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Er nimmt die Sache in die Hand

Essay

Was passiert eigentlich, wenn Gott vergibt? Verschwindet Schuld dann einfach so auf nimmer Wiedersehen? Oder bleibt sie erstmal irgendwo stehen oder liegen, als eiserne Reserve oder Druck-mittel für besonders schwere Fälle? Maike Sachs sortiert unsere Gedanken und erhellt das Dunkel. Gewohnt souverän und herrlich verständlich.

Wie Gott mit unserer Schuld umgeht, wird an einer kurzen Geschichte wunderbar deutlich: Ein junger Manager hatte ein kostspieliges Projekt in den Sand gesetzt. 10 Millionen Euro waren ihm anvertraut worden. Aber er war gescheitert. Geknickt und voll böser Ahnung betrat er das Büro des Firmenchefs. „Sie werden mich jetzt sicher entlassen“, sagte der junge Mann, nachdem sie die Lage besprochen hatten. „Sie entlassen?“, entgegnete der Chef. „Das kann ich mir gar nicht leisten. Ich habe gerade 10 Millionen in ihre Ausbildung investiert.“ Statt der gefürchteten Entlassung gibt es einen Neustart. Die Schuld wird verwandelt, nicht nur vergeben. Um es in einem Bild zu sagen: Vergebung bedeutet, dass die roten Zahlen meiner Schuld gelöscht werden. Es steht dann sozusagen nur noch eine neutrale Null da. Durch die Verwandlung der Schuld aber wird das Konto wieder gefüllt. Schwarze Zahlen sagen mir: Du hast wieder etwas zum Leben. Du kannst neu durchstarten.

Mehr als nur Make up

Wenn Gott vergibt, löscht er das Alte komplett aus. Ganz aktiv geht er gegen das vor, was in seiner Gegenwart einfach keinen Platz hat. Denn Gottes Heiligkeit erträgt keine Sünde. Deshalb musste er sich seinem Sohn verschließen, als der am Kreuz hing, beladen mit der Schuld der Welt. Weil Gott uns aber bei sich haben will, deshalb wird er aktiv. Er nimmt die Sache selbst in die Hand. Man stelle sich das vor: Er zertritt buchstäblich und höchstpersönlich, was sich zwischen ihn und uns stellt. So beschreibt es der Prophet Micha (7,19). Und Jesaja hört Gott klagen: „Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht“ (Jesaja 43,24f).

Das ist mehr als: „Schwamm drüber!“ oder: „Reden wir nicht mehr davon!“ Hier wird nichts unter den Teppich gekehrt oder mit einer süßlichen Soße erträglich gemacht. Gott selbst ebnet den Weg für einen neuen Anfang. Bei ihm ist Vergebung ein Schöpfungsakt. Er will sich nämlich nicht mitten in unseren Unzulänglichkeiten einrichten, sondern sein Neuanfang ist real, die Versöhnung und sein Friede ein Angebot, in dem wir zu Hause sein dürfen.

Gott weiß nämlich, dass wir mit so ein paar Ausbesserungen unserer Vergangenheit niemals auf einen grünen Zweig kommen. In einem Gleichnis macht Jesus das wunderbar deutlich. Luther nennt es die Geschichte vom Schalksknecht (Matthäus 18,21ff). Sie erzählt uns von einem Großgrundbesitzer, der bei seinen Pächtern nach dem Rechten sieht. Dabei fiel ihm auf, dass einer unter ihnen ihm einen Millionenbetrag schuldete. Umgerechnet hätte der Mann 2500 Jahre arbeiten müssen, um aus den roten Zahlen zu kommen. Das aber hätte er nie geschafft. Das wusste auch der Großgrundbesitzer. Deshalb zerriss er die Liste der ausstehenden Beträge und sprach den Mann frei. Leider hinterließ das keine nachhaltigen Spuren. Der Freigesprochene forderte seinerseits von einem Freund einen Lohn von 100 Tagen ein, unbarmherzig bis zum Gang vor den Kadi.

„Es wäre Misstrauen gegen Gottes Verheißung, wenn wir an der vergangenen Schuld weiter festhalten.“

Anders als verdient

„So also steht es um Eure Schuld“, schließt Jesus seine Geschichte. „Was ihr einander vorhaltet, ist verschwindend klein im Vergleich zu dem, was ihr eurem Schöpfer und Herrn schuldig seid. Und seht mal, seht doch, wie er mit euch umgeht!“ Zu meinen, wir könnten da irgendetwas auswetzen oder gut machen oder abtragen, ist illusorisch. Weil aber Gott unser Leben will, nimmt er uns nicht nur die Vergangenheit, die Last von Versagen und Schuld ab; er schafft nicht nur ein reines Gewissen, sondern legt Hoffnung und Zukunft hinein. Wo uns der Rückblick auf Pleiten, Pech und Pannen fesselt, öffnet er uns die Tür ins Leben. Unübertroffen schreibt Paulus davon an die Gemeinde in Rom: „Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn“ (Römer 6,23).

Der Sold war etwas, was ein Feldherr mit seinen Soldaten vereinbart hatte. Jeder Söldner wusste, auf welchen Lohn er sich bei diesem Abenteuer einlassen würde. Mehr durfte er nicht erwarten. Sollte er den Krieg überleben, dann würde er bekommen, was er verdient hatte, auf Heller und Pfennig. Die Gabe aber ist unverdient. Sie ist freiwilliges, unverhofftes Geschenk. Im Original steht hier „Charisma“, was wörtlich bedeutet: ein Ausdruck der Gnade („Charis“). Gnade aber ist gerade nicht verdient. Gnade wird geschenkt. Die Sünde rechnet ab. Gott schenkt Ewigkeit und Leben.

Versprechen gehalten

Vergisst Gott unsere Schuld? Unbedingt, schon um seinetwillen. Denn er erträgt sie nicht. Er müsste sich von uns abwenden, wenn noch irgendeine Schuld an uns kleben würde, selbst eine vergebene Schuld. Wie aber könnte er dann unser Vater sein, wie sollte er unsere Gebete hören, für unser Essen, unsere Kleider und unser alltägliches Leben sorgen und vieles andere mehr? Alles, was er verspricht, wäre von vorneherein ausgeschlossen. Ein Gott aber, der verspricht, was er nicht hält, macht sich unglaubwürdig, im wahrsten Sinn des Wortes.

Vergisst Gott unsere Schuld? Selbstverständlich, um unseretwillen. Wenn er will, dass wir leben, dann muss er nicht nur das Lebensbedrohliche und Zerstörerische vernichten, er muss auch neues Kapital anlegen, mit dem wir neu aufbrechen können. Wir sind und bleiben seine Geschöpfe, auf ihn angewiesen und gleichzeitig reich beschenkt.

Vergessen wir unsere Schuld? Ich fürchte, hier liegt eher das Problem. Manches bekennen wir und legen es ab. Wir nehmen dankbar Gottes Vergebung in Anspruch, entschuldigen uns oder leisten sogar Wiedergutmachung. Aber anderes klebt an uns, als wäre es ein Teil von uns. Nicht immer ist es uns vor Augen. Doch ab und zu taucht ein bestimmtes Erlebnis aus dem Gedächtnis auf und das schlechte Gewissen nagt wie am ersten Tag. Da hilft dann nur der laute und energische Widerspruch. Denn es wäre Misstrauen gegen Gottes Verheißung, wenn wir an der vergangenen Schuld weiter festhalten. Mich persönlich tröstet dann ein Gedanke aus dem Johannesbrief. Dort schreibt der Jünger, den Jesus liebhatte, „dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge“ (1. Johannes 3,20). Der göttliche Vater hat ein großes, warmes Herz, das für uns schlägt, für uns und für die Menschen, mit denen wir unterwegs sind. Er weiß ja viel, aber meine Schuld, die vergisst er.

Magazin Winter 2020

Maike Sachs, Jahrgang 1960, verheiratet mit Jürgen, Mutter von vier erwachsenen Kindern, Großmutter von bald fünf Enkelkindern. Studienleiterin am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen und Synodale ihrer Landeskirche mit einem Herzen für die Weltmission.

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