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Die verlorenen Gärten von Heligan

Essay

Wir alle kennen Momente, in denen wir wütend sind. Menschen haben uns verletzt, belogen und hintergangen. Und wir haben dasselbe auch anderen angetan. Dann stehen wir da und wissen nicht, wo wir mit unseren Gefühlen hinkönnen. Uns ist kaum bewusst, wie stark wir uns durch diese vergangenen Ereignisse in unserer Lebensgestaltung beeinflussen lassen. Und vergeben …? Von Verena Birchler.

Normalerweise reise ich jedes Jahr durch den Südwesten von England. Auf einer dieser Reisen bin ich auf die Gartenanlage „The Lost Gardens of Heligan“ (die verlorenen Gärten von Heligan) gestoßen. Die Geschichte ist schnell erzählt. „The Lost Gardens of Heligan“ ist heute einer der bekanntesten botanischen Gärten Englands. Ursprünglich gehörte das große Anwesen der Tremayne-Familie, die es mit viel Freude pflegte und hegte. Doch dann kam der Erste Weltkrieg. Dies bedeutete den Niedergang dieser schönen Anlage. Die Gärtner waren im Krieg und das Haus wurde von der britischen Armee als Erholungsheim für Offiziere genutzt. Diese Gäste hatten keine Lust, sich die Zeit als Gärtner zu vertreiben und ließen alles verkommen. Dann kam der zweite Weltkrieg und die Militärs nahmen Heligan erneut in Beschlag. Nach dem Zweiten Weltkrieg ahnte niemand mehr etwas von der ehemaligen Schönheit dieses Gartens. John Willis, ein Nachkomme der Familie Tremayne, erbte Heligan. Und er erkannte, welche verborgenen Schätze unter all diesem Unkraut und Wildwuchs zu finden waren. Zusammen mit vielen Helfern begann er, Heligan aus seinem siebzigjährigen Dornröschenschlaf zu wecken und wieder in seinen alten Zustand zu versetzen. Diese Geschichte hat mich stark an die Prinzipien der Vergebung und der Kraft der Versöhnung erinnert.

Es lag in seinen Händen

Auch in unser Leben dringen „Soldaten“ ein, die viel Schönes in uns zerstören. Aus ehemals fröhlichen Menschen können nach Missbrauch, Betrug, Gewalt, Krieg und Mobbing zerstörte Menschen werden und entsprechende Biografien zurückbleiben. Die Persönlichkeit, so wie Gott sie sich gedacht hat, kann sich aufgrund dieser Erfahrungen nicht mehr entfalten. Im Gegenteil: Hass, Wut und Gedanken der Rache nisten sich ein in unseren Köpfen. Unsere Seelen sind – wie die Gärten von Heligan – am Boden zerstört. Was mich an dieser Heligan-Geschichte beeindruckt hat: Da war einer, der nicht wollte, dass diese Gärten verschüttet blieben. Diese Geschichte war sein Erbe, seine Vergangenheit. Es lag in seinen Händen, das Hässliche liegen und verfaulen zu lassen. Aber genauso lag es in seinen Händen, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Und genau dies tat er. Er versöhnte sich und hatte dadurch die Energie, etwas Neues zu gestalten.

Leider erlebe ich immer wieder Menschen, die ihr Leben lang in ihren „verlorenen Gärten“ herumstapfen und nicht bereit sind, diese neu und positiv zu gestalten. Ja, es ist wahr: Menschen verletzen Menschen! Ich rede da aus eigener Erfahrung. Als Kind wuchs ich in einer Alkoholiker-Familie auf. Diese Zeit hat Spuren hinterlassen. Lange Zeit spürte ich Wut, vor allem auf meine Mutter. Unzählige Male hatte sie mich schier zu Tode geprügelt. Jahre später noch hatte ich Angst vor ihr. Aber irgendwann wusste ich auch, dass diese Zeit der „verlorenen Gärten“ meines Lebens nicht meine Zukunft beeinflussen durfte. Ich brauchte einige Jahre, um das zu verstehen. Immer wieder fragte ich mich: „Weshalb hat meine Mutter all ihren Hass an mir ausgelassen?“ Eines Tages schenkte mir Gott eine Antwort: „Deine Mutter war überfordert mit ihrem Leben.“ Diese einfache Antwort war der Start, um mich mit meiner Vergangenheit zu versöhnen. Dies war die Grundlage, um mein Leben wieder zu gestalten und es selbst in die Hand zu nehmen. Mein Hass wurde durch Gottes Liebe in Vergebung umgewandelt.

„Hass, Wut und Gedanken der Rache nisten sich ein in unseren Köpfen. Unsere Seelen sind – wie die Gärten von Heligan – am Boden zerstört.“

Wie Gott mir, so ich dir

Wer über Vergebung nachdenkt, stößt automatisch auf Jesus. Jedes Jahr feiern wir an Weihnachten seine Geburt. Da war nichts Romantisches, nichts Süßes an dieser Geschichte. Die Zeit war hart und die römische Diktatur zerstörte rücksichtslos Menschen. In diese Zeit hinein wurde Jesus geboren. Sein Leben war faszinierend. Und am Ende geht er den Weg ans Kreuz und vergibt uns Menschen unsere Sünden. Diese Tat bringt mich immer wieder ins Nachdenken. Diese unglaubliche Liebe gibt uns eine große Freiheit. Wenn Gott mir vergibt, dann will ich das auch tun. Wenn Gott über mich gute Gedanken hat, dann will ich auch lernen, so zu denken. Und wenn Gott mich liebt, will ich auch lernen, immer mehr zu lieben. Oder wie es jemand einmal kurz und knapp zusammengefasst hat: „Wie Gott mir, so ich dir.“ Dieser Satz ist mir sehr wichtig geworden. Aber ich bin Mensch genug, um zu wissen, dass vergeben nicht immer so einfach ist. Das funktioniert nicht so locker wie bei einem Film von Rosamunde Pilcher, bei dem am Schluss alles in bester Happy End-Manier und lauschiger Musik aufgeht.
 
Und damit zurück zum Anfang. Die verlorenen Gärten von Heligan sind genauso wenig von einem Moment zum anderen erneuert worden wie auch wir unsere Vergangenheit nicht von einem Moment auf den anderen verarbeiten. Die Vergangenheit zu verarbeiten, ist gleichbedeutend mit: Ab jetzt gestalte ich die Zukunft! Ich gestalte sie neu! Vergebung heißt allerdings auch nicht, dass ich mit all denen, die mich verletzt haben, tanzend und singend durchs Leben hüpfe. Und Vergebung ist auch keine Kopfwehtablette, die man einwirft und dann sind alle Schmerzen weg. Vergebung ist in erster Linie ein Neuanfang.

Sich auf den Weg machen

Der Start zu diesem Neuanfang liegt in der Beziehung zwischen Gott und mir. In Jesus ist er auf uns zugekommen. Denn auch wir sind schuldig geworden, haben im Leben Anderer Zerstörung angerichtet und uns dadurch nicht nur von Menschen, sondern auch von Gott entfernt. Und dann kommt Jesus und lässt sich für uns hinrichten! Am Kreuz! Für unsere Sünden! Aus Liebe! Was in der Krippe begann, endete am Kreuz. Und wieder kommt mir dieser eine Satz in den Sinn: „Wie Gott mir, so ich dir.“ Es ist die Botschaft für jeden Menschen, für jedes Schicksal, für jeden „verlorenen Garten“ in unseren Seelen. Dies bedeutet nichts anderes, als dass Jesus uns hilft, wenn wir uns an die Neugestaltung unserer Seele machen. Was mich immer wieder daran freut: Wir müssen uns nichts vormachen. Wir müssen die Wut in uns nicht fromm verdrängen. Vergebung ist keine Zauberformel. Die Fähigkeit, vergeben zu können, ist ein bewusster Entscheid für ein „Ja“ zu Gott. Zu seiner Art, wie er uns Menschen sieht, und zu einem Prozess, auf den wir uns einlassen.

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