Feinfühlig und fröhlich

Interview

Fast könnte man sagen: „Alle Jahre wieder erscheinen neue Weihnachtsplatten“ und sich gelangweilt abwenden. Aber eben nur fast. Denn wie unterschiedlich diese Aufnahmen sind, wie vielschichtig und überraschend, entdeckt man beim Hören von Sarah Kaisers jüngster Produktion „Vom Himmel hoch“. Detlef Eigenbrodt traf sich zum digitalen Austausch mit ihr und fragte nach.

Sarah, sag, welches ist denn dein heimlicher Favorit auf der neuen Scheibe? Du hast doch unter all den Liedern sicher einen Liebling?
Stille Nacht. Während der Produktion war es, vor allem in den letzten Monaten vor der Veröffentlichung, „Stille Nacht“. Ich finde die Stimmung, die Martin Rott mit seinem Arrangement dieses so bekannten Klassikers geschaffen hat, ganz, ganz besonders und wunderschön. Ich bin jedes Mal in einer anderen Welt, wenn ich das Lied höre. Doch es ist auch so, dass meine Favoriten wechseln. Das hat auch viel damit zu tun, mit welchem Lied ich mich gerade beschäftige. Jedes Lied auf diesem Album ist so weit, dass es leicht zum Favoriten werden kann, sobald ich mich tiefer damit beschäftige.
 
Du hast ja vor allem „alte Lieder“ neu gewandet, einzig „Mary, did you know“ als relativ neues Lied hat es auf die Platte geschafft. Warum so viele alte und kaum neue?
Weil sie den Hörern vertraut sind. Und weil wir so viele kostbare Schätze haben unter den alten Weihnachtsliedern. Nicht umsonst singen wir  in Deutschland zu Weihnachten heute immer noch 500 Jahre alte Lieder: sie sind reich an Inhalt, Wortkunst und Bildsprache, Schönheit der Melodie. Ich bin unter anderem in Deutschland dafür bekannt geworden, alte Kirchenlieder in einem ganz neuen, modernen Stil zu Gehör zu bringen. Einige der Lieder hatte ich schon auf früheren Alben veröffentlicht, die wollte ich unbedingt auch auf diesem Album haben; mit dem Streichquartett haben sie eine neue Farbe bekommen.  
 
Track 11, „Von guten Mächten“, ist ja nun eigentlich gar nicht so sehr ein Weihnachtslied – wieso ist das auf der CD gelandet?
Das Album enthält Advents-, Weihnachts- und Neujahrslieder, also alle Lieder, die in die Jahreszeit passen. Auch „Nun lasst uns gehn und treten“ ist ein Neujahrslied, kein Weihnachtslied. „Von guten Mächten“ ist ein so kostbares Lied in dieser Jahreszeit und auch konkret in unserer Zeit und Situation heute, das musste einfach dabei sein.

An welchem Song habt ihr am längsten gearbeitet, bis ihr euch einig wart?
Mmh, lass mich überlegen … So ganz pauschal lässt sich das schwer sagen, aber bei „Mary, did you know“ gab es definitiv verschiedene Ideen, bevor sich die durchgesetzt hat, die nun auf dem Album verewigt ist.
 
Korrigier‘ mich, Sarah: Mein Eindruck beim Hören des Albums ist, dass man zärtlich-romantische Weihnachtsmusik hier eher vergeblich sucht – die Arrangements überraschen, sind hier und da gut jazzig, manchmal auch etwas ungewohnt. An wen richtet sich deine Scheibe in erster Linie?
Was ist denn „zärtlich-romantische“ Weihnachtsmusik? Ich finde durchaus, dass auf diesem Album sowohl Zartes, Feinfühliges als auch Locker-Fröhliches zu hören ist. Eine Hörerin brachte es vor ein paar Tagen wunderbar auf den Punkt: Ich höre mir Deine CD immer wieder an und sie ist (gerade) ein beständiger Begleiter und macht mich wirklich fröhlich und bringt mich in eine wunderbare Tiefe und gleichzeitig Leichtigkeit.  Und ein Bekannter, kein ausgemachter Jazzfan übrigens, sagte: Viel zarter als deine Version von „Stille Nacht“ geht es eigentlich nicht. Die Arrangeure haben darauf geachtet, die Tiefe, den Reichtum und die Vielschichtigkeit der jahrhundertealten Texte in den Arrangements auch musikalisch darzustellen beziehungsweise ihnen Raum zu geben. Durch die zum Teil sehr kammermusikalischen und fast klassisch anmutenden Arrangements mit Streichquartett ist ihnen das auch sehr gut gelungen, wie ich finde. „Vom Himmel hoch“ richtet sich an all meine Fans über die Jahre. Freunde von handgemachter, hochwertiger Musik; an Menschen, die reichhaltige, teils jahrhundertealte Texte schätzen und gerne neu entdecken möchten. An Menschen, die ein offenes Herz haben und Gott darin Raum geben möchten. Die in der Advents- und Weihnachtszeit ruhige, kostbare Erinnerungen geschenkt bekommen möchten, die zum Wegweiser werden.

„Seit ich erwachsen bin und verstanden habe, was Jesus mit Weihnachten zu tun hat, hat sich mein Fokus verändert.“

Sag mal, welches ist eigentlich dein schönstes Weihnachtserlebnis aller Zeiten?
Spontan fällt mir da zuerst meine Kindheit ein: Weihnachten im Kreis der Großfamilie mit Vorfreude, Geheimnis, Überraschung, Geschenken, Kerzen und Keksen und allen meinen Lieben um mich. Seit ich erwachsen bin und verstanden habe, was Jesus mit Weihnachten zu tun hat, hat sich mein Fokus verändert. So geht es nicht mehr um Kommerz und Geschenke. Dafür war es zum Beispiel vor einigen Jahren sehr schön und besonders, an Heilig Abend mit Freunden in ein Krankenhaus zu gehen und dort für die Patienten und das Personal zu singen.

Die Botschaft des Festes – tief gefüllt von der Erlösung durch Jesus, der möglichen Vergebung für alle Menschen – wie erklärst du die nachvollziehbar, greifbar und verständlich für die Menschen heute, die „sowas nicht mehr brauchen“?
Jeder Mensch braucht Vergebung. Und jeder Mensch, der ehrlich ist mit sich selbst, weiß oder spürt das auch. Bei Gott darf ich um Vergebung bitten, durch Jesus bekomme ich sie.  Ich erinnere mich an die erste Predigt, die ich als junge Musikstudentin in London hörte: Jesus – ein Märchen? Darin sprach der Pfarrer von verschiedenen Mythen, mit denen wir aufwachsen: Weihnachtsmann, Osterhase ... und Jesus? Er gab dann verschiedene Gründe, unter anderem die historische Glaubwürdigkeit der Augenzeugenberichte über Jesus in den Evangelien, warum das, was im Neuen Testament über Jesus berichtet wird, kein Mythos, sondern Realität ist. Gott hat sich den Menschen ge-schenkt, weil er Gemeinschaft mit uns haben will. Darum geht’s, davon singen wir an Weihnachten.

Danke, liebe Sarah, für das Gespräch. Ich wünsche dir Gutes und Gottes Segen. Das ganze Jahr über, aber diesmal auch besonders zu Weihnachten.

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