Wortgewaltig und Stark

Geschichte

Es ist schon eine Weile her, dass die Welt damit zu tun hatte. Zumindest in Europa. Der Gedanke aber bleibt dennoch in den Köpfen und Herzen der Sehnsüchtigen verankert, wohl auch, weil sie sich nichts mehr wünschen, als dass sich Damaliges wiederhole. Passiv. Oder wiederholen lasse. Aktiv. Dr. Simone Flad beleuchtet für uns die Frage, was es mit der Erweckung auf sich hatte. Und was eben nicht.

Erweckung – was ist das eigentlich? Auch wenn man das Wort „Erweckung“ kennt und vielleicht sogar nutzt, fällt es doch gar nicht so leicht zu erklären, was es eigentlich ist. Fest steht, dass es ein Begriff ist, der fast nur im christlichen Zusammenhang auftaucht. Und da das Christentum auf der Bibel basiert, fragen wir also: was sagt diese zu Erweckung? Zum großen Teil ist dort die wörtliche Bedeutung des Wortes zu finden: aufstehen, aufwachen, sich erheben (vom Schlafen oder Liegen) – und auch auferstehen (vom Tod). Im übertragenen Sinn kommt das Wort hauptsächlich an zwei Stellen vor (Eph. 5,14 und Röm. 13,11). Wir benutzen den Begriff heute in der Hauptsache tatsächlich basierend auf diesen wenigen Stellen des übertragenen Sinns: jemand, der im geistlichen Sinn schlief oder tot war, wird (wieder) lebendig und wach. Man könnte es auch mit einem geistlichen Aufbruch gleichsetzen. In der Regel beziehen wir das Wort weniger auf eine konkrete Person, als vielmehr auf eine ganze Bewegung. Für viele ist das Wort „Erweckung“ mit einer Menge von Menschen verknüpft. Wenn also unser Verständnis von Erweckung nicht primär aus der Bibel kommt, woher kommt es dann?

Was wir wissen. Und was nicht.

Dieser Begriff wurde vor allem im 18. und 19. Jahrhundert geprägt, der Zeit der großen „Erweckungsbewegungen“ im englischsprachigen Raum (dort awakenings oder revivals genannt). Aber nicht nur dort war Erweckungszeit. Vor allem im 19. Jahrhundert erlebten auch Deutschland und andere europäische Länder mehrere Wellen der Erweckung. Oft waren wortgewaltige, charismatische Prediger wie John Wesley, Dwight Moody, Charles Haddon Spurgeon, George Müller, Elias Schrenk und viele andere die Auslöser. Sie sprachen zu den Menschen in Kirchen, im Freien, in großen Hallen oder Zelten. Scharenweise strömten die Zuhörer herbei und wurden von dem Gehörten tief bewegt. Viele kamen zum Glauben – viele davon aus einem nur formalen christlichen Hintergrund oder auch ohne jeden vorherigen Bezug zum Christentum. Sie machten eine geistliche Erfahrung, die in ihrem Leben sichtbare Spuren hinterließ, erlebten eine geistliche Erweckung. Aber es blieb eben nicht bei einzelnen Personen. Viele Menschen, ganze Orte oder Gegenden wurden damals bewegt und verändert. Solche Erweckungsbewegungen waren im 19. Jahrhundert in verschiedenen Gebieten in Deutschland deutlich wahrnehmbar. Wie kam es dazu?

Um es vorwegzunehmen – man weiß es nicht wirklich! Was wir kennen, sind die Umstände, in denen die Erweckungsbewegungen in Deutschland entstanden: Die Menschen im 19. Jahrhundert lebten in schwierigen Zeiten. Gerade am Anfang des Jahrhunderts war das Elend in vielen Gegenden groß. Die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege stellten die alte Weltordnung auf den Kopf und hinterließen in weiten Teilen der Bevölkerung eine große Unsicherheit. Auch die zunehmende Industrialisierung und die damit zusammenhängende Verstädterung verstärkte noch dieses Gefühl der Entwurzelung und Unsicherheit und führte zur Verelendung von vielen. Hinzu kam vor allem in der Schweiz und Süddeutschland in den Jahren 1816/17 eine schlimme Hungersnot, ausgelöst durch das „Jahr ohne Sommer“ 1816. Die Chroniken sprechen von Schnee bis in den Juli, einem total verregneten Sommer und von Bauern, die im Oktober die Kartoffeln unter dem Schnee hervorbuddeln mussten. Fatale Missernten waren die Folge und brachten Hunger und jahrelanges Elend mit sich. Was die Menschen damals nicht wussten: Grund für das „Jahr ohne Sommer“ war die Eintrübung der Atmosphäre über Europa und Nordamerika durch einen Vulkanausbrauch auf der anderen Seite des Erdballs – in Indonesien. Gerade auch aus solchen Nöten heraus wandten sich viele dem Glauben zu und rechneten mit dem nahen Ende der Welt einschließlich der Wiederkunft Jesu Christi. Gleichzeitig suchten viele ihr Heil in der Auswanderung: Scharen von Menschen verließen Deutschland in Richtung USA oder emigrierten (in geringerem Maße) nach Russland.

„Dies alles begünstigte die Erweckungs-bewegungen, die in unterschiedlichen Gegenden Deutschlands ausbrachen. Vor allem in Württemberg, dem Gebiet Wittgenstein-Siegerland und dem Niederrhein knüpften die Erweckungsbewegungen an die alten pietistischen Kreise an. Aber auch in Franken, Berlin, Schlesien, Sachsen und Niedersachsen waren Wellen von geistlichen Erweckungen deutlich sichtbar. Bis heute sind dies die „frommen“ Gebiete in Deutschland mit relativ vielen aktiven Christen. “

Still und kraftvoll

Seit Ende des 18. Jahrhunderts begannen die pietistisch geprägten Frommen, auch die „Stillen im Lande“ genannt, sich zu vernetzen. Sie spielten längst nicht mehr die Rolle in Kirche und Gesellschaft, die sie Anfang des 18. Jahrhunderts innehatten. Den Kampf gegen die Aufklärung hatten sie – so schien es – verloren. Trotzdem waren „die Stillen im Lande“ nicht ohne Kraft. 1780 wurde in Basel die Deutsche Christentumsgesellschaft gegründet und diente als Netzwerk für pietistische Christen, die „zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit in Deutschland“ beitragen wollten. Es sollte sich herausstellen, dass praktisch alle karitativen Vereine, Missions- und Bibelgesellschaften, die später die Erweckungsbewegungen prägen und weitertragen sollten, in irgendeiner Weise mit der Deutschen Christentumsgesellschaft verbunden waren.

Die Erweckungsbewegungen profitierten auch vom neuen Zeitgeist der Romantik, die die vernunftlastige Aufklärung zugunsten der Betonung von Leidenschaft, Gefühl und Erfahrung ablöste. Außerdem war es nun im 19. Jahrhundert rechtlich möglich, sich – unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung – in Vereinen für eine bestimmte Sache zu engagieren und zusammenzuschließen. Diese neue Möglichkeit wurde von Christen wie Nichtchristen reichlich genutzt.

Dafür oder dagegen?

Man könnte jetzt daraus schließen, dass allgemeine Not und Unsicherheit, gepaart mit einem hilfreichen gesellschaftlichen Rahmen, eine Erweckung zur Folge haben würde. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Es lässt sich auch das Gegenteil feststellen: zur gleichen Zeit, in der viele Menschen zu Gott fanden und einen geistlichen Neuanfang machten, wandten sich auch viele Menschen ganz vom christlichen Glauben ab. Das 19. Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert der Erweckungen, sondern auch der Säkularisierung. Weite Teile der Bevölkerung hatten immer weniger mit dem christlichen Glauben zu tun, der philosophische Atheismus (auch in Form des Kommunismus oder der Evolutionstheorie) kam auf und fand immer mehr Anhänger. Neben der Hinwendung zu Gott ist unter denselben Umständen auch immer die Abwendung von ihm möglich.

Erweckungszeiten beschränken sich auch nicht auf das 18. und 19. Jahrhundert. In der Zeit geschahen vielleicht die bekanntesten Erweckungen der Kirchengeschichte, aber beileibe nicht die einzigen. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es immer wieder Bewegungen, die man im Rückblick nicht anders als Erweckungsbewegungen beschreiben kann. Vielleicht haben sie äußerlich nicht viel gemeinsam mit den Erweckungsbewegungen vor hundert oder zweihundert Jahren, mit deren gut organisierten Veranstaltungen, zu denen Hunderte und Tausende von Menschen pilgerten. Innerlich ging es aber doch genau um das eine: eine Neugeburt oder Neubelebung, eine Erneuerung der Gottesbeziehung, eine Vertiefung des Glaubens und der Hingabe an Gott, um einen geistlichen Aufbruch – zuerst von Einzelnen, der dann ansteckend auf andere wirkte.

Erweckung – wir sind versucht, Erweckung von der Geschichte her relativ eindimensional zu sehen, sie auf die Bekehrung einer großen Menge in einem kurzen Zeitraum durch besondere Veranstaltungen zu beschränken. Aber wir können auch unseren Blick weiten. Letztlich besteht jede Erweckungsbewegung aus einzelnen Personen, die einen geistlichen Aufbruch, eine persönliche Hinwendung zu Jesus Christus bezeugen. Manchmal entsteht daraus eine Art Kettenreaktion, die in der unmittelbaren Umgebung auch einen geistlichen Neustart oder eine Neuausrichtung bewirkt: in der Familie, im Jugendkreis, in der Nachbarschaft. Und manchmal passiert einfach nichts.

Wir können es nicht „machen“

Persönliche und überregionale Erweckung geschieht, man kann sie nicht „machen“, sondern nur bezeugen und beschreiben. Erweckung ist immer ein Geschenk Gottes. Alle Versuche, Erweckungen zu reproduzieren, indem man z. B. Methoden kopiert und dann dieselben Ergebnisse erwartet, müssen fehlschlagen. Wir können Erweckungen und ihre Auswirkungen erfahren, dankbar dafür sein und Gott weiter um sein Wirken in dieser Welt bitten. Aber bewirken können wir sie nicht.

Erweckung bedeutet immer Hingabe, sich und sein ganzes Leben (neu) an Jesus ausrichten, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Verstand sich Gott anvertrauen. Wir können uns fragen, wo es auf unserem Lebensweg entscheidende geistliche Erkenntnisse und Erlebnisse gab, die unsere Beziehung zu Gott verändert haben. Vielleicht gibt es neben einer grundsätzlichen Hinwendung zu Gott noch andere Momente, die unsere Hingabe an ihn deutlich verändert und vertieft haben. Was Gott weiter daraus in anderen um uns herum macht oder schon gemacht hat, werden wir vielleicht nie wissen. Es ist sein gnädiges Wirken in und durch uns. Erweckung fängt immer mit Einzelnen an!

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