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Wer nicht vergibt der ist nicht frei

Psychologie

Es ist eine Illusion, sich zu wünschen, ohne emotionale Verletzung durchs Leben kommen zu können. Wir alle müssen mit Verletzungen leben, damit rechnen und zurechtkommen.

„Das Leben ist ungerecht!“ Diesen Satz hörten unsere Kinder nicht nur in der Phase, in der Kinder das Leben erst dann als gerecht erleben, wenn sie selbst das Größte haben. Zum Beispiel das größte Stück Kuchen oder den größten Nachtisch. Unsere Tochter hörte ihn auch, als ihr Auto einen Totalschaden hatte, weil ein anderer Fahrer ihr den Weg abschnitt, weiterfuhr und auch nicht zu ermitteln war. Unser Sohn hörte ihn, als er bei einer Beförderung übergangen wurde. Alles Peanuts? Sicher, alles ärgerlich, aber nicht wirklich bedrohlich. Anders ist es für Nelli. Sie wurde bei einem Autounfall schwer verletzt, weil der Unfallverursacher 2,3 Promille hatte. Brryan wurde von seinem Vater absichtlich mit HIV infiziert, weil er Brryan nicht wollte und dieser keine weiteren Kosten verursachen sollte. Tanja arbeitet in einem christlichen Werk. Ihr Chef ist immer wieder grenzüberschreitend, auch sexuell. Ihr glaubt das keiner.

Ein Leben ohne Verletzungen gibt es nicht

Es ist eine Illusion, sich zu wünschen, ohne emotionale Verletzung durchs Leben kommen zu können. Wir alle müssen mit Verletzungen leben, damit rechnen und zurechtkommen. Manchmal gelingt das nahezu emotionslos. Und manchmal kommt Zorn auf. Zorn ist eine natürliche Reaktion auf erfahrenes Unrecht – gleich welcher Dimension – und es ist auch egal, ob man wirklich Unrecht erlebt hat oder ob man nur meint, Unrecht erlebt zu haben. Auch wenn es in solchen Momenten gesund ist, zornig zu werden, so sollte man nicht dabei stehenbleiben. Das ist nicht gesund. Gesund ist es, Zorn sozialverträglich abzuarbeiten – auch wenn die Verursacher keine Reue zeigen und auch, wenn die andere Person längst verstorben ist. Personen, die berechtigten Zorn unterdrücken und dann mit der Zeit nicht mehr wahrnehmen, brauchen eine Therapie!

„Ärger, Wut oder Verbitterung setzen vermehrt Adrenalin und Cortisol, also Stresshormone, frei. Die Folge sind unter anderem erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck und Herzprobleme.“

Vergeben? Ja, aber wie?

Wie kann man nun dahin kommen, vergeben zu können? Aus eigenem Erleben weiß ich: Vergebung braucht Zeit. In einem längeren Prozess habe ich immer mal wieder feststellen müssen, da ist noch ein Kapitel abzuarbeiten. Mein Weg der Vergebung begann mit einem Akt des Gehorsams. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig wurden“ (Matthäus 6,12). forderte mich heraus. Eines Tages ging ich in meinem Arbeitszimmer auf die Knie – und ich bete wirklich selten so. Zerknirscht und ein bisschen unwillig betete ich folgendes: „Vater im Himmel, ich habe die Aufforderung gehört, anderen zu vergeben. Ich glaube, es ist jetzt dran, das zu tun. Ich will vergeben. Aber ich tue es nur, weil es in deinem Wort steht. Mein Herz will etwas ganz anderes. Es ruft: ‚Ich will Rache‘. Gott, und du weißt, dass ich den Menschen, die mir so weh getan haben, eher den Tod wünsche. Aber du willst, dass ich vergebe. Gut, ich will vergeben! Mit dem Kopf geht es. Aber ich bitte dich, dass mein Herz hinterherkommt. Das kann ich nicht machen und darum bitte ich dich, dass du mein Herz veränderst.“ Erstaunt registrierte ich nach zwei Wochen: Meine Gefühle hatten sich verändert! Aber das war erst der Anfang. Immer wieder ging ich einen Schritt. Manchmal war ich überrascht, mit welchem Humor das Leben mich herausforderte, manchmal wurde ich mit Situationen oder Aussagen konfrontiert, die zu nächsten Schritten führten. Der letzte Akt ist noch gar nicht so lange her. Bei einer Autofahrt sagte ich zu meinem Mann: „Dieser Person zu begegnen, das ist okay, aber länger mit ihr in einem Raum sein, das geht, glaube ich, nicht!“ Er blickte auf die Straße und sagte fast nebenbei: „Na, dann überleg dir mal, wie du das dann im Himmel machen willst!“ Wumm, das saß. Und ich merkte: Da ist noch was offen. Erneut ging ich zu Gott und bat ihn, mich wirklich frei zu machen. Dafür musste ich ihm alles, wirklich restlos alles, übergeben. Das tat so gut. Heute bin ich wirklich frei! Ich könnte mit den beteiligten Personen heute ein freundliches Gespräch führen. Dabei könnte ich mich, wenn nötig, durch freundliches Grenzen setzen schützen. Insgesamt dauerte der gesamte Prozess fast 15 Jahre.

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Andere Menschen suchen sich andere Wege. Manchmal ist es vielleicht hilfreich, die Fakten zu prüfen. Habe ich tatsächlich Unrecht erlebt oder ist es eher das Gefühl von Unrecht? Bin ich wirklich benachteiligt oder gönne ich anderen ihr Glück nicht? Bin ich nachweislich geschädigt worden oder passt mir nur die Entscheidung/der Ausgang nicht? Neulich war ich bei einer Sitzung und jemand explodierte, weil er sich als nicht an einer Sache beteiligt erlebte. Wenn man genau hinschaut, dann hatte er eine ganz bestimmte Form im Kopf, wie seine Beteiligung hätte aussehen müssen, damit er zufrieden gewesen wäre. Nur dann hätte er das Gefühl gehabt, beteiligt zu sein. Andere, bereits verwirklichte, Beteiligung wischte er vom Tisch, weil sie nicht seiner Vorstellung davon entsprach, wann man an einer Sache beteiligt ist.

Es kann auch helfen, sich bewusst zu machen, dass die schädigende Person dies getan hat, weil sie selbst aus einem Defizit heraus gehandelt hat. Vielleicht ist sie „emotional behindert“. Das entbindet zwar nicht von der Verantwortung, aber es führt zu einem Verständnis für die andere Person.
    
Martin Grabe empfiehlt in seinem Buch „Lebenskunst Vergebung“, sich damit auseinanderzusetzen, dass man selbst auch schuldig geworden ist und dringend Vergebung braucht. Natürlich bin ich in fast allen Lebensbezügen schuldig geworden. Sowohl an meinem Mann als auch an meinen Kindern, Eltern, Schwiegereltern und anderen. Das relativiert die Schuld anderer. Wer sich selbst als ein Mensch erlebt, der auf die Gnade Gottes und die anderer Menschen angewiesen ist, wird anders mit der Schuld von Menschen umgehen. Gerade wenn man vergibt, ist es so wichtig zu überlegen: In welchem Rahmen will ich diesen Kontakt zukünftig leben? Wo bin ich offen, wo hätte ich lieber Grenzen, wo muss ich mich schützen?

Am liebsten möchte ich Ihnen laut zurufen: „Entscheiden Sie sich dafür, den Menschen zu vergeben, die an Ihnen schuldig geworden sind.“ Nur das! Entscheiden Sie sich freiwillig, dass Sie es wollen. Vergebung lässt sich niemals verordnen! Wer nicht vergibt, ist nicht frei! Selbst wenn das Vergeben in der aktuellen Situation unsagbar schwerfällt, treffen Sie die Entscheidung: am Ende will ich da angekommen sein! Diese Entscheidung kann der erste Schritt zur Heilung werden, selbst wenn der dann folgende Prozess einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Magazin Winter 2020