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Die Frage nach der fremden Schuld

Ratgeber

Kollektive Schuld – gibt es das eigentlich? Ist es möglich, dass eine Gruppe oder ein Volk gemeinschaftlich schuldig wird, ohne dass der Einzelne etwas dazu beiträgt? Kann es sein, dass eine Generation die Schuld ihrer Ahnen trägt und entsprechend nur durch Buße den Weg zu einem Neuanfang ebnen kann? Von Uwe Heimowski.

Im juristischen Sinne gibt es keine Kollektivschuld. Niemand kann für die Verbrechen seines Vaters verurteilt werden. Gilt das auch für Völker? Bundeskanzler Helmut Kohl hat 1983 anlässlich eines Staatsbesuchs in Israel den Begriff der „Gnade der späten Geburt“ gebraucht. Seine Generation, die nach 1930 Geborenen, sei nicht schuldig am Holocaust und müsse ein neues Verhältnis gegenüber dem jüdischen Staat entwickeln. Geistlich wird diese Einschätzung durch Hesekiel bestätigt, der in Kapitel 18,1 – 3 formuliert: „Und des Herrn Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel ...“ Die Aussage ist eindeutig: Niemand haftet für die Schuld der Väter, jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich.

Schuld hat Folgen

So weit, so – vermeintlich – eindeutig. Doch wir lesen in den 10 Geboten, dass Gott die Schuld der Väter bis in die dritte und vierte Generation verfolgt. Wie ist das zu verstehen? Wechseln wir dafür die Perspektive. Hier geht es nicht um die Schuld an sich, sondern um die Auswirkungen von Schuld. Wir kennen es alle: Das Kind eines Alkoholikers spürt die Sucht seines Vaters am eigenen Leib. Schuld prägt Menschen, sie richtet Schaden an. Alle Generationen (bis zu drei oder vier), die in einem Haus leben, leiden darunter. Schuld hat Folgen – nicht nur für den, der schuldig wird. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen bestätigen die Auswirkungen von kollektiven Erfahrungen auf das Individuum. Der Psychotherapeut Carl-Gustav Jung sprach von Archetypen, die das kollektive Bewusstsein aller Menschen prägen, so lassen sich etwa die gleichen (Alb-)Träume in unterschiedlichen Kulturen finden. Biologen, Epigenetiker, haben nachweisen können, dass die familiären, sozialen und kulturellen Prägungen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung der Gene haben.

So deutsch wie nie

Eine persönliche Begegnung mit der Erfahrung von kollektiver Schuld habe ich in Israel gemacht, in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ich ging durch die Reihe der Exponate und beobachtete jüdische Schüler, deren Lehrer ihnen Schilder wie „Arbeit macht frei“ übersetzte. Ich dagegen konnte alles lesen, es war ja in meiner eigenen Sprache verfasst. In diesem Moment fühlte ich mich so deutsch wie nie zuvor. Ich trage keine Mitschuld am Holocaust, aber ich bin verwoben mit der deutschen Geschichte. Und das nimmt mich in die Verantwortung, etwas dafür zu tun, dass Antisemitismus in dieser Gesellschaft keinen Raum findet. Ebenso unser Staat. Die Gnade der späten Geburt ist gerade keine Vogel-Strauß-Taktik, sondern sie hat sehenden Auges zu unserem Grundgesetz geführt, in welchem die Menschenrechte garantiert werden.

Niemand kann also für fremde Schuld zur Rechenschaft gezogen werden – weder vor Menschen noch vor Gott. Zugleich sind wir dennoch in die Auswirkungen von Schuld verwoben. Unser Teil ist nun, uns das bewusst zu machen, manchmal auch aufzuarbeiten, um es dann – frei und verantwortlich – besser zu machen.

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