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Nur endlich weg mit ihm

Essay

Er war ein ziemlich unausstehlicher Mensch. Verzogen und verwöhnt, der Lieblingssohn seines Vaters. Und – wie wir heute manchmal sagen – eine „Petze“. Wann immer es möglich war, schwärzte er seine Geschwister bei seinem Vater an. Schließlich hebt es das eigene Image, wenn man das der anderen klein machen kann. Nachzulesen ist die ganze Geschichte in 1. Mose 37. Mehr dazu von Hans-Georg Wünch.

Und deshalb hassten sie ihn, seine Brüder. Eines Tages aber setzte er dem Ganzen dann doch die Krone auf. Er hatte einen Traum gehabt. Für den konnte er zwar nichts, aber sehr wohl für die Art und Weise, wie er ihn seinen Brüdern erzählte. Das tat er nämlich mit ganz vielen Hinweisen darauf, dass er sie nicht nur informieren wollte. Der hebräische Text ist ein Lehrstück dafür, wie man mit einer Erzählung belehren kann! Und das wollte er: seine Brüder belehren, ihnen ihren Platz zeigen, nämlich zu seinen Füßen. „Da hassten sie ihn noch mehr“. Eigentlich kein Wunder. So sehr hassten sie ihn, dass sie ihn bei der nächsten Gelegenheit, bei der sie mit ihm allein waren, zunächst in eine tiefe Grube warfen und ihn dann als Sklaven an vorbeiziehende Nomaden verkauften. Nur weg mit ihm. Eigentlich hatten sie ihn sogar töten wollen, aber Ruben, der älteste der Brüder, konnte dies gerade noch verhindern. Ihrem Vater Jakob gegenüber aber gaben sie ihn als tot aus.

Wie Phönix aus der Asche

Josef, von dem die Rede ist, wird nach Ägypten verkauft. Dort ist er zunächst Sklave im Haus eines hohen Hofbeamten. Und plötzlich gerät ihm alles. Gott ist mit ihm und macht ihn erfolgreich. Als die Frau des Hofbeamten ihn verführen will, bleibt er standhaft. Er landet trotzdem im Gefängnis, weil die Frau ihre Niederlage nicht akzeptieren wollte. Aber auch hier nimmt er schnell eine führende Position ein. Und schließlich wird er zum zweithöchsten Mann in Ägypten und sichert durch eine kluge und weise Politik nicht nur das Überleben vieler Ägypter, sondern letztlich auch das seiner Brüder und seines Vaters. Die Bibel erklärt nicht, wie aus dem verzogenen Bengel ein Mann wurde, der treu zu Gott stand und von ihm gebraucht werden konnte. Aber sie zeigt uns, dass genau das geschah. Vielleicht hatte er auf dem Weg nach Ägypten in die Sklaverei festgestellt, dass er doch nicht alles im Griff hatte, dass er letztlich ganz und gar von Gott abhängig war?

Der Show-Down kommt

Dann kommt es zur Begegnung zwischen Josef, der dem Aussehen und Verhalten nach mittlerweile ein ägyptischer Prinz geworden war, und seinen Brüdern, die auf der Suche nach Nahrung nach Ägypten gekommen waren. Josef hätte jetzt die Möglichkeit gehabt, sich zu rächen für den Hass und die Mordlust seiner Brüder. Und dafür, dass sie ihn zum Sklaven gemacht hatten. Jetzt war er in einer Machtposition! Und sie – sie erkannten ihn nicht. Sie warfen sich vor ihm nieder, ganz so, wie er das in seinem Traum gesehen hatte. Zumindest jetzt hätte er doch die Katze aus dem Sack lassen und ihnen ihre eigene Ohnmacht und seine übergroße Machtfülle zeigen können: „Seht ihr, ich habe es euch doch gesagt. Jetzt kniet ihr vor mir im Staub!“ Aber Josef tut es nicht. Stattdessen stellt er sie auf die Probe. Er will wissen, ob sie noch immer so sind wie damals: auf den eigenen Vorteil bedacht. Er gibt ihnen heimlich ihr ganzes Geld wieder mit. Und er behält Simeon zurück. Nur wenn sie mit ihrem jüngsten Bruder Benjamin wieder nach Ägypten kommen, soll Simeon freigelassen werden. Und die Brüder? Sie bestehen die Probe. Als sie nach einiger Zeit wieder zurück nach Ägypten kommen, um erneut Getreide zu kaufen, liefern sie das Geld vom letzten Einkauf ab. Und sie bringen Benjamin mit. Damals hatten sie ihren Bruder Josef für Geld verkauft. Jetzt ist ihnen ihr Bruder Simeon wichtiger als das ganze Geld, das sie mit zurückgenommen hatten.

„Auch wir können lernen, Menschen und Situationen aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen. Denn Gott wird einmal für Gerechtigkeit sorgen!“

Der Kelch im Sack

Aber Josef unterzieht sie noch einer letzten Prüfung. Erneut lässt er ihnen das Geld, mit dem sie ihr Getreide bezahlt hatten, in ihre Säcke legen. Und dann sorgt er dafür, dass in Benjamins Sack ein Kelch liegt, der in seinem Haus eine wichtige symbolische Bedeutung hat. Als sie unterwegs nach Hause sind, schickt er ihnen Soldaten hinterher und lässt sie nach seinem Kelch suchen. Gefunden wird er – wie geplant – in Benjamins Sack. Daraufhin soll Benjamin als Sklave zurückbleiben. Nun muss man an dieser Stelle noch wissen, dass Josef und Benjamin die beiden jüngsten Kinder Jakobs waren. Und die beiden einzigen, die von Jakobs Lieblingsfrau Rahel stammten. Nachdem also die Brüder schon gezeigt hatten, dass ihnen Geld nicht alles bedeutete und dass sie sich um ihren Bruder Simeon kümmerten, kommt jetzt sozusagen der letzte Test. Wie werden sie reagieren, wenn das zweite Lieblingskind ihres Vaters in Gefahr ist? Und wieder bestehen sie den Test. Juda ist bereit, anstelle seines Bruders Benjamin als Sklave in Ägypten zu bleiben.

Plötzlich vertauschte Rollen

Da gibt Josef sich ihnen zu erkennen. Was für ein Schrecken für alle. Der kleine Bruder Josef, dem sie so übel mitgespielt hatten, ist jetzt für sie der Herr über Leben und Tod. Was wird er mit ihnen tun? Und wieder erstaunt Josef mit seinem Verhalten. Er freut sich so, sie zu sehen, dass er seinen Brüdern um den Hals fällt und vor Freude weint. Und er sagt zu ihnen: „ … denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch her gesandt“ (1. Mose 45,5). Später, als sein Vater Jakob gestorben ist, überfällt seine Brüder erneut große Furcht. Vielleicht wird er sich jetzt an ihnen rächen? Und wieder sagt er: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet, es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen“ (1. Mose 50,19f). Josef beschönigt das Verhalten der Brüder nicht. Sie hatten wirklich böse Absichten. Aber Gott hat daraus etwas richtig Gutes gemacht. Wie kam Josef am Ende dahin, dass er ihnen vergeben konnte? Indem er das, was geschehen war, aus dem Blickwinkel Gottes betrachtete.

Gott und sein Plan

Und wir? Anders als Josef sehen wir allzu oft nicht, wozu Gott das benutzt hat, was andere an uns an Bösem angetan haben. Und böse bleibt es ja trotzdem. Aber auch wir können lernen, Menschen und Situationen aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen. Denn Gott wird einmal für Gerechtigkeit sorgen! Das ist übrigens auch die große und entscheidende Lehre, die wir aus der biblischen Ankündigung vom Endgericht ziehen dürfen. Weil Gott für Gerechtigkeit sorgen wird, müssen wir es nicht mehr tun. Weil Gott für Gerechtigkeit sorgen wird, können wir vergeben. Auch wenn wir nicht so deutlich wie Josef sehen können, dass Gott etwas Gutes aus dem Bösen der Menschen macht. Wie also ist Vergebung möglich? Indem wir lernen, alles, was uns geschieht, immer mit den Augen Gottes zu sehen und ihm das Thema Vergeltung und Gerechtigkeit zu überlassen. Denn, wie sagt Jesus: „Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen“ (Lukas 6,28).

Sie finden das schwer? Ja, das finde ich auch. Und doch bleibt es eine Anweisung Jesu, die unserem Leben gute Richtung gibt. Und dann ist da ja noch der Heilige Geist, die Kraftquelle für ein Leben, wie es Gott gefällt!

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