch Moscheen (bitte Anmerkung ganz unten nach dem Text dazu prüfen) im Visier, Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens, bestimmt auch wegen der ganz besonderen Rolle, die die Bibel dem Volk Israel in der Heilsgeschichte einräumt. Wie viel Schuld ist da in den letzten Jahrzehnten aufgehäuft worden – sie ist größer als jeder Haufen lebloser Menschenkörper, die achtlos zusammengeworfen wurden, um dann verbrannt zu werden. Aber wir müssen den Bogen weiter schlagen. Ich denke an Freunde, die mir immer wieder von der unsäglichen Situation im Jemen erzählen. Bürgerkrieg. Ich denke an Anschläge wie den kürzlich in Kabul, als die Taliban Bildungseinrichtungen angriffen und Menschen töteten. Weil diese etwas lernen wollten! Bildung macht frei, und das erträgt nicht jeder. Ich denke an einen Freund in Armenien, der mir Bilder, Berichte und Videos aus seinem Land und der Region Berg-Karabach schickt. Er und viele andere sind sicher, dass der Genozid an seinem Volk in eine neue Runde geht.


Wer soll das alles vergeben können, oder vergessen? Wer hat all die Toten gezählt in den Krisengebieten dieser Welt, wer die Tränen der Mütter und Väter, die bittere Verzweiflung der Söhne und Töchter, es spielt keine Rolle, ob da jemand Muslim, Jude oder Christ ist. Was zählt, ist die unbarmherzige Grausamkeit, mit der gemordet wird. Das Verabscheuen des anderes, das sich über ihn erheben, das Denken, besser zu sein und guten Grund zu haben, ihn zu töten. Wenn diese Arroganz und dieser Hass auch noch auf religiösen Argumenten fußen, dann wird es besonders unerträglich. Ist die Welt heute so? Bringt man Menschen um, weil sie anderer Meinung sind? Ich kann oft nicht glauben, was ich höre und sehe und weiß doch, dass es wahr ist. Der Mensch ist des Menschen Feind. Der Hass auf alles Unbekannte. Die Ignoranz der Güte. Politiker versichern sich gegenseitig ihre Solidarität, Kirchenführer auch, alle sind sich einig, dass den Verbrechen gegen die Menschlichkeit endlich ein Ende gemacht werden muss. Aber irgendwie klingt das super abgedroschen und scheint auch nicht zu funktionieren. Was wir nicht bedenken? Zuneigung und Versöhnung lassen sich nicht verordnen, nicht anweisen wie ein „nun gebt euch die Hände und entschuldigt euch“. Da ist so viel Unfrieden, so viel Wut in den Herzen so vieler Menschen. Vergebung? Fehlanzeige! Jedenfalls so lange, wie die wirksamste Quelle der Vergebung außer Acht gelassen wird.

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Die nächsten Wochen

Die vereinigten Staaten von Amerika. Am Dienstag, 03. November dachten viele, die Welt stünde – endlich, wie sie meinten – vor dem Ende einer für sie unerträglichen politischen Missachtung all dessen, was sie verehren. Manche wähnten, es sei vorbei und freuten sich auf bessere Zeiten. Auf solche ohne Tweets des obersten Führers, ohne die Verdrehung der Wahrheit, ohne aggressive Rhetorik und infantile Mobilmachung. Etwa ähnlich viele hofften genau das Gegenteil. Am Mittwoch, 4.November, rieben sich alle die Augen. Gegen Mittag, die Auszählung der Stimmen ist noch in vollem Gange, ruft sich der noch amtierende Präsident zum Sieger der Wahl aus und erste Glückwunschbekundungen, zum Beispiel aus Slowenien, treffen bei ihm ein. Merkwürdig? Oh ja, sehr merkwürdig. Fanden offenbar auch andere Politiker des US-republikanischen Lagers und verwiesen auf die anhaltende und offene Entwicklung der Stimmauszählung. Während er nach allen Statistiken aller Sender hinten liegt, fordert der Präsident ein Ende der Auszählung und wähnt sich als eindeutiger Sieger. Merkwürdig? Ja. Heute, Donnerstag, 05.November wissen wir, was vor 24 Stunden noch längst nicht klar war. Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika haben einen neuen Präsidenten gewählt. Ob sie den wirklich wollten, oder ob sie den alten einfach nicht mehr wollten, wer will das schon abschließend sagen. Fest steht aber, dass es noch nie eine solche Bewegung gab. Mit rund 160 Millionen abgegebenen Stimmen, das sind etwa 67 Prozent aller US-Amerikaner, war die Wahlbeteiligung historisch hoch. Und das Ergebnis? Nun, fest steht, wer die meisten Stimmen bekam. Was andernorts bereits ein eindeutiges Votum wäre, führt vermutlich schließlich auch im amerikanischen System der Wahlleute dazu, dass ein Sieger feststeht. Das ist das rein numerische Ergebnis. Wenn es denn so bleibt. Die nächsten Wochen könnten gefüllt sein mit rechtlichen Auseinandersetzungen, mit Interpretationsfragen, mit Klagen, Vorwürfen und Gerichtsverfahren. Außer den Anwälten, die sich eine goldene Nase dabei verdienen, wird aber vermutlich niemand so recht etwas davon haben. Denn wir müssen davon ausgehen, dass die Unterstützer des amtierenden Präsidenten auch eine höchstgerichtliche Feststellung nicht einfach so gutheißen würden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu blutigen Straßenschlachten führen wird, aber was weiß ich schon.

Ich. Und dein Standpunkt

Was aber jetzt schon sicher ist: Viele werden sich mit der Frage nach Schuld und Vergebung beschäftigen, und das müssen sie auch. Die einen, weil sie schuldig geworden sind, die anderen wegen des Eindrucks, man habe ihnen übel mitgespielt. Die Argumente beider werden in der Regel emotional und oft nicht nachvollziehbar sein und bleiben. Jeder hat seinen Standpunkt. Und den verlässt er nicht. Niemals. Raum für einen Blick durch die Brille des anderen bleibt da nicht, zu groß die Verhärtung, zu dick die Mauern, die gezogen wurden. Für Einsichten und positive Öffnungen ist da kein Platz. Weil man wohl fürchtet, das könnte als Zeichen der Schwäche gedeutet werden. Es wird viel Ruhe und Weisheit nötig sein, um die geschlagenen Wunden zu heilen. Bei allen Beteiligten. Doch es gilt. Tatsächlich. Und immer noch. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Jetzt könnten eigentlich die berühmten Worte Martin Luther Kings aus dem Jahr 1963 kommen – I have a dream – sie wären mehr als angebracht. Sein Traum hat sich auch mehr als 50 Jahre nach seiner Rede beim Marsch auf Washington nicht erfüllt. Ist er damit hinfällig? Ausgeträumt? Nein, ist er nicht! Weil es immer noch Menschen gibt und sie immer geben wird, die weiterträumen! Die das, was geschieht, einfach nicht zulassen! Die sich mit aller Entschlossenheit der Hoffnungslosigkeit entgegenstemmen! Die gewillt sind – bei aller Verrohung von Worten und Haltungen – immer auch die Perspektive des Gegners im Blick zu behalten. Wenn die Menschheit scheitert, dann daran, dass sie im erstarkten Egoismus aufhört, den anderen zu sehen und verlernt hat, verschlossene Türen aufzumachen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Das mit dem Willen müssen wir klären, das liegt in unserer Entscheidungskompetenz. Wollen wir? Wollen Sie? Vergeben? Frieden fördern? Das mit dem Weg ist ja geklärt: „Ich bin der Weg“, sagt Jesus im Johannesevangelium. Wille und Weg. Ihre Entscheidung!

Magazin Winter 2020